• Kathrin Sele, Vaduz
    Samstagsgespräch mit Kathrin Sele - Forscherin in Helsinki, Kunstmuseum Vaduz  (Tatjana Schnalzger)

«Wir geben den neuen Technologien zu viel Macht»

Die Liechtensteinerin Kathrin Sele forscht an einer finnischen Universität zur Innovationsfähigkeit von Unternehmen und zur Digitalisierung von Arbeitsprozessen. Im Interview erklärt sie, warum die Technologie den Vorstellungen noch weit hinterherhinkt.

Frau Sele, wie kam es dazu, dass Sie als Liechtensteinerin an einer Universität in Helsinki als Assistenzprofessorin unterrichten und forschen?
Kathrin Sele: Nach meiner Doktorarbeit an der Universität St. Gallen bin ich zusammen mit meiner Familie nach Frankreich gezogen, um als Assistenzprofessorin in Toulouse tätig zu sein. Danach hat sich beruflich eine Chance an der Aalto-Universität in Helsinki ergeben.

Sie waren diese Woche in Liechtenstein für einen Forschungsworkshop zum Thema Digitalisierung von Arbeitsprozessen. Gaben Sie einen Einblick in Ihre Forschung an der Aalto-Universität?
Dieser internationale Workshop findet mehrmals im Jahr statt und bringt jeweils eine Gruppe von Wissenschaftlern, die in ähnlichen Themengebieten forschen, zusammen. Dieses Mal wurde der Workshop vom Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität Liechtenstein organisiert. In einem 
kurzen Impulsreferat habe ich über mein neues Forschungs-projekt informiert, das sich mit der Algorithmierung von Routinen, sprich Arbeitsprozessen, beschäftigt. Es ging weniger darum, fertige Resultate zu präsentieren, als vielmehr darum, Synergien ausfindig zu machen und sich auszutauschen. Auch ein Vertreter der Hilti war dabei, um unsere Themen und Forschungsresultate 
praxisnah zu diskutieren.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit der Frage nach der Innovationsfähigkeit von Unternehmen in Zusammenhang mit digitalen Technologien. Woran arbeiten Sie und wie gehen Sie vor?
Ich würde mich als Ethnografin bezeichnen. Das heisst, ich gehe direkt zu Unternehmen und Organisationen, ich verbringe relativ viel Zeit dort, werde Teil der Kultur und versuche auf diese Weise, Abläufe genau zu verstehen. Derzeit untersuche ich ein grosses Digitalisierungsprojekt an der Aalto-Universität, da derzeit ein digitales HR-Tool eingeführt wird. Ich folge den Personalleuten praktisch wie ein Schatten (lacht). Ein anderes Projekt betrifft die finnische Steuerverwaltung, die derzeit versucht, ihre Prozesse stark zu automatisieren. Dabei geht es um den Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz, die menschliche Arbeitsschritte ersetzen sollen. Die damit verbundene Frage, wie Mensch und Maschine zusammenarbeiten, ist besonders interessant. 

Was sind bislang Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Projekt?
Das Thema «künstliche Intelligenz» ist in aller Munde, aber niemand weiss genau, was solche Technologien eigentlich bedeuten. Eine Erkenntnis ist, dass dieser Hype nicht zwingend der Realität in den Unternehmen entspricht. Die Algorithmen, die heute entwickelt werden, sind immer noch relativ «dumm». Wenn ein Computer sehr gut Schach spielen kann, dann schlussfolgern wir, dass er unglaublich intelligent wäre. Dabei basiert Schach auf regelbasierten Entscheidungsmustern. Es gibt also eine endliche Menge an möglichen Zügen und es geht lediglich darum, über wie viel Rechenkapazität ein Computer verfügt und wie gut ihn der Mensch programmiert hat, um diese Züge zu berechnen. Wir geben den neuen Technologien zu viel Macht und denken, sie könnten unglaublich viel. 

Und beim Experiment in der Steuerverwaltung zeigte sich das auch?
Ja, es stellte sich als Trugschluss heraus zu glauben, dass ganze Prozesse voll automatisiert werden könnten und ein Mensch durch einen Roboter ersetzt werden kann. Der Roboter wurde zum Beispiel eingesetzt, um einen Brief zu schreiben und automatisch zu versenden. Eine Frage, die auftauchte, war: Wen können die Empfänger nun anrufen und wer soll als Kontakt angegeben werden? Hier benötigte es wieder menschliche Ressourcen und neue Prozesse, auch wenn die finnische Steuerverwaltung bereits heute hochmodern ist. Wir haben auch gelernt, dass Experimente und Innovationsprojekte im Generellen nicht genau geplant und häufig zu unerwarteten Konsequenzen führen können, mit denen Unternehmen umgehen müssen.

Robotik und künstliche Intelligenz sind bei einem kleinen Anteil der Organisationen in der Schweiz ein Thema, das zeigen Umfragen. Nur 14 Prozent beschäftigen sich überhaupt damit. Die Technologie hinkt den Erwartungen demnach hinterher?
Ja, absolut. Unternehmen vergessen auch, dass Digitalisierung ein Prozess ist und nicht ein Problem, das sofort und komplett gelöst werden muss. Es ist vielmehr eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Und auch wenn es Berater sicherlich ungern hören: Es gibt kein Patentrezept. Mit selbstlernenden Algorithmen stehen wir vor Fragen, die wir nur beantworten können, wenn wir Studien durchführen und dabei die Prozesse in einem Unternehmen genau unter die Lupe nehmen. 

Ein Unternehmer möchte an dieser Stelle wahrscheinlich trotzdem gerne erfahren, was er konkret tun oder besser machen kann. Gibt es einen Fehler, der sich vermeiden liesse?
Eine Technologie ist wie ein Mensch und zwar in dem Sinne, dass sie innerhalb eines Unternehmens ein eigenes «Leben» entwickelt. Häufig werden jedoch technologische Fragen von den menschlichen sowie sozialen Fragen getrennt und isoliert betrachtet. Das ist ein völlig falscher Weg. 

Neun von zehn Digitalisierungsstrategien scheitern an den «soft facts», also den weichen Faktoren wie den Mitarbeitern eines Unternehmens. 
Ja, weil der Mensch ein wichtiger Faktor ist. Es ist falsch zu glauben, dass Technologien morgen die Arbeit übernehmen. Dieser Rückschluss funktioniert nicht. Und es ist genauso falsch zu glauben, dass wir etwas vom Zaun brechen können. Wir werden noch ganz lange Digitalisierungsstrategien umsetzen.  

Die Schweizer Forscher Willimann und Käppeli haben die Frey/Osborne-Studie für den Schweizer Arbeitsmarkt nachgerechnet mit dem Resultat, dass auch in der Schweiz durch Digitalisierung rund die Hälfte der Jobs gefährdet sei.
Die Frage ist, was «gefährdet» heisst? Für mich bedeutet dies, dass mein heutiger Job in dieser Form morgen nicht mehr existieren wird. Er verändert sich zwangsläufig und innerhalb des Arbeitsmarktes wird es eine Verlagerung geben. Obwohl neue Technologien wie künstliche Intelligenzen noch in den Kinderschuhen stecken, ist damit eine gewisse Angst verbunden. Diese müssen wir ernst nehmen und die Forschung kann hier einen wichtigen Beitrag leisten. Ich glaube daran, dass Digitalisierung nicht zu weniger, sondern zu anderen Jobs führen wird. Jobs, in denen die menschliche Intuition im Vordegrund steht. Dazu kommt, dass in vielen Studien die Komplexität solcher Veränderungen gar nicht berücksichtigt wird.  

Tauschen sich Forscher und Unternehmen zu wenig aus?
Ich glaube, dass Unternehmen in einem ersten Schritt nicht auf einen Forscher zugehen, sondern sich einen Berater suchen. Ich wäre mir aus Managementsicht nicht sicher, ob dies immer die richtige Entscheidung ist, weil Berater einen anderen Fokus haben. Sie stellen sich die Frage, an welchen Schaltern sie drehen müssen, um ein anderes Ergebnis zu erzielen. Häufig sind ihre Erkenntnisse nicht evidenzbasiert, sie schöpfen aus einem Baukasten. Ich habe das Gefühl, dass vor allem qualitative Forschung in diesem Punkt wirklich etwas leisten kann und Forscher sind um einiges günstiger (lacht). Es ist aber auch ganz klar ein Problem von uns Forschenden, dass der Austausch oft zu kurz kommt und stärker werden müsste. 

46 Prozent der CEO setzen auf Weiterbildung und Umschulung, um der Digitalisierung gerecht zu werden, zeigt eine Umfrage in der Schweiz. Auch wenn es kein Patentrezept gibt, erachten Sie dies als wichtigen Hebel?
Universitäten und Schulen sind natürlich ein fruchtbarer Boden, um solche Themen anzustossen. Es ist wichtig, dass Universitäten sich Gedanken machen, was sie zur Weiterbildung von Mitarbeitern beitragen können und wie Digitalisierung in die Lehre aufgenommen werden kann. Dabei geht es um mehr als ob wir mehr oder weniger digitale Technologien in der Ausbildung einsetzen sollten. Wir brauchen ein besseres Verständnis, welche Rolle Digitalisierung in unserem Leben spielt – als Individuen, als Organisationen und auch als Gesellschaft. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Einsteigern in den Arbeitsmarkt und der Generation, die kurz vor dem Ruhestand steht? Auch hier gibt es keine einfachen Rezepte. Gefragt ist ein Zusammenspiel zwischen der Politik, Unternehmen und der Forschung.   

Ihre Forschung läuft noch bis ins Jahr 2024. Wie geht es nun weiter?
Der finnische Forschungsfonds ermöglicht es mir, in den nächsten fünf Jahren der Frage nachzugehen, wie wir Algorithmen im Arbeitsleben nutzen können und welche Rolle sie in Organisationen spielen. Die Studie zur Steuerverwaltung ist ein Teil davon. Im Personalwesen werden zunehmend Algorithmen genutzt, um Leute zu scannen und auszuwählen. Auch darauf werde ich mein Augenmerk legen. Ich darf auch hinter die Kulissen von Tesco, einer grossen Supermarktkette in Grossbritannien, und ihrer Algorithmen zum Verstehen von Kunden blicken. Dafür arbeite ich mit dem Retail Institut an der Oxford University zusammen.  

Zieht es Sie danach zurück nach Liechtenstein?
Gute Frage. Mein Lebensmotto ist es, spannenden Opportunitäten zu folgen. Wo diese liegen, weiss man nicht im Voraus. Wir fühlen uns als Familie sehr wohl in Finnland. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Finnen und Liechtensteiner viele Gemeinsamkeiten haben. (dal)

 

10. Nov 2019 / 06:59
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