• Fröhliche Gesichter bei der Übergabe der unerfreulichen Analyse: Christoph Jochum, Geschäftsführer der Sophie von Liechtenstein Stiftung und Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini.
    Fröhliche Gesichter bei der Übergabe der unerfreulichen Analyse: Christoph Jochum, Geschäftsführer der Sophie von Liechtenstein Stiftung und Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini.  (ROLAND KORNER)

Studie zeichnet ein düsteres Bild

Eine Studie der Sophie von Liechtenstein Stiftung zeigt mehrere Missstände bei der Hilfe für Familien mit Kleinkindern in belastenden Lebenssituationen auf.
Gesellschaft. 

Die Pressemitteilung der Regierung liest sich völlig harmlos. Die Regierung habe am Dienstag den Bericht «Frühe Kindheit in Liechtenstein – Familien mit Kleinkindern in belastenden Lebenssituationen – Empfehlungen für ein nachhaltiges Programm Frühe Hilfe» der Sophie von Liechtenstein Stiftung zur Kenntnis genommen. Und nebst ein paar allgemeinen Ausführungen heisst es am Schluss der Mitteilung : «Das Ministerium wird die vorgeschlagenen Massnahmen nun den betroffenen medizinischen und psychosozialen Fachstellen und Institutionen in Liechtenstein zur Kenntnis bringen und sie bitten, im Rahmen einer Stellungnahme die einzelnen Massnahmen zu bewerten und zu kommentieren. Das Ministerium für Gesellschaft wird diese Stellungnahmen dann konsolidieren und die weiteren Schritte im Bereich der Frühen Hilfe koordinieren.»

Doch wer die Studie und die Analyse der Ist-Situation liest, erkennt, dass bei der Hilfe für Familien mit Kleinkindern in belastenden Lebenssituationen in Liechtenstein vieles im Argen liegt.

Etwa 200 Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren betroffen
Gemäss der Studie befinden sich 90 Prozent der Jungfamilien in Liechtenstein in guten sozialen und familiären Verhältnissen und können die Herausforderungen einer Familiengründung «mehr oder weniger gut» bewältigen. «Die Lebenssituationen von 8 bis 10 Prozent aller liechtensteinischen Eltern, die ein Kind zur Welt bringen, sind so stark belastet, dass ein deutlich erhöhtes Risiko für Beeinträchtigungen der kindlichen Entwicklung mit lebenslangen gesundheitlichen, sozialen, schulischen und beruflichen Nachteilen besteht. Dies betrifft Anfang 2019 ca. 100 bis 130 Familien mit insgesamt ca. 200 Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren», heisst es in der Zusammenfassung der Studie. Als Hauptbelastungsfaktoren in diesen Familien werden psychische Erkrankungen, finanzielle Probleme, Ausdünnung familiärer Ressourcen, Alleinerziehung, Stress durch mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf und bei Migranten das fehlende familiäre Netz, Sprachprobleme und soziale Isolation genannt.Für die Analyse der Situation hat die Stiftung Interviews mit Frauen- und Kinderärzten, Psychiatern, zuständigen Amtsstellen und betroffenen Familien geführt. Und die in der Studie zitierten Aussagen zeigen, dass mehrfacher und dringender Handlungsbedarf gegeben ist. Aufgrund einer fehlenden Vernetzung der zahlreichen Stellen mangelt es bereits an der Früherkennung von mehrfach belasteten Jungfamilien. Zudem fehlen etwa Hebammen und eine niederschwellige sozialpädagogische Familienbegleitung. Daneben haben auch die Veränderungen im Gesundheitswesen dazu geführt, dass gewisse Leistungen nicht in Anspruch genommen werden, da es sich die betroffenen Familien nicht leisten können.

«Kinder- und Jugenddienst seit 17 Jahren unterbesetzt»
Eigentliche wäre vonseiten des Staates der Kinder- und Jugenddienst beim Amt für Soziale Dienste die «Schlüsselstelle» für das Wohl der Kinder. Doch der Kinder- und Jugenddienst kann gemäss Studie aus zwei Gründen dieser Aufgabe nicht optimal nachkommen. Einen Grund nennt ein Kinderarzt: «Sobald es Amtscharakter hat, sind viele Eltern zurückhaltend, vor allem die Einheimischen. Je weniger Amt, desto besser.» Und selbst wenn Fachpersonen das Amt um Unterstützung bitten, können nebst behördlichen keine präventiven Aufgaben übernommen werden. Ein Mitarbeiter des Amts für Soziale Dienste wird dazu in der Studie wie folgt zitiert: «In den letzten 20 Jahren war der Kinder- und Jugenddienst 17 Jahre lang unterbesetzt. Da kommt jetzt eine Aufstockung um eine 100%-Stelle. Vermutlich wird der Kinder- und Jugenddienst mit dieser Aufstockung nur gerade so durchkommen.»
Als Lösung des vielschichtigen Problems schlägt die Studie die Schaffung einer Fachstelle für «Frühe Hilfen» in privater Trägerschaft vor. Unter dem Namen «Netzwerk Familie» soll eine systematische Früherfassung von belasteten Familien mit Kindern von 0–4 Jahren, die Schaffung eines wirksamen Case Managements und die Vernetzung und Qualifizierung der medizinischen und psychosozialen Dienstleister in diesem Bereich geschaffen werden. Dies würde sich auch langfristig lohnen. Denn Problemlagen mehrfach belasteter Eltern «vererben» sich häufig auf die Kinder. Dadurch entstehen gemäss der Studie auch auf lange Sicht überproportional hohe und indirekte Folgekosten im Gesundheits-, Sozial-, Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Integrationsbereich.

24. Mai 2019 / 22:20
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
25. August 2019 / 14:54
25. August 2019 / 19:39
24. August 2019 / 22:04
Meistkommentiert
19. August 2019 / 11:39
01. August 2019 / 09:46
20. August 2019 / 10:02
25. Juli 2019 / 15:38
Aktuell
25. August 2019 / 19:39
25. August 2019 / 18:08
25. August 2019 / 17:34
25. August 2019 / 17:25
25. August 2019 / 17:14
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
heidi
Zu gewinnen 5 x 2 Tickets für den Film Heidi am 31. August.
12.08.2019
Facebook
Top