• Martin Geiger, Bendern
    Wirtschaft regional: Freitagsgespräch mit Martin Geiger  (Tatjana Schnalzger)

«Die Pandemie wird uns die kommenden Jahre beschäftigen»

Martin Geiger ist Ökonom und Forscher am Liechtenstein-Institut. Wie schnell kann sich Liechtenstein von dieser Krise erholen und wie? Ein Konjunkturprogramm sieht er nicht als geeignete Lösung an.

Herr Geiger, kann die Wirtschaft erst wieder auf Vollauslastung laufen, sobald es eine Impfung gibt?

Martin Geiger: Ja, diesen Eindruck habe ich. Einerseits führt Unsicherheit über den weiteren ­Verlauf der Pandemie und die Angst vor einer neuerlichen Ausbreitung und deren Auswirkungen dazu, dass grössere Investitionen und die ­Einstellung neuer Mitarbeiter hinausgezögert werden. Anderseits führen die Verhaltensanpassungen vieler Menschen zu geringerer Nachfrage nach Gastronomie, Tourismus, Kultur und Ähnliches. Ob eine Impfung oder eine effektive Behandlung gegen das Virus ein Allheilmittel gegen diese Faktoren ist, bleibt abzuwarten. Ich bin aber optimistisch, dass man medizinisch gegen das ­Virus ankommen wird und wir die durch die ­Corona-Pandemie ausgelöste Unsicherheit und soziale Distanzierung dann hinter uns lassen ­können.

 

Sind Sie optimistisch, dass die Arbeitslosigkeit auch während dieser Krise im Land nicht stark steigen wird?

Ja. Ein Faktor dabei ist natürlich auch, dass ein Rückgang der Beschäftigung nicht in vollem Umfang die inländische Arbeitslosigkeit erhöht, da dieser Zupendler in der Regel stärker trifft. Ich bin aber auch optimistisch, dass die Beschäftigung relativ stabil bleiben wird. In Liechtenstein arbeiten sehr viele gut ausgebildete ausländische Arbeitskräfte. Deren Rekrutierung ist nicht einfach. Deswegen werden viele Betriebe versuchen, sie trotz Nachfragerückgangs weiter zu beschäftigen.

 

Was denken Sie, wie lange werden die Auswirkungen noch spürbar sein?

Wirtschaftlich gesehen wird uns die Pandemie die kommenden Jahre jedenfalls in unterschiedlichen Dimensionen beschäftigen. Aktuell sollte die Priorität sein, die liechtensteinischen Betriebe so gut wie möglich durch die schwierigste Phase der Pandemie zu bringen, damit die Wirtschaft danach an die gute Ausgangslage vor Corona anschliessen kann. Bildlich gesprochen, sollte ein L-förmiger Konjunkturverlauf, wonach nach dem Einbruch zwar eine Stabilisation, aber eben auf tieferem Niveau eintritt, verhindert werden. Stattdessen wäre es wünschenswert, dass im Sinne ­eines v- bzw. u-förmigen Verlaufs auf den Abschwung ein Aufschwung erfolgen würde. Selbstverständlich werden wir aber auch bei günstigem Verlauf der Erholung noch länger mit Corona und den mittelfristigen Auswirkungen, zum Beispiel auf die Staatshaushalte und die wirtschaftliche Ungleichheit, konfrontiert sein.

 

Sie gehen von einer hohen Resilienz der heimischen Wirtschaft aus. Warum?

Liechtensteins Volkswirtschaft ist von der Pandemie stark betroffen, weshalb das BIP-Wachstum 2020 stark negativ sein wird. Historisch betrachtet hat aber das kurzfristige Wirtschaftswachstum in Liechtenstein, wie für einen Kleinstaat üblich, immer schon stark auf Krisen reagiert. Gleichzeitig sind aber auch in turbulenten Zeiten die Beschäftigung, die Anzahl von Betrieben und die Produktionskapazitäten stabil geblieben. Ich gehe davon aus, dass sich Liechtenstein auch gegenüber den ökonomischen Herausforderungen der Pandemie als widerstands- und anpassungsfähig erweisen wird. Wichtige begünstigende Faktoren sind die im internationalen Vergleich hohen Reserven des öffentlichen und des privaten Sektors sowie eine grundsätzlich stabile Finanzbranche.

 

Der liechtensteinische Finanzsektor zeigt sich bislang trotz der Pandemie stabil, mittelfristig stellen realwirtschaftliche Einbrüche aber auch ein gewisses Finanzmarktrisiko dar. Wie wird sich dies äussern?

Hoffentlich wird sich das nicht äussern, sich das Risiko also nicht realisieren. Realwirtschaftliche Einbrüche können dazu führen, dass Haushalte und Betriebe ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Das würde zu einem Anstieg notleidender Kredite und somit zu einer Verschlechterung der Bankbilanzen führen. Mit anderen Worten sinkt in einem solchen Szenario die Bonität der Banken, und die Refinanzierungskosten für neue Kredite steigen. Das könnte dann zu einer Kreditklemme führen.

 

Wie schätzen Sie das Hilfspaket der Regierung ein? Müsste Liechtenstein ein grösseres Hilfspaket als die Schweiz schnüren, weil es uns härter trifft?

Ich schätze die Hilfspakete der Regierung als positiv ein. Sie zielen auf den langfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen und Unternehmen ab, was angesichts der Corona-Pandemie sehr wichtig ist. Konventionelle konjunkturpolitische Massnahmen zur kurzfristigen Stimulierung der Wirtschaft, wie die Erhöhung der Staatsausgaben oder Steuersenkungen, wären in Liechtenstein nur eingeschränkt wirksam, da der Grossteil der Nachfrage nach liechtensteinischen Gütern und Dienstleistungen im Ausland liegt. Der Hebel der Regierung ist ­somit begrenzt und Liechtenstein muss auf eine globale Erholung hoffen.

 

Was zu Beginn noch als Konjunkturdelle bezeichnet wurde, erweist sich nun wahrscheinlich als die grösste wirtschaftliche Rezession seit der Grossen Depression der 1930er-Jahre. Haben Ökonomen die Krise unterschätzt?

Nein, ich denke nicht, dass die Ökonomen die Auswirkungen der Pandemie unterschätzt haben. Im Gegenteil, ich finde, dass sich die Ökonomen sehr schnell und umfassend mit den unterschiedlichen Dimensionen der Pandemie auseinandergesetzt haben. Ich denke, die Volkswirtschaftslehre hat sich seit der Finanzkrise, die berechtigterweise zu Kritik an der Profession geführt hat, positiv weiterentwickelt. Sie hat nun einen differenzierteren und weniger abstrakten Blick auf die Wirtschaft. Etwas unglücklich finde ich allerdings den Umgang mit Prognosen. Prognosen werden anhand verfügbarer Daten berechnet. Es dauert allerdings eine gewisse Zeit, bis sich wirtschaftliche Einbrüche in Konjunkturindikatoren niederschlagen und bis diese Daten verfügbar sind. Aus meiner Sicht ist man zu früh mit Prognosen an die Öffentlichkeit gegangen, bevor belastbare Daten vorhanden waren. Das führte zu drastischen Revisionen der Prognosen. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das allerdings nachvollziehen. Die Nachfrage nach konkreten, quantitativen Prognosen ist sehr hoch. Das spüren wir auch am Liechtenstein-Institut.

 

Ein Schweizer Ökonom schätzt den BIP-Rückgang Liechtensteins auf 500 bis 700 Millionen Franken. Was halten Sie  von solchen Schätzungen?

Diese Einschätzung hat sich auf ein konkretes Szenario des Lockdowns bezogen und basiert darauf, dass die Wirtschaft danach wieder voll anläuft. Ein solches Szenario ist aus heutiger Sicht nicht realistisch. Wie schwierig war es für Sie, die Auswirkungen der Krise einzuordnen in Ihrer «LI Focus»-Studie und wie ist die Datenlage? Ökonomen sind sich weitgehend darüber einig, wie die Wirtschaft von der Pandemie betroffen ist. Einerseits führen der Lockdown und die Unsicherheit zu niedrigerer Nachfrage, anderseits sind die Produktion von Gütern, die Lieferketten und das Angebot von Dienstleistungen eingeschränkt. Ziel unserer Studie war es, diese Effekte für die liechtensteinische Wirtschaft einzuordnen. Auf der Grundlage bekannter Eigenschaften der liechtensteinischen Wirtschaft ist das relativ einfach möglich. Schwieriger ist es, in der aktuellen Phase belastbare quantitative Aussagen zu treffen, da uns dafür in Liechtenstein aktuell die Datengrundlage noch fehlt. Das erste Quartal war noch nicht umfassend von der Pandemie betroffen, wir müssen nun den Verlauf wichtiger Kennzahlen im zweiten Quartal beobachten, um das Ausmass des Einbruchs genauer einschätzen zu können.

 

Wie stark eine Taxibranche, Fitnesscenter oder die Eventindustrie betroffen sind, lässt sich wohl eher nur anhand der eingereichten Kurzarbeitsanträge ableiten?

Die Unterhaltungs- und Freizeitbranche ist der Bereich, in dem die Lockerungen zuletzt gemacht werden. Aktuell betreffen die behördlichen Schliessungen noch die knapp 80 Betriebe in diesem Bereich. Insofern ist die Unterhaltungs- und Freizeitbranche besonders stark betroffen und die Pandemie wird sie auch noch nach den Lockerungen beeinträchtigen. Ich hoffe, dass die staatlichen Stützungsmassnahmen in diesem Bereich greifen und Liechtenstein auch nach Corona noch eine intakte Kultur- und Unterhaltungsszene hat. Mittelfristig hängt daran auch die Taxibranche.

 

Wie schnell kann sich Liechtensteins Wirtschaft erholen?

Liechtensteins Wirtschaft wird sich erholen, davon bin ich überzeugt. Wann das Vorkrisenniveau aber wieder erreicht sein wird, kann aktuell, denke ich, noch niemand seriös beantworten. Für Liechtenstein wird entscheidend sein, wann die globale Konjunktur wieder anspringt.

 

Hilti rechnet nicht damit, dass eine schnelle Erholung auf Vorkrisenniveau möglich ist. Gilt das für die meisten Branchen?

Typischerweise ist in Krisen die Nachfrage nach Investitionsgütern, deren Anschaffung teuer und aufschiebbar ist, relativ lange und stark beeinträchtigt, während die Nachfrage nach kleineren Anschaffungen und Dingen des täglichen Bedarfs weniger stark betroffen ist. Dafür wird die Nachfrage nach Investitionsgütern in der Regel nach einer Krise nachgeholt, während Dinge des täglichen Bedarfs in der Regel nicht nachgeholt werden, sofern man darauf verzichtet hat. Ich denke, dass sich für die meisten Branchen die Erholung zumindest bis ins nächste Jahr hineinziehen wird. Wie lange die Erholung dauert, ist aber – abgesehen von der Entwicklung der Pandemie – für jede Branche spezifisch. (dal)

22. Mai 2020 / 10:49
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Die USA und China sind für Europa wirtschaftlich nicht wegzudenken, wenn es um Wachstum oder Arbeitsplätze geht. Politisch ist China ein Tabu, Aussen- und Innenpolitisch schlicht untragbar. Aber auch die USA müssen aufpassen, um nicht zu China aufzuschliessen.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 24.05.2020 Antworten Melden

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