• Günther Boss in Vaduz
    «Eine historisch-kritische Bibelforschung ist fundamental, um die Bibel zu verstehen», sagt Günther Boss.  (Daniel Schwendener)

«Grace Church ist extremer als andere»

Die «Grace. Church» in Buchs zieht zwischen 30 und 50 Liechtensteiner an. Eine Einschätzung der Freikirche des Theologen Günther Boss.

Die «Grace. Church» findet in allen Altersklassen regen Zulauf – vor allem aber auch von jungen Erwachsenen. Mit Rockmusik und lockeren Predigten präsentieren die Pastoren reaktionäre Inhalte im modernen Gewand. Der Theologe Günther Boss erläutet seine Einschätzung über die Freikirche und spricht unter anderem über die unkritische Bibelauslegung der «Grace. Church».

Herr Boss, was denken Sie darüber, dass die Pastoren der «Grace. Church» kein Theologiestudium haben?
Günther Boss: Ich sehe diesbezüglich ein grosses Problem. In den Landeskirchen ist es ja so, dass der Prediger eine Matura oder eine vergleichbare Ausbildung und daraufhin ein mindestens fünfjähriges Theologiestudium absolviert haben muss. Das Studium lehrt unter anderem eine historisch-kritische Bibelforschung. Das ist fundamental, um die Bibel verstehen und historisch einordnen zu können. Die Bibel ist wie eine Bibliothek von mehreren Büchern, die über einen längeren Zeitraum entstanden sind.

Die «Grace. Church» bezieht sich ja vor allem auf das Neue Testament.
Deshalb spricht man auch von evangelikalen Freikirchen. Evangelikal bedeutet eben: Sie stützen sich auf die Evangelien, aber sie verstehen diese buchstabengetreu und ziehen einzelne Passagen heraus. Wir sagen dazu eine Steinbruch-Exegese: Man nimmt aus einem Steinbruch die einzelnen Blöcke heraus, legt auf diese einen grossen Wert, aber den ganzen Berg sieht man daraufhin nicht mehr. Dies gilt auch für die historischen Zusammenhänge.

Grace Church in Buchs

Der Eingang zur «Grace. Church» in Buchs.

Wie sieht denn das Studium eines solchen Pastors aus?
Viele von diesen Pastoren, wie sie sich selbst nennen, berufen sich oft selbst und sprechen dann von einem Berufungserlebnis. Sie lernen in ein, zwei Jahren bei einem Seminar genau die Bibelauslegung, die sie danach verkünden. Eine kritische Theologie, die Wissenschaften oder Philosophie miteinbezieht, findet dort eben nicht statt. Deshalb sind die Predigten für mich eher abstossend. Die Verbindung von «Fides et Ratio», wie man im Katholizismus sagt, also von Glauben und Vernunft, fehlt mir bei solchen Freikirchen.

Das hört sich ja steinzeitlich an und steht im Widerspruch zu ihrem modernen Auftritt.
Ja, in der Form sind sie sehr aufgepeppt, jugendlich – das ist auch positiv aufzunehmen. Aber in den Inhalten sind sie reaktionär und haben sehr enge moralische Vorstellungen: Kein Sex vor der Ehe, die Ablehnung homosexueller Beziehungen oder der Evolutionslehre. Man kann über den Widerspruch zwischen dem Auftreten und den inhaltlichen Botschaften nur erstaunt sein. Dass man die Schöpfung auf das Sieben-Tage-Schema fixiert, ist typischer Biblizismus und geht am Sinn der biblischen Schöpfungserzählungen vorbei. Das ist stark von Amerika bestimmt und sogenannter Kreationismus. 

Sie sehen aber den Auftritt der Kirche auch positiv. Weshalb?
Man kann auch mit einem Schlagzeug oder einer E-Gitarre Gott loben. Da spricht nichts dagegen. Hierzulande muss man der katholischen Kirche zum Vorwurf machen, dass sie die jungen Leute nicht abholt. In der Schule und zu Hause werden die religiösen Fragen oft nicht beantwortet, da springen die Freikirchen in die Bresche. Die katholische Kirche könnte von ihnen diesbezüglich lernen. Denn die jungen Leute sind gar nicht so weit weg von religiösen Fragen, wie man vielleicht annimmt.

Ist die «Grace. Church» eine typische Freikirche?
Ja, in gewissem Sinne ist sie typisch und dennoch: In manchen Fragen ist sie extremer. Das Programm ist stark emotionalisiert. Sie hat dadurch enorme Bindungskräfte. Sie hat auch problematische Seiten, zum Beispiel, wenn es sie den Mitgliedern der Landeskirchen abspricht, den wahren Glauben zu haben. Ich rede bei einer evangelikalen Freikirche nicht von einer Sekte. Dennoch sind die Wesenszüge bei der «Grace. Church» extremer als zum Beispiel bei der Freien Evangelischen Gemeinde in Buchs.

Wie meinen Sie das?
Zum Beispiel, wenn es um die Taufanerkennung geht. Die Taufe ist das wichtigste Initiationssakrament. Die evangelische, reformierte und katholische Kirche sind mittlerweile so weit, dass sie gegenseitig die Taufen anerkennen und als völlig legitim erachten. Wir machen also keine Wiedertaufe. In der Reformationszeit vor rund 500 Jahren war das bereits ein heisses Thema, um welches Krieg geführt wurde. Heute schreiben die Freikirchen nicht mehr so offensichtlich vor, dass eine Wiedertaufe durchgeführt werden muss, doch der Gruppendruck ist oftmals so gross, dass sich die Gläubigen wiedertaufen lassen.

Wie sieht es mit dem Gruppendruck bezüglich der Abgabe des Zehnten aus?
Gerade bei der «Grace. Church» ist dieser extrem hoch. Hauptpastor Ben Stolz wirbt massiv für die Abgabe des Zehnten. Bereits beim dritten oder vierten Besuch wird der Gläubige darauf angesprochen. Auch haben sie ein eigenartiges Verhältnis zu persönlichem Reichtum. Sie sehen es als Gnadenerweis Gottes an, wenn jemand Erfolg hat und reich ist. Das erinnert an die Theorie des Soziologen Max Webers. Er sah Calvin sozusagen als der Begründer des Kapitalismus, weil dieser eine entsprechend starke Prädestinations- beziehungsweise Erwählungslehre habe: Zum Beispiel sei es ein Zeichen für die Gnade Gottes, wenn der Mensch viel Reichtum anhäufe. In gewissen Ausprägungen des amerikanischen Protestantismus ist deshalb Reichtum etwas Erstrebenswertes. Die «Grace. Church» geht in dieselbe Richtung. Deswegen fahren Mitglieder der Kirche zum Beispiel im fetten Mercedes vor, mit der Begründung, das gehöre ja Gott, nicht ihnen selbst. Wie immer es um diese Theorie von Max Weber stehen mag: Die «Option für die Armen», wie sie von der katholischen Befreiungstheologie und von Papst Franziskus verkündet wird, ist näher an der biblischen Botschaft. Die Armen sind bliblisch die ersten Adressaten der Gnade Gottes.

Ist denn aus theologischer Sicht etwas dagegen einzuwenden, dass sich die «Grace. Church» auf die Abgabe des Zehnten beruft?
Freikirche heisst auch, frei vom Staat und frei von staatlichen Zuwendungen. Dass sie Spenden brauchen, kann man ihnen deshalb nicht verübeln. Aber dass sie auf das Modell des Zehnten zurückgreifen, finde ich kurios. Es ist eine alttestamentliche Vorstellung, dass der Gläubige mit dem Ernteertrag etwas an Gott zurückgibt und nicht an die Kirche! Damals war es eher so, dass man einen Zehntel vom Feld für die Bedürftigen, Vögel und Tiere frei lässt und es so zum Schöpfer zurückgibt – also eigentlich ist das ein schöner Gedanke. (dab)

14. Jan 2020 / 07:00
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