• Das Bistro im Flüchtlingsheim entsteht
    Das Bistro im Flüchtlingsheim entsteht  (Tatjana Schnalzger)

Schleifen, Sägen, Bauen, Hämmern und Malen

Im Flüchtlingsheim Vaduz sind Asylsuchende fleissig: Grund dafür ist das neu entstehende Bistro. Integration spielt dabei eine grosse Rolle.

Es ist Dienstagnachmittag. Im Aussenbereich des Flüchtlingsheims ist mächtig was los. Die Asylsuchenden schleifen, hämmern und malen. Alten Möbeln wird ein neuer Anstrich verpasst und im Innenbereich sind einige damit beschäftigt, den früheren Aufenthaltsraum in einen Ort zu verwandeln, der später zum Verweilen einladen soll. Grund dafür ist das im Flücht­lingsheim neu entstehende Bistro. Die Idee dazu sei aus dem Pilotprojekt «bistro on the run» entstanden, sagt

Manuela Bazzana, Betreuerin im Flüchtlingsheim. Während die Asylsuchenden in den Frühlings- bis Herbst­monaten mit einem mobilen Stand den Balzner Wochenmarkt besuchen, um hausgemachte Köstlichkeiten aus ihren Herkunftsländern anzubieten, soll dies später auch im Bistro geschehen: «Ihre Spezialitäten sind zwar bereits auf Bestellung erhältlich, mit Take-away könnte das Angebot ausbaut werden.» Denn  ihre hausgemachten Köstlichkeiten fänden in der Bevölkerung sehr guten Anklang. «Unser Angebot ist keine Konkurrenz zu bestehenden Anbietern Liechten­steins. Das Projekt will damit keinen Gewinn erzielen, sondern vielmehr dient es zur Beschäftigung und Integration», erklärt Manuela Bazzana.

«Sie verdienen nur eine geringe Motivationsprämie»

Nicht alle Asylsuchenden könnten einer Arbeit nachgehen. Dies sei meist auf mangelnde Deutschkenntnisse oder Kinderbetreuungsfunktion zurückzuführen. Es sei wichtig, dass genau diejenigen eine Beschäftigung hätten: «Sie verdienen dabei nur eine geringe Motivationsprämie, sind aber dennoch mit grosser Freude und Tatendrang dabei, weil sie froh sind, dadurch eine Beschäftigung und Tagesstruktur zu bekommen.» Die vergangenen Monate waren auch für die Leitenden des Flüchtlingsheims keine einfachen: «Corona und einige personelle Wech­sel verlangten von uns, dass wir unser Beschäftigungsprogramm etwas zurückfahren mussten.» Dennoch konnten zwischenzeitlich Möglichkeiten ausgeschöpft und Synergien genutzt werden, da Monica Bortolotti vom Projekt «Horizont» – dem Begegnungszentrum im Haus am Gleis sowie im GZ Resch – auf sie zukam. Da die beiden Treffpunkte aufgrund ihrer Grösse in der Zeit von Corona eingestellt werden mussten, schöpften sie gemeinsam die vorhandenen Kapazitäten aus. Bis September ist sie bei der Gestaltung des Bistros im Flüchtlingsheim zusammen mit den Asylsuchenden unterstützend tätig. Danach wird dieses von der Flüchtlingshilfe erneut als Beschäftigungsprogramm weitergeführt.

57 Asylsuchende leben derzeit in Liechtenstein

«Wir haben derzeit eine grosse tibetische Community», erzählt Manuela Bazzana. Zudem würden die 57 Asylsuchenden aus Nigeria, Somalia, Iran, Irak, Eritrea, Pakistan, Russland und der Ukraine stammen. «Wir hätten aber mehr Platz und Kapazität», sagt die Betreuerin. Sie würde sich wünschen, dass Liechtenstein die noch Vorhandene voll ausschöpft. Besonders mit Blick nach Griechenland, wo die Flüchtlinge und Migranten unter menschenunwürdigen und katastrophalen Bedingungen in den Lagern ausharren müssten. «Mein Wunsch wäre es, einigen mehr hier in Liechtenstein sicheren Boden zu bieten, insbesondere Müttern mit Kindern», sagt Manuela Bazzana. Als sie vor eineinhalb Jahren ihre Tätigkeit im Flüchtlingsheim in Vaduz aufnahm, befanden sich rund 150 Asylsuchende in Liechtenstein – nun sind es noch 57.

Bemühungen um Integration sollten berücksichtigt werden

Die Geschichten und Schicksale, welche die aus ihrer Heimat Vertriebenen erzählen würden, seien bewegend. «Es gab viele, die uns ans Herz gewachsen sind, Liechtenstein aber nach einiger Zeit, manche sogar erst nach Jahren, wieder verlassen mussten», erzählt die Betreuerin. In Liechtenstein ist für das Verfahren das Ausländer- und Passamt zuständig. Es prüft in einer oder mehreren Befragungen, ob die Asylgründe glaubhaft und erfüllt sind. «Ich wünschte mir, dass diese Verfahren noch schneller gehen, damit die Flüchtlinge früher wissen, woran sie sind.» Denn Manuela Bazzana weiss, wie belastend diese Zeit ist. «Sie wachen jeden Morgen auf und wissen lange nicht, wie es weitergeht – ob sie bleiben und sich integrieren sollen – oder ob es umsonst ist, da sie das Land bald wieder verlassen müssen.» Hart sei dies vor allem für jene, die sich bemühen würden. «Sie gehen einer Arbeit nach oder beschäftigen sich freiwillig, bemühen sich sehr, unsere Sprache zu erlernen, helfen bei Übersetzungen oder begleiten auch andere Asyl­suchende zu Terminen, um als Dolmetscher zu agieren, doch dann be­kommen sie einen negativen Bescheid und müssen erkennen, dass all das Engagement keinen Einfluss hat.» Es kam einige Male vor, dass sich einige fragen mussten, weshalb der eine bleiben darf, der andere aber nicht. «Von aussen gesehen und ohne Kenntnisse beziehungsweise Einblick in die jeweiligen Asylgründe kann es tatsächlich manchmal willkürlich erscheinen», sagt Manuela Bazzana. Sie würde sich wünschen, dass auch die Bemühungen um Integration beim Verfahren berücksichtigt werden könnten. (bc)

 

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20. Jun 2020 / 20:18
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