• Der Frooshaas, gezeichnet von Susanne Smajic, Konstanz.

Sagenhaftes – Erzähltes – Geschriebenes

Balzers hat viele Eigenheiten. Geografisch, kulinarisch, mental, menschlich, mundartlich. «Was sich liebt, das neckt sich», heisst es. «Für Triesenberg und Balzers trifft dies, das darf ich als Triesenberger sagen, irgendwie zu», so Sagenerzähler Herbert Hilbe.
Sagen. 

Es wurden zwischen Balzers und Triesenberg viele Ehen geschlossen, obwohl Triesen dazwischen läge (auch ich persönlich habe einen Tolggen in meiner genealogischen Linie: meine Urgrossmutter war eine Vogt aus Balzers). Doch damit nicht genug. Sogar unser Vorsteher ist ein Balzner! Besser gesagt ein halber, aber solche Kleinigkeiten lasse ich weg. Es geht ja hier um Balzers.

Das auslautende –e ist eine Balzner Besonderheit
Die Balzner haben Böden auf Schweizer Gebiet, eine Besonderheit. Mundartlich ist es vor allem das auslautende –e. Und dieses –e ist mit vielem direkt verbunden. Beispielsweise mit «Tschöse» und «Mane». Dies sind Namen, die man nicht erklären muss. Da stecken Geschichten dahinter, die jeder kennt. Es sind Originale, jeder für sich (Mane ist der Grossvater des Triesenberger Vorsteher, nebenbei). Und der in Triesenberg sesshafte Balzner Büxi hiesse richtigerweise Böxe. Verlassen wir diese Böne, ohne auf das ebenfalls einzigartige System der unzähligen Übernamen zu schauen.
Balzers war nachweisbar von der Jungsteinzeit (5. Jahrtausend v. u. Z.) an dauernd besiedelt. Namentlich wurde es als «Palazoles» erstmals 842 im rätischen Reichsurbar erwähnt. Von den beiden Dorfteilen Balzers und Mäls ist Letzterer sicher älter. Das Dorf lag an der von den Römern im 1. Jahrhundert angelegten Heeresstrasse Mailand-Augsburg. Im Gebiet der Gemeinde sind mehrere römische Bauten nachweisbar. Eines davon, ein Herrenhof, der im frühen Mittelalter an das fränkische Königsgut überging, gab der Gemeinde den Namen. Die römische Fernverkehrsstrasse wurde auch nach dem Untergang der Römer noch während Jahrhunderten als Handelsstrasse weiter benutzt und unterhalten.

Die Geschichte von den beiden Sennen …
Sagen, Legenden und Erzählungen gibt es in Balzers zuhauf. Anlass zur Entstehung von Sagen gibt es genug: Burg, Ellhorn, Reisende, Wälder, Rhein, und nicht zu vergessen die Alpen. Über 40 Sagen gibt es aus Balzers. Dazu kommen noch ungezählte Erzählungen und Geschichtchen. Das lässt darauf schliessen, dass die Balzner seit jeher gute Erzähler hatten und gerne erzählten. Ich denke da an Tschöse.
Meine Lieblingssage aus Balzers ist die Geschichte von den beiden Sennen, einer auf der Schaaner Alp Gritsch, der andere auf der Mälsner Alp Gapfahl. Die beiden Sennen mochten sich nicht, oft ging es in puren Hass über. Der Gritscher Senn machte dem Gapfahler das Vieh verrückt (rückig), wenn es gemolken werden sollte. Der Gapfahler warnte den Gritscher immer wieder, doch dieser war von seinem Hass so geblendet, dass er es nicht lassen konnte. Als es wieder einmal passierte, riss dem Mälsner der Geduldsfaden. Er nahm seine Sennschürze, legte sie auf den Tisch und stach mit all seiner Kraft mit seinem Messer in die Schürze. Auf Gritsch fiel gleichzeitig der Senn tot um. Ein Messerstich direkt ins Herz hatte ihn getötet. Die Sennschürze als Voodoopuppe.

… die Sagen der Burg Gutenberg …
Die Sagen der Burg Gutenberg muten eher wie Märchen an, sie handeln von Schätzen, die bewacht werden müssen, aber niemandem gelingt es, die Bewacher zu erlösen. Diese Geschichten sind der Bevölkerung heute noch ziemlich geläufig. Eine ganz andere Sage handelt vom «kleinen Mann auf Gutenberg»: Ein Bauer war auf dem Heimweg. Underem Schloss gesellte sich ein kleiner Mann zu ihm. Er redete nichts und nach einer kurzen Wegstrecke war der Mann plötzlich verschwunden. Der Bauer wusste mit dieser Begegnung nichts anzufangen und so bat er zwei seiner Freunde, sich auf die Lauer zu legen und dem kleinen Mann zu folgen, wenn er wieder einmal auftauchte. Wenige Tage später gesellte sich das Männlein wieder zum Bauern auf dessen Heimweg, und wiederum war es auf einmal nicht mehr beim Bauern. Die Freunde des Bauern konnten dem Männlein folgen. Es ging hoch zur Burg in den Schlosshof und verschwand dort in einem Schopf. Nach einer gewissen Zeit getrauten sie sich, in den Schopf zu schauen. Sie sahen ein kleines Feuer flackern, aber das Männlein sahen sie nicht. Noch oft gingen sie abends dort nachschauen. Das Feuer war immer da, aber der kleine Mann wurde nie gesehen.

… und die berühmten Diebalöcher
Berühmt, und wohl auch bekannt, ist die Sage von den Diebalöchern (Höhlen der Diebe). Auch wenn die Sage ziemlich bekannt ist, will ich sie hier anführen: Die Diebalöcher sind in einem felsigen Waldhang im Ellholz auf graubündnerischem Gebiet.
Eines Tages kam ein Unbekannter nach Mäls. Mit einer Angelrute wollte er in den Jauchegruben Fische fangen. Die Balzner lachten ihn aus. Doch der Fremde meinte: «Was ich nicht fange, das fängt mein Bruder.» Während sich die Balzner über ihn lustig machten, wurde von seinem Komplizen Fleisch, Ziegen, Hühner und vieles mehr gestohlen. Auch bettelnde Frauen waren oft in Balzers; sie stahlen alles, was möglich war. Ein betroffener Balzner erzählte über dem Rhein von den Diebstählen und dass die Diebe nicht zu finden seien. Da sagten ihm die Schweizer, dass man nachts im Ellholz in den Felsen jede Nacht ein Feuer brennen sehe, und man höre auch Stimmen. Die Balzner machten sich am selben Abend auf den Weg, hoben das Räubernest aus und nahmen die Diebe fest. Bei der Festnahme hatte sich ein junges Pärchen, welches ebenfalls zu den Dieben gehörte, vor dem Zugriff tanzend über den Felsen in die Tiefe gestürzt.
Viele der Balzner Sagen und Geschichten wären es wert, hier angeführt zu werden, doch deren Menge lässt nur Weniges zu. Die Stichwörter Scheleg Gäässler, Draggalöcher, Geistersagen, Sagen vom Nachtvolk, Frooshaas, Schrättleg, die märchenhafte Geschichte vom Ilgenblatt, Marksteinversetzer u. v. m. bieten praktisch jedes Thema, das in Sagen unserer Region aufscheint. Sie immer wieder zu lesen, zu erzählen und zu hören ist kurzweilig und interessant. (hh)

Balzner Sagen: Zu lesen und zu hören (im Buchhandel und in den Bibliotheken):

Liechtensteiner Sagen, 2011: 
van Eck Verlag, Triesen (vergriffen)
Sagenwelt Liechtenstein, 2017: 
van Eck Verlag, Triesen
«Wia ma bi üüs red»:
Tonsammlung der liechtensteinischen Ortsmundarten. Triesen, 1998.

25. Apr 2018 / 20:47
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