• Ein hoher Wildbestand verhindert eine ausreichende Waldverjüngung.  (Regina Sele-Hasler)

Schutzwald ist massiv überaltert

Die Schutzwälder in Liechtenstein sind in einem kritischen Zustand. Nur noch ein kleiner Teil kann seine Funktionen vollumfänglich erfüllen. Das zeigen Gutachten auf. Massnahmen müssen jetzt ergriffen werden.
Waldverjüngung. 

Die Diskussionen um die Schutzwälder Liechtensteins, deren Verjüngung und Schäden durch Wild ist wieder entflammt. Doch wie schlecht steht es wirklich um die Schutzwälder? Schlecht, wie ein Wildschadengutachten des Amts für Umwelt zeigt. Über 75 Prozent der Wälder mit Personen- und Objektschutzfunktion weisen massive Defezite bei der Verjüngung auf und können ihre Funktion jetzt schon oder bald nicht mehr erfüllen. Ganz prekär sieht es in den höheren Lagen aus. Das Gutachten bezeichnet die Situation auf mehr als einem Drittel der Schutzwaldfläche als inakzeptabel. Weder die Artenmischung noch die Stammzahl kann gewährleistet werden. Die Tatsache, dass nur weniger als zehn Prozent der Schutzwälder in Liechtenstein keine Probleme aufweisen, zeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht.

9000 Gebäude sind durch den Wald geschützt
Der Wald nimmt in Liechtenstein rund 43 Prozent der Landesfläche ein. Die Schutzwälder machen 60 Prozent des Waldbestandes aus und haben eine wichtige Funktion. 90 Prozent dieser Waldfläche dienen als Schutz für 9000 Gebäude und 200 Kilometer Strassen, die sich an Hanglagen befinden. Die Siedlungsgebiete werden durch den Wald von Hochwasser, Lawinen, Felsstürzen und Rüfenniedergängen geschützt. Doch diese Sicherheit bröckelt. Denn der Schutzwald ist massiv überaltert und marode: 45 Prozent sind älter als 100 Jahre. Ab einem Alter von 100 Jahren beginnt bei Bäumen die Zerfallsphase. Neue und junge Bäume hingegen brauchen Jahrzehnte, bis sie zu einem stabilen und schützenden Forst heranwachsen. Ein intakter Schutzwald bedarf einer ausgewogenen Durchmischung hinsichtlich Alter und standortgerechter Baumsorten.

Das Rotwild wurde in den Wald verdrängt
Es gibt mehrere Gründe, die einer natürlichen Waldverjüngung im Wege stehen können. Doch die stärksten Schäden an Jungbäumen entstehen durch Wildverbiss. Hohe Bestände von Rot-, Gams- und Rehwild führen insbesondere in den Wintereinstandsgebieten zu einem grossen Defizit bei der natürlichen Waldverjüngung. Das Rotwild ist dabei das grösste Sorgenkind. Hierbei ist es aber wichtig zu wissen, dass das Rotwild von Natur aus kein Waldbewohner, sondern ein Bewohner von offenen und halboffenen Landschaften ist, wie die Regierung in einer Interpellationsbeantwortung schreibt. Das Rotwild wurde in den hiesigen Breiten durch den Menschen in den Wald gedrängt, weil es dort die letzten noch halbwegs ruhigen Stellen vorfindet.

Diese halbwegs ruhigen Stellen sind meist in den vom Menschen kaum genutzten und steilen Gebieten. Doch genau dort befinden sich die wichtigsten Schutzwälder. Verschärft wird diese Situation ausserdem durch die Tatsache, dass genau dort kaum Nahrung vorhanden ist und die Tiere sich deshalb am Einzigen bedienen, was erreichbar ist: Den jungen Bäumen. Das Schadwild ist also nicht wirklich freiwillig dort, sondern wird vom Menschen dazu gezwungen, sich dort aufzuhalten. Der angerichtete Schaden ist nur noch eine logische Folge.

Rotwildpopulation in die Höhe geschossen
Die Rotwildpopulation hat in den vergangenen Jahren zudem stark zugenommen. Die milden Winter, fehlende natürliche Feinde und wenig Fallwild sind Gründe dafür. Um den Bestand zu regulieren, wurden die Abschussvorgaben in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich erhöht. Allerdings konnten die Jäger die verlangten Abschüsse nicht immer erfüllen. Schwierige Jagdbedingungen und das zunehmend scheue Verhalten der Tiere sind Gründe dafür, wie die Jäger sagen. Zur Regulierung der Rotwildpopulation sind also weitere Massnahmen notwendig. Dem ist sich auch die Regierung bewusst und hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Der Massnahmenkatalog besteht mittlerweile und wird nun von der Regierung geprüft. Bis zum Spätsommer sollen die Vorschläge präsentiert werden.

Technik kann Schutzwald nicht ersetzen
Eine deutliche Verbesserung der Waldverjüngung im Schutzwald kann auch laut dem Wildschadengutachten nur durch eine Anpassung der Wildbestände erreicht werden. Mit technischen Massnahmen sei ein Ersatz der Schutzfunktion der Wälder nur beschränkt möglich. Auch der Bau von zusätzlichen stabilen Zäunen ist nicht die Lösung. Diese schränken den Lebensraum der Wildtiere ein, sind teuer und können nicht in jedem Gelände erstellt werden. Die Situation zeigt, dass Regierung, Jäger und Förster vor grossen Herausforderungen stehen. (manu)

14. Mai 2019 / 08:30
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