• Symbolfoto Herbst
    Mit einer guten Mischung soll der Liechtensteiner Wald «klimafit» gemacht werden.  (Daniel Schwendener)

Liechtensteiner Wald soll «klimafit» werden

Liechtensteins Forstbetriebe wollen den hiesigen Wald «klimafit» machen. Patrick Insinna vom Amt für Umwelt erklärt, wie das gehen soll.

ie äusseren Bedingungen und damit die Herausforderungen, denen Liechtensteins Wälder ausgesetzt sind, haben sich in den zurückliegenden 150 Jahren ohne Frage stark verändert. «Wir befinden uns mitten im Klimawandel», betont Patrick Insinna vom Amt für Umwelt mit Verweis auf die Mitteltemperatur, die im Fürstentum seit Mitte des 19. Jahrhunderts um rund zwei Grad angestiegen ist. Und in dieser Tonart dürfte es weitergehen. Zumindest offenbart der Blick in die Zukunft wenig, was eine Abschwächung oder gar eine Trendwende in Aussicht stellt. Im Gegenteil: «Die Klimaszenarien bis 2100 deuten darauf hin, dass es eine weitere Erhöhung um 1,5 bis 3 Grad geben kann», sagt der Amtsmitarbeiter. Hinzu komme eine Häufung von Extremereignissen wie Dürreperioden, Stürmen oder Waldbränden. All das schwächt die Bäume und erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit für «ge­nauso problematische oder gar noch schlimmere» Folgeschäden in Gestalt von Pilz- und Insektenbefall. Den Liechtensteiner Wäldern, so viel ist sicher, stehen harte Zeiten bevor.

Lösungen bedingen langfristiges Denken

Das Jahr 2018 hat hierfür Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle geliefert: Sturmtief Burglind, ausgeprägte Dürrephasen und, aus beidem resultierend, Bäume, die den sich ­rasend schnell vergrössernden Borkenkäferbeständen kaum etwas entgegenzusetzen hatten, fügten dem Wald Leid zu, das ihm heute noch zu schaffen macht. Zugleich haben die Ereignisse deutlich gemacht, wie wenig die Forstwirtschaft in der Akutphase unternehmen kann, um das Leid zu lindern. «In gewisser Weise», sagt Insinna, «sind wir der Natur hier tatsächlich ausgeliefert.» Im Fall einer Dürreperiode beispielsweise sei es ja nicht möglich, knapp 7000 Hektar Wald zu bewässern. «Aber nur das würde helfen.»
Erfolg verspricht einzig der Fokus auf die langfristige Perspektive. «Klimafit» ist das Attribut, das Liechtensteins Wälder gemäss Insinna künftig auszeichnen muss. «Sie sollen eine grösstmögliche Widerstandskraft gegenüber Klimaeinflüssen und deren Folgen haben und bei Ereignissen wie Dürreperioden, Stürmen oder Insektenbefall so schnell wie möglich in den Ausgangszustand zurückkehren können.» 

Die Mischung macht’s

Seit vielen Jahren sind Liechtensteins Forstbetriebe deshalb dabei, die hiesigen Wälder artenreicher zu gestalten. «Je mehr Baumarten ein Bestand aufweist», erklärt Insinna, «desto widerstandsfähiger ist er auf äussere Einflüsse und desto geringer sind die Schäden.» Dahinter steckt die Überlegung, dass unterschiedliche Arten auch unterschiedlich anfällig auf einzelne Schadensereignisse sind. Diesen Umstand will man sich zunutze machen. Weil Nadelbäume eher waldbrandgefährdet sind als Laubbäume, kann eine Mischung Risiko und Auswirkungen reduzieren. Weil Schädlinge oft nur eine oder wenige Baumarten befallen, kann eine Mischung bewirken, dass ihnen nicht der gesamte Bestand zum Opfer fällt und die Waldfunktion aufrechterhalten wird. Weil bestimmte Bäume tiefer wurzeln als andere, sorgt eine Mischung dafür, dass ein Sturm einem Bestand weniger anhaben kann.

Doch auf welche Arten soll dabei konkret gesetzt werden? Just dieser Fragestellung geht das Forschungsinstitut für Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, bezogen auf unterschiedliche Regionen, laut Insinna gegenwärtig nach. Vor diesem Hintergrund, glaubt er, könne es sich durchaus herausstellen, dass in Liechtenstein einige zusätzliche europäische Baumarten und Herkünfte eingebracht werden sollten, «die bis heute wenig oder gar nicht zum Einsatz kommen». Zuvorderst werde man aber sicher auch künftig mit vielen Baumarten arbeiten, die bereits heute bekannt seien. «Der Unterschied wird sein, dass sich das Verbreitungsgebiet mancher Baumarten nach oben ausdehnen wird. Durch die steigende Nullgradgrenze und eine verlängerte Vegeta­tionszeit können sich vor allem Laubholzarten immer weiter in die Hochlagen ausbreiten.»

«Es wird keine Baumart aussterben»

Dass einige heimische Baum­arten im Zuge der Förderung der Klimaresistenz mitunter auch von der Bildfläche verschwinden könnten, verneint der Fachmann dagegen klar: «In unserer Region wird keine Baumart aussterben.» Es werde lediglich Arten geben, die künftig nicht mehr dort vorkämen, wo sie heute wüchsen. Die Fichte beispielsweise gilt als typischer Bewohner der Gebirgswälder. Dennoch wurde sie in der Vergangenheit auch in Tieflagen angepflanzt, wo sie dank ausreichender Wasserversorgung auch lange Zeit problemlos überleben konnte. Wird das Wasser, wie in den Trockensommern 2015 und 2018 geschehen, jedoch knapp, wird es für die Fichte eng. «Deshalb», so Insinna, «wird sie in den unteren Lagen in Zukunft vermutlich ganz ausfallen.»

Eine Arbeit für viele Förstergenerationen

«Klimafitness» hängt letztlich also nicht nur vom aktiven Eingreifen des Menschen ab. Die Natur reguliert vieles selbst, so dass sich Forstbetriebe darauf beschränken können, die rich­tigen Rahmenbedingungen zu gewährleisten – etwa hinsichtlich des Umgangs mit der Wildproblematik oder mit Konkurrenzvegetationen. Das ist ei­nerseits ganz im Sinne der Philosophie der hiesigen Forstwirtschaft. Es bedeutet andererseits aber auch eine gewisse Unwägbarkeit. Wann Liechtensteins Wälder dem Klimawandel tatsächlich im erhofften Masse widerstehen können, muss demnach offen gelassen werden. Eines ist für Patrick ­Insinna aber klar: «Die Arbeit wird sicher mehrere Förstergenerationen beschäftigen.» (bo)

15. Jul 2019 / 10:29
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