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Personen über 50 werden in der Regel seltener arbeitslos

Liechtenstein hat mit 2,1 Prozent Erwerbslosen keine Arbeitslosigkeit. Trotz Coronakrise. Im Gespräch mit Markus Bürgler vom AMS FL.
Markus Bürgler, Schaan
«Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird eine Arbeitslosenquote von bis zu 2,5 Prozent als Vollbeschäftigung definiert», sagt Markus Bürgler vom ­Arbeitsmarkt Service Liechtenstein. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Im Juni 2020 meldete der Arbeitsmarkt Service Liechtenstein (AMS FL) 682 offene Stellen. Im Vergleich zum Juni 2019 ist das ein Minus von 22 Prozent. Sind das die ersten Auswirkungen der Coronakrise?
Markus Bürgler,
Arbeitsmarkt Service Liechtenstein: Im März hat auch bei uns Covid-19 eine Schockwelle ausgelöst, was sich auf die offenen Stellen auswirkte. Diese Situation wird uns bestimmt noch eine gewisse Zeit begleiten. Dennoch hat sich seit Mai die Situation wieder etwas beruhigt. Im regionalen Vergleich weist Liechtenstein beim Verhältnis von arbeitslos gemeldeten Personen zu den offenen Stellen nach wie vor eine zehnmal höhere Quote aus. Und dies ohne eine Stellenmeldepflicht, wie sie in der Schweiz vorgeschrieben ist. 

Dennoch, könnte eine solche Meldepflicht, wie sie die Schweiz kennt, auch für uns eine Möglichkeit sein?
Ich denke nicht, dass dies eine Option wäre. Im Vergleich zur Schweiz hatten wir beispielsweise auch ohne diese Meldepflicht in den besten Zeiten dreimal mehr offene Stellen im Vergleich zur Arbeitslosigkeit verzeichnet.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Coronakrise für den heimischen Arbeitsmarkt glimpflich abgelaufen ist. Oder täuscht dieser Tunnelblick?

Die Kurzarbeit hat sich als wirksames Instrument zum Erhalt der Arbeitsplätze bewährt. Bisher gab es weder eine Entlassungswelle noch sind Insolvenzen markant gestiegen. Es ist noch zu früh, aussagekräftige Analysen anbieten zu können, aber wie gesagt, wir stellen fest, dass die Kurzarbeit ein bewährtes Mittel ist.

Liechtensteins Exporte sind gegenüber dem Vorjahresquartal um 37 Prozent eingebrochen. Wie sehen Sie den Arbeitsmarkt für das kommende Jahr? Erkennen Sie einen Trend?
Noch kann ich keinen Trend feststellen. Als die Krise begann, war in den Medien zu lesen, dass dies die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg sei. Wenn ich mich auf die aktuellen Zahlen aus dem Land beziehe, dann kann ich diese Aussage nicht bestätigen. In der Schweiz ist die Zahl der Arbeitslosen stärker angestiegen als bei uns, was nicht ungewöhnlich ist, denn die Schweizer Wirtschaft reagiert vergleichsweise stärker auf Exportschwankungen. Liechtenstein verfügt über eine diversifizierte Volkswirtschaft. Einigen im Land ist nicht bewusst, dass unsere Industrieleistung rund 40 Prozent ausmacht, was europäisch gesehen ein Spitzenwert ist. Nicht wenige sind der Ansicht, dass Liechtenstein nur aus einem Finanzplatz besteht, was so nicht stimmt.

Liechtenstein verfügt über genauso viele Arbeitsplätze wie Einwohner. Ende Juni 2020 waren rund 450 Personen als arbeitslos gemeldet. Klar, jede arbeitslose Person ist eine zu viel, dennoch, kann man überhaupt mit 2,1 Prozent von einer Arbeitslosigkeit sprechen?
Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird eine Arbeitslosenquote von bis zu 2,5 Prozent als Vollbeschäftigung definiert. In den Jahren 2010 bis 2016 lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote auch in diesem Bereich und vor zwei Jahren fiel die Quote sogar unter zwei Prozent. Aktuell liegt der Jahresdurchschnitt bei 1,85 Prozent. Aber wie Sie richtig sagen, jede arbeitslose Person ist eine zu viel.

Welche Berufe haben es momentan schwer auf dem Arbeitsmarkt?
Ich frage umgekehrt, welche Berufe haben es leichter auf dem Markt? Da gilt nach wie vor die Weisheit «Handwerk hat goldenen Boden». Menschen mit einer fundierten handwerklichen Ausbildung haben die besten Chancen, schnell wieder im Arbeitsprozess integriert zu sein.

Von welchen Handwerkern ist die Rede?
Stark ist momentan das Bauhaupt- und Baunebengewerbe, aber auch Berufe mit Holz und Metall.

Und der Lebensmittelbereich?
Im Land gibt es zwei grosse Lebensmittelhersteller, diese Unternehmen sind immer wieder auf der Suche nach Arbeitnehmern mit diesem Background. Beispielsweise Anfragen für Köche usw. gibt es laufend. Am wenigsten gefragt sind Personen ohne Ausbildung, hier wird es richtig schwierig. Es ist schon so, lebenslanges Lernen ist mit Sicherheit ein ganz wichtiger Schlüsselfaktor für den beruflichen Erfolg.

Wer über 50 Jahre alt ist, hat es schwer, einen Job zu finden. Weshalb gehören diese Arbeitswilligen zum alten Eisen?
Landläufig ist die Meinung so, doch diese Aussage stimmt so nicht. Personen 50 plus werden in der Regel seltener arbeitslos als Personen unter 50 Jahren. In den letzten Jahren hatten wir die tiefsten Zahlen bei 50 plus, für mich war das auch überraschend. Das verdeutlicht die in ­diesem Segment durchschnittliche Arbeitslosenquote von aktuell 1,4 Prozent. Fakt ist leider auch, dass die Arbeitssuche bei über 50-Jährigen im Vergleich zu Jüngeren länger dauert. Die Vermittlung von Stellensuchenden 50 plus ist sicher eine Herausforderung. Aber die tiefe Quote beweist, dass Unternehmen in Liechtenstein gewillt sind, auch Personen über 50 Jahren zu beschäftigen.

Angenommen ein 55-Jähriger, der im kaufmännischen Bereich arbeitete, kommt zum AMS FL, weil er seinen Job verloren hat. Wie lange ist dieser Arbeitnehmer durchschnittlich auf der Suche?
Mal vorweg, Unternehmen suchen qualifiziertes Personal, das Alter und woher sie kommen ist zweitrangig. Der oder die Arbeitnehmerin muss einfach Leistungsbereitschaft und Einsatzwillen zeigen. Die durchschnittliche Verweildauer von Stellensuchenden erfassen wir nicht nach Altersgruppen. Statistisch belegt ist aber, dass 50 Prozent der Stellensuchenden bereits innert drei Monaten eine neue Stelle antreten können. Innerhalb von sechs Monaten erhöht sich diese Quote auf 75 Prozent. Die durchschnittliche Dauer der Bezugstage über alle Altersgruppen hinweg lag im Jahr 2019 bei 67 Tagen. Im Vergleich mit den schweizerischen Arbeitsmarktorganisationen ist dies der niedrigste Wert.

Momentan haben 962 Unternehmen mit über 11 000 Personen Anspruch auf Kurzarbeit gemeldet. Wie ist die Tendenz für die kommenden Monate in Sachen Kurzarbeit?
Entsprechend den hohen Zahlen sind die Mitarbeiter der Arbeitslosenversicherung stark gefordert. Im Moment sehen wir vielerorts eine leichte Entspannung. Eine Aussage über die Tendenz für die zweite Jahreshälfte ist im Moment noch nicht möglich.

In welchen Jahren hatten letztmals über 900 Betriebe im Land Kurzarbeit gemeldet?
So eine Situation gab es noch nie. Bei der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 meldeten 65 Unternehmen für 3484 Personen Kurzarbeit.

Beim AMS FL sind sechs Personalberater zuständig für die gemeldeten Personen. Reicht diese Kapazität für die rund 450 «Kunden»?
Dank schlanker Prozessabläufe, Digitalisierung und gutem Teamwork reicht dies aus.

Der AMS FL bekämpft im Auftrag des Staates die Arbeitslosigkeit im Land. Wie hat sich der AMS FL in den vergangenen Jahren entwickelt?
Der Arbeitsmarkt Service Liechtenstein wurde im Mai 2007, unter der Regierung von Otmar Hasler, gegründet. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass die Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 mit rund 800 Personen ihren bisherigen Höhepunkt erreichte. Mit dieser neuen Arbeitsmarktorganisation konnten wir mit verschiedenen Massnahmen strategisch wie operativ wesentlich zielorientierter arbeiten. Die Arbeitslosenquote sank in Folge konstant auf 2,5 Prozent und die Jugendarbeitslosigkeit, die vorher bei über fünf Prozent lag, konnte dauerhaft auf unter drei Prozent gesenkt werden. Ab dem Jahr 2017 reduzierte sich die Quote unter zwei Prozent und erreichte im vergangenen Jahr mit 1,5 Prozent ihren Tiefstwert.

Welchen Betrag muss der Staat jährlich zuschiessen, damit AMS FL seine Dienstleistungen anbieten kann?
Bis im Jahre 2015 wurde die Arbeits­losenkasse von der Regierung mit einem Staatsbeitrag von drei bis fünf Millionen Franken pro Jahr subventioniert. Aufgrund der tieferen Arbeitslosenzahl sanken parallel die Arbeitslosenentschädigungen. Seit dem Jahr 2015 werden keine Staatsbeiträge mehr an den AMS FL und die Arbeitslosenversicherung geleistet.

Und zu guter Letzt eine persönliche Frage: Welche Themen waren in der Erziehung Ihrer Kinder wichtig, damit sie es einmal leichter haben auf dem Arbeitsmarkt?
In erster Linie dass sie eine gute Ausbildung absolvierten, das ist der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit. (Mario Heeb) 

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