• Ap3_Corona
    Schritt für Schritt hat die Crew ihr eigenes Patienten-Isolationssystem entwickelt, um Covid-19-Patienten transportieren zu können.  (zvg)

Eigenes Isolationssystem entwickelt

Die Alpine Air Ambulance leistet mit einem speziellen Helikopter ihren Beitrag in der Corona-Krise. Dieser kam auch in Liechtenstein zum Einsatz.

«Wir machen uns momentan schon viele Gedanken, wenn wir zu einem Einsatz gerufen werden», erklärt Jürg Fleischmann, Gründer und Inhaber der Lions Air Group AG und der AAA Alpine Air Ambulance, welche die Balzner Basis der AP3 Luftrettung mit dem dort stationierten Rettungshelikopter «Christoph Liechtenstein» betreiben. Die AP3 Luftrettung ist ein gemeinsames Unternehmen der AAA, der DRF Luftrettung und der ARA. Fragen stellen sich etwa, ob es sich um einen «herkömmlichen» Schlaganfall, Herzinfarkt oder Unfall handelt, oder  damit gerechnet werden muss, dass der Patient mit dem Coronavirus infiziert ist. Denn dann erfordert die Situation eine komplett andere Herangehensweise an den Einsatz und zusätzliche Infektionsschutzmassnahmen für die Crew. 
Schon Ende Februar haben die Alpine Air Ambulance und ihre Liechtensteiner Tochterfirma, die AP3 Luftrettung, damit begonnen, zwei Fahrzeuge für den Transport von Covid-19-Patienten umzurüsten. «Mitte März haben wir entschieden, auch einen zusätzlichen Rettungshelikopter in Betrieb zu nehmen», sagt Jürg Fleischmann. Seither werden mit diesem Covid-19-Patienten aus Liechtenstein, der Schweiz, aber auch aus Deutschland, Frankreich und Italien über lange Strecken transportiert. Der Rettungshelikopter wurde eigens zu diesem Zweck modifiziert – und das in Handarbeit von der Crew. 

Mit Teamwork eine  gute Lösung gefunden
Nach den ersten Flügen mit Covid-19-Patienten an Bord war klar, dass die besondere Lage auch besondere Massnahmen erfordert. «Denn nach einem Transport war die Crew über drei oder vier Stunden hinweg damit beschäftigt, den Helikopter zu desinfizieren. Das war vor allem im Cockpit mit den vielen Instrumenten und Knöpfen sehr aufwendig», erklärt Jürg Fleischmann. Hinzu kam, dass das aggressive Desinfektionsmittel für die sensiblen Instrumente alles andere als optimal war. So haben alle Mitarbeitenden der Luftrettungsorganisation ihre Köpfe zusammengesteckt und an einer Problemlösung getüftelt. Diese sah in einem ersten Schritt so aus, dass das Cockpit mit einem speziellen Schutz vom Patientenraum abgetrennt wurde. Nach ein paar Einsätzen hat das Team aber gemerkt, dass das System noch nicht ganz ausgereift ist. «Wir mussten immer noch sehr viel Zeit in die Desinfektion des Patientenraums, der Einbauten und Einsatzrucksäcke investieren», erklärt Jürg Fleischmann. Das war suboptimal, da der Rettungshelikopter während dieser Zeit selbstverständlich nicht einsatzfähig war. Deshalb ging die Arbeit in die nächste Runde. Die Crew kam zum Schluss, dass es die einfachste Lösung wäre, den Patienten in einem Sack zu transportieren. «Wir haben die Idee mit übergrossen Containersäcken getestet.»  
Schliesslich wurde ein Produzent gefunden, der dieses Foliensystem nach Mass herstellt. «Mittlerweile sind wir etwa bei der siebten Version. Wir haben nun ein System, mit dem die Patienten sowohl in das Krankenhaus transportiert werden können, das aber auch an der Unfallstelle gut einsetzbar ist.» Den Abschluss der Konstruktion bildet eine Art Deckel, der luft- und flüssigkeitsdicht ist. In diesen wurden Filter und Zugänge eingebaut, um so das Monitoring und den Beatmungsschlauch einzuführen. «Zudem haben wir am Kopfende etwas Stabiles gebraucht, das dem Patienten genügend Raum lässt.» In Österreich und Deutschland gibt es Rettungsdienste, die dieses System nun übernommen haben.

Keine Mühe gescheut, um Beitrag zu leisten
Damit war die Arbeit allerdings noch nicht getan. Die Crew-Mitglieder mussten sich mit dem neuen System vertraut machen. So wurde ein Trainingsvideo mit den jeweiligen Schritten gedreht, eine theoretische Beschreibung verfasst und alle Mitarbeitenden erhielten eine Instruktion. «Ausserdem übernimmt der Pilot jeweils die Funktion des Supervisors, der penibel darauf achtet, dass alle Anweisungen eingehalten werden», erklärt Jürg Fleischmann. 
Das selbst entwickelte System schützt Piloten, Rettungssanitäter, Notarzt und andere beteiligte Personen vor einer Ansteckung. «Die Crew wird wegen der Pandemie ohnehin mental schon extrem gefordert.» Die Dienstzeiten wurden daher verkürzt. Die jeweiligen Crews, bestehend aus je einem Piloten, Notarzt und Rettungssanitäter, stehen jeweils nur noch während 24 bis maximal 48 Stunden im Dienst. Trotz des Mehraufwands ist es für Jürg Fleischmann nie infrage gekommen, Covid-19-Patienten nicht zu transportieren. «Wir wollen unseren Beitrag leisten, was dank des Teamworks sehr gut möglich ist.» Doch nicht alle Luftrettungsorganisationen sind dieser Meinung. So gibt es in den umliegenden europäischen Ländern einige, die nur beatmete Patienten transportieren, da das Risiko der Tröpfcheninfektion so geringer ist. «Wir sind deshalb oft auch im Ausland unterwegs.» Auch in Liechtenstein und der Schweiz hatte der Helikopter schon mehrere Einsätze. Für Kurzstreckenflüge – etwa Patiententransporte von einem Pflegeheim ins Spital – wird hierzulande weiterhin der Rettungshelikopter «Christoph Liechtenstein» eingesetzt. 

Andere Einsätze leiden nicht unter dem Virus
Trotz des neuen Systems nimmt ein Einsatz mit einem Covid-19-Patienten viel Zeit in Anspruch. Bis dieser isoliert ist, im Krankenhaus abgegeben wurde, der Helikopter wieder zur Basis zurückgeflogen ist und anschliessend die Instrumente gereinigt sind, dauert es in der Regel sechs Stunden. Doch auch bei Patienten, die das Virus nicht in sich zu tragen scheinen, ist momentan höchste Vorsicht geboten. So sind alle Crew-Mitglieder mit einem Schutzanzug und einer Maske ausgestattet. Auch wird durch Gespräche mit Angehörigen und dem Patienten versucht, herauszufinden, ob eine Infektion womöglich gegeben ist. «Für den Patienten ist diese Frage oft sehr unangenehm. Die Person ist etwa wegen eines Herzinfarkts ohnehin verunsichert und dann kommt noch der Notarzt und will wissen, ob sie sich hat testen lassen.» Jürg Fleischmann stellt klar, dass es auch der Crew unangenehm sei. «Doch in Zeiten wie diesen ist die Frage unumgänglich.» 
Jene Einsätze, die nichts mit dem Coronavirus zu tun haben, haben abgenommen. «Gerade in Balzers war es auf Grund der frühzeitig beendeten Skisaison im März und Anfang April deutlich ruhiger als im Vorjahr», sagt Jürg Fleischmann. Das begrüsse er, denn somit zeige sich, dass die Menschen dem Aufruf, zu Hause zu bleiben, grösstenteils Folge leisten. Dennoch plant er, den zusätzlichen Rettungshelikopter bis Ende Jahr in Bereitschaft zu halten. «Eine zweite Welle ist nicht auszuschliessen.» Und so wird auch weiter am Isolationssystem getüftelt. Denn nach jedem Einsatz gibt es wieder neue Verbesserungsvorschläge, die es umzusetzen gilt. (jka)

Ap3 Corona

 

25. Apr 2020 / 07:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Bauen und Wohnen Mai 2020
Zu gewinnen einen Gaskugel-Grill Chelsea 480 G der Marke ­Outdoorchef im Wert von 399 Franken von ­Eisenwaren Oehri AG in Vaduz.
07.05.2020
Facebook
Top