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    GPS-Signale belegen, dass der Bartgeier Finja im Mai 2019 Liechtenstein überquerte.  (SEVERIN BIGLER)

Kinderdieb und Gesundheitspolizist

Der Bartgeier, der seit Ende des 19. Jahrhunderts als ausgerottet gilt, überquerte zuletzt auch wieder Liechtensteiner Hoheitsgebiet.

Wohl keine andere Vogelart wurde in der Vergangenheit so zu Unrecht verfolgt und diffamiert wie der Bartgeier. 
Der «Lämmergeier», wie der Vogel auch genannt wird, kann eine Flügelspannweite von bis zu drei Metern er­rei­chen und gehört mit diesen Massen zu den grössten flugfähigen Vögeln überhaupt. Als «Leichenschänder», «Teufels-» und «Unglücksvogel» wurde er in früheren Jahrhunderten angesehen. Das Volk hatte Angst: Schliesslich wurde dem Bartgeier doch der Raub von Lämmern oder gar Kindern nach-gesagt. So war dann die Nachricht nicht überraschend, dass der Geier auch in Liechtenstein und der Umgebung ausgerottet wurde. 

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Die Stiftung Pro Bartgeier wildert die Vögel im Alpenraum wieder aus.

Nach langer Zeit wieder in Liechtenstein aufgetaucht
Doch nun erholt sich die Population an Bartgeiern – dank verschiedener Schutzprogramme und Wiederansiedlungsprojekte – schrittweise. Die ausgewilderten Vögel sind mit GPS-Sendern versehen, die belegen, dass der Bartgeier auch Liechtenstein überquerte. So flog beispielsweise Finja, ein Bartgeier-Weibchen, am 23. Mai 2019 über Liechtenstein hinweg Richtung Vorarlberg. Anschliessend zog es den Vogel weiter nach München, Stutt­gart und schliesslich nach Reutlingen und Freiburg im Breisgau. Nachdem Finja südlich von Basel bei Gempen übernachtete, setzte sie ihre Reise über Solothurn Richtung Jaunpass und Gstaad ins Wallis fort. Ihre Reise endete wieder in den Alpen, wo Bartgeier normalerweise leben. 
«Solche Flugreisen übers Flachland sind für uns immer auch ein Grund zur Sorge, denn in diesen Gebieten ist die Nahrung für Bartgeier spärlich 
vorhanden und die Flugbedingungen sind eher ungünstig. 
So mussten im Jahr 2015 unsere holländischen Kollegen einen Bartgeier während sei-ner Flachlandreise einfangen, weil er derart geschwächt war», erklärt die Stiftung Pro Bartgeier. 

Bartgeier könnte sich auch in Liechtenstein ansiedeln
Als neue Durchgangsroute für Bartgeier würde Georg Willi, Vizepräsident des Liechtensteinischen Ornithologischen Landesverbandes, das Land Liechtenstein jedoch nicht bezeichnen: «In den letzten Jahren wurden zahlreiche Bart­geier im Calfeisental, also ganz in der Nähe Liechtensteins, ausgesetzt. Da Bartgeier weit fliegen, um Nahrung zu suchen, und Liechtenstein nun mal in der Nähe des Aus­wilderungs­ortes liegt, war anzunehmen, dass die Art zunehmend auch in Liechtenstein beobachtet werden kann.» Liechtenstein sei also weniger eine Durchgangsroute als vielmehr Teil des Nahrungsgebiets. Doch die Möglichkeit, dass der «Lämmergeier» sich auch in Liechtenstein irgendwann wieder ansiedelt, schliesst Willi nicht aus. «Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass er gleich schon in den kommenden Jahren hier wieder heimisch wird. Zuerst ist zu erwarten, dass er sich im St. Galler Oberland fortpflanzt, also zum Beispiel im Bereich des Calfeisentals. Von da könnten sich dann allenfalls weitere Horstplätze bei uns in den Voralpen etablieren», sagt der Ornithologe. 

«Jäger Lampert» erschiesst zwei Bartgeier im Nest
Die Geschichte des Bartgeiers war bislang eine Leidensgeschichte und zeugte von menschlichem Unwissen und vielen Vorurteilen. «Er wurde geschossen, vergiftet und ausgehorstet. Ihm wurden Fallen gestellt und so wurde er zu Beginn des 20. Jahrhunderts im ganzen Alpenbogen ausgerottet», weiss Mario F. Broggi, ehemaliger LGU-Geschäftsführer, zu berichten. In Liechtenstein habe es lediglich einen einzigen Hinweis auf ein Brutvorkommen des Bartgeiers im Land gegeben, und zwar im Jahr 1863. Damals sei in der «Liechtensteinischen Landeszeitung» ein Hinweis erschienen, dass ein «Jäger Lampert» in Triesenberg zwei junge Lämmergeier im Nest erlegt habe. «Das ist der einzige uns bekannte Hinweis  auf sein ehemaliges Vorkommen in Liechtenstein», so ­Broggi. 
Im nahen Bürserberg in Vorarlberg sei am Fallenkopf noch im Jahre 1900 ein Lämmergeier erlegt worden, wofür damals 10 Kronen Prämie bezahlt worden seien. Georg Willi ergänzt: «Dem Bartgeier wurden früher übernatürliche Kräfte nachgesagt, was zu diesen Ängsten in der Bevölkerung führte.» 
Ein Vogel, der Polizist und Reinigungskraft ist
Tatsache sei jedoch, dass der Bartgeier zu 90 Prozent von Knochen des Aas lebe, die er auf seinen Suchflügen orte. Als reine Aasfresser töten sie keine lebenden Tiere. Sie übertragen auch keine Krankheiten, im Gegenteil: Ihre scharfen Magensäuren zerstören sogar aggressivste Keime wie Milzbrand. Das Schlagwort «Gesundheitspolizei» trifft wohl am besten die wichtige Aufgabe des Vogels. 
In Teilen Indiens werden die Greifvögel übrigens mit dem Medikament Diclofenac ausgerottet – und prompt verbreitet sich dort die Tollwut, weil Kadaver liegen bleiben. In Europa dagegen, wo Geier vielerorts schon ausgestorben ­waren, sorgen nun aber die Schutzprogramme für eine Erholung des Bestands. Die Geier vermehren sich jedoch sehr langsam, meist haben sie nur ein Junges pro Jahr. Zudem sind sie erst im Alter von fünf oder sechs Jahren geschlechtsreif. Die Geschichte des Bartgeiers wird nun im Alpenraum neu geschrieben: ohne Verfolgung, ohne Diffamierung. (rpm)

22. Mär 2020 / 20:40
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