• Arthur Brunhart in Balzers
    Arthur Brunhart weiss einiges über die Balzner Eigenarten zu erzählen.  (Daniel Schwendener)

Einmal Balzner, immer Balzner

Weshalb halten Balzner ihrer Heimatgemeinde merklich öfter die Treue, als dies für Bürger anderer Gemeinden gilt? Für Historiker Arthur Brunhart hat das viel mit einer starken Verwurzelung und einem grossen Zusammenhalt zu tun.

Klar, in einer anderen Gemeinde liesse es sich sicher auch gut leben. Im Ausland ebenso, wenn es einen – aus welchen Gründen auch immer – denn dorthin verschlagen sollte. Nach Möglichkeit, das war für Arthur Brunhart aber (fast) immer klar, würde er Balzers, seinem Balzers, aber die Treue halten.

Es waren nicht zuletzt seine Ausbildungsjahre, die den Historiker, Ex-Landtagsabgeordneten und ehemaligen Balzner Vorsteher in dieser Hinsicht geprägt haben. Damals, erzählt er, habe er in den Ferien regelmässig die Post ausgetragen, um das Studium zu finanzieren. «Und als Briefträger hast du zu jener Zeit noch deutlich mehr von den Menschen mitbekommen.» Nicht nur wegen der vielen Zusendungen, die ihm – selbstredend ohne sie zu öffnen – eine Ahnung vermittelten, was in den Leben seiner Klienten gerade passierte. «Du wurdest auch in die Häuser gebeten, kamst mit den Leuten ins Gespräch.» Aus manchen Kontakten entwickelten sich Bekanntschaften und Freundschaften, die sich nach und nach in sein soziales Netz einfügten, es stärkten. Nachhaltig. Balzers – Brunharts Hafen: «Mir gefällt die Natur, die Landschaft. Ich kenne viele Menschen, ich mag sie. Sie sind mir vertraut, und ich ihnen.» Weshalb also woanders sein? Gleichwohl: Irgendwie scheint die persönliche Biografie seine tiefe Verbundenheit zu Balzers nicht gänzlich erklären zu können. Arthur Brunhart ist schliesslich kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil. In keiner Gemeinde Liechtensteins sind so viele Einwohner zugleich Bürger derselbigen wie in Balzers. Oder etwas zugespitzt: Einmal Balzner, immer Balzner. Und weil nicht jeder von ihnen eine Vergangenheit als Briefträger haben kann, muss da fast zwangsläufig noch etwas anderes, etwas Grösseres sein, womit die Gemeinde ihre «Schäfchen» zu binden vermag.

Ein «Nährboden» für Verbundenheit

In den Augen des Historikers hat dieses wirkmächtige «Etwas» seinen Ursprung in der Geschichte der Gemeinde. «Bis vor etwa 200 Jahren war Balzers genossenschaftlich organisiert», erklärt er. Während sich in anderen Gemeinden zunehmend Privatisierungstendenzen zeigten, befanden sich in Balzers viele Böden in Gemeinde-, respektive Genossenschaftsbesitz und wurden von den Bürgern gepachtet. Diese Strukturen sind laut Brunhart bis heute präsent: «Viele Bürger haben ihr Heim auf Boden errichtet, den sie von der Gemeinde im Baurecht erhalten haben.» Die Existenz der Menschen in Balzers stand und steht so letztlich in direkter Abhängigkeit zum Dorf.  Und dies, so Brunhart, habe eine starke Verbundenheit zur eigenen Heimat, einen ausgeprägten Lokalpatriotismus entstehen lassen, wie sich beispielsweise in einem noch heute sehr grossen Interesse an der eigenen Geschichte zeige. «Nicht umsonst gibt es über Balzers bedeutend mehr Literatur als über viele andere Gemeinden.»

Die genossenschaftliche Prägung hat jedoch nicht nur die Bindung der Bürger zu ihrer Gemeinde intensiviert. Sie hat auch dafür gesorgt, dass Balzers als miteinander geteilte Heimat begriffen wurde und bis heute eine grosse integrative Kraft entfalten kann. Nach aussen vermitteln die Balzner bisweilen den Eindruck einer eingeschworenen Gemeinschaft. Eines Dorfs, in dem sich die Menschen noch etwas näher sind. Solche Dinge höre er immer wieder, wenn er mit Menschen aus anderen Gemeinden spreche, sagt Brunhart. Und das deckt sich auch mit seinen eigenen Eindrücken: «Der Zusammenhalt und das soziale Kapital in Balzers sind vergleichsweise gross», sagt Brunhart. «Die Menschen unterstützen sich.» Dass in der südlichsten Gemeinde des Landes etwa 1956 die erste Familienhilfe des Landes gegründet wurde, ist für ihn kein Zufall.

Aufmüpfige Querdenker

Allerdings auch nicht, dass sie mit dem Verein Lebenshilfe Balzers in diesem Bereich bis heute auf eine eigene Lösung setzt, statt sich in die Liechtensteinische Alters- und Krankenhilfe (LAK) einzugliedern. Denn zur Balzner Identität gehört auch das Emanzipatorische, das Streben nach Autonomie, die Besinnung auf die eigene Kraft. «Der Balzner gilt als etwas aufmüpfig, als Querdenker. Als jemand mit einer gewissen Skepsis gegenüber dem, was die nationale Politik in Vaduz bestimmt», weiss Brunhart. Manche, ergänzt er, sagten dem Balzner sogar eine revolutionäre Ader nach. Womöglich nicht ganz zu Unrecht: «Als ein Menschenzug 1848 den Beamten Johann Langer über die österreichische Grenze schaffte, marschierte an dessen Spitze der Balzner Hans Wolfinger, auch bekannt als ‹Trümmele-Hans›».

Zusätzlich verstärkt wurden und werden all die genannten Charakteristika – die Heimatverbundenheit, der Zusammenhalt, die Pflege der Eigenarten und der Selbstbestimmtheit – durch die geografische Position der Gemeinde. Im südlichsten Winkel des Landes gelegen, verfügt sie zwar über direkte Verbindungen in die Schweizer Nachbarschaft, wirkt gegenüber dem Rest des Landes aber fast ein wenig isoliert. An die nördlich gelegenen Dorfausläufer schliesst sich ein stattliches Stück unbesiedelten Raumes an, das teils unter Landschaftsschutz steht. Erst mit gebührendem Abstand kündigt sich mit Triesen das nächste Dorf an. «Balzers», sagt auch Arthur Brunhart, «war immer etwas auf sich allein gestellt.»

Bei aller Selbstreferenzialität  begreift sich Balzers und begreifen sich seine Einwohner aber sehr wohl als Teil des Landes, wie der ehemalige Vorsteher betont: «Wir Balzner fühlen uns Liechtenstein stark verbunden. Die Beziehungen zu den anderen Gemeinden sind sehr gut.» Das, fügt er lächelnd an, zeige sich auch an den vielen gemeindeüberschreitenden Hochzeiten.

«Alles wird stärker zusammenwachsen»

In gewisser Weise liegt in ihnen womöglich ein taugliches Symbol für das, was die Zukunft bereithalten mag. Viele Herausforderungen, ist Brunhart überzeugt, werden sich nur im Verbund lösen lassen. «Die Gemeinden sind aufeinander angewiesen. Alles wird stärker zusammenwachsen.» Freilich ohne, dass die Balzner dabei ihre Identität preisgeben würden. «Ein Balzner», sagt Arthur Brunhart, «bleibt ein Balzner, trotz aller Weltoffenheit und einer kosmopolitischen Ader.» Und als solcher seiner Heimat tief verbunden. (bo)

11. Apr 2019 / 08:37
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