• Halbe Halbe, Vaduz
    Walter Kranz ist Psychologe und Psychotherapeut mit Praxis in Vaduz.  (Tatjana Schnalzger)

«Gefühl der Sicherheit hat eine Beule»

Die Corona-Krise ist noch längst nicht vorbei. Und schon gar nicht verarbeitet. Sämtliche Auswirkungen zeigen sich nach und nach.

Herr Kranz. Wir befinden uns nach wie vor in der Corona-Krise, auch wenn nun nach und nach Lockerungen erfolgt sind. Wie war ihr Gefühl zu Beginn der Krise? Hatten Sie persönlich Angst vor dem Virus?

Walter Kranz: Ich war besorgt. Es war mir klar, dass ein grosses Problem auf uns zukommt. Als Angst würde ich mein Gefühl nicht bezeichnen, weil ich wenig körperliche Reaktionen wie Unruhe, Schlaflosigkeit, Engegefühl oder Ähnliches verspürte. Wenn wir noch kleine Kinder hätten, wäre ich sicher ängstlicher gewesen. Auch beruflich bin ich in einer guten Situation. Das ist beruhigend. Der Grad der Angst hängt stark von der Lebenssituation und von früheren Erfahrungen ab.

Was erwarten Sie in Bezug auf die psychische Gesundheit der Menschen? Wie wirkt sich diese Krise auf sie aus?

Wir sind gewohnt, uns sicher  zu fühlen. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wer – ausser ein paar Fachleuten – hätte es für möglich gehalten, dass ein Krankheitserreger die Welt so hilflos aussehen lässt? Unser Gefühl von Sicherheit hat eine grosse Beule bekommen. Das wirkt sich oft erst mit zeitlicher Verzögerung aus. Zuerst ist man im Zustand  des Krisenmanagements: Was brauche ich zum Überleben? Man legt Vorräte an, zum Beispiel Reis und Teigwaren, Zucker und Salz und, noch vor  den Medikamenten, Toilettenpapier. Aus diesem Zustand sind wir momentan raus. Jetzt besteht verbreitet Angst um den Arbeitsplatz – eine weitere Belastung, eine weitere Unsicherheit, wobei die Jobsicherheit schon vor der Corona-Krise nicht als hoch empfunden wurde. Gerade eben kam die Warnung vonseiten des Europarats und der UNO, dass Terroristen diesen oder einen anderen gefährlichen Virus als biologische Waffe einsetzen könnten. Der Grad an Unsicherheit und Belastung ist jetzt allgemein hoch. Und bei allgemein hoher Belastung braucht es nur wenig Anlass, um eine psychische Störung, zum Beispiel eine Panikattacke, auszulösen. Der gleiche Anlass würde bei einer allgemein tiefen Belastung keine Attacke auslösen. Die Panikattacke ist natürlich nur eine mögliche, wenn auch eine eindrückliche Reaktion für die betroffene Person. Manche Leute reagieren vielleicht eher mit Bauchweh, Migräne oder anderen Schmerzzuständen, wieder andere mit dem Konsum von Suchtmitteln etc. Ich gehe davon aus, dass die Reaktionen auf Belastung zunehmen werden.

Wie nehmen Sie die  Menschen wahr?

Viele Leute sind beunruhigt, bedrückt, fühlen sich bedroht. Einige Leute halten Angst jedoch für nicht angemessen. Sie meinen, dass die Massnahmen überzogen sind, weil die Gefahr eigentlich gering sei. Manche flüchten in Sarkasmus oder Fatalismus. Sie sagen zum Beispiel, dass die Starken überleben werden, wie Darwin das gelehrt hat: «Survival of the fittest.» Das sei letztlich gut für die Menschheit. Die Angst hängt davon ab, wo man sich informiert und wie man mit den Informationen umgeht. 

Gibt es auch andere Faktoren, zum Beispiel genetische, die dabei eine Rolle spielen, wie ein Mensch mit einer Krise umgeht? 

Ja, es gibt genetische Faktoren. Das Alarmsystem im Gehirn kann unterschiedlich ausgebaut sein, was die Reaktionsstärke beeinflusst. Wichtig sind auch die Beziehungserfahrungen, die eine Person in der Kindheit gemacht hat. Wer als kleines Kind eine sichere Bindung erfahren durfte, ist im späteren Leben widerstandsfähiger gegenüber Belastungen. Man spricht hier von Resilienz.

Den Medien wurde auch schon vorgeworfen, dass Sie eine Massenneurose fördern. Sehen Sie das auch so?

Ich fand die Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien als sachlich und angemessen. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Thema Covid-19 beherrschend war. Man konnte sich dann auch überfüttert  fühlen.

Die Regierung fürchtet nun eine zweite Welle von Ansteckungen. Was empfehlen Sie bzw. wie sollen und können wir damit umgehen?

Weil viele Leute sich jetzt unvorsichtig verhalten, müssen wir auf eine zweite Welle gefasst sein. Der definitive Silberstreifen am Horizont ist erst nächstes Jahr zu sehen, wenn die Schutzimpfung kommen soll. Die Empfehlung ist natürlich, die Vorsichtsmassnahmen, vor allem die soziale Distanz, einzuhalten. Damit diese Massnahmen nicht zu Isolation  und Vereinsamung führen, empfehle ich, das soziale Netz über Telefon und Internet intensiv zu pflegen und körperlich in Bewegung zu bleiben. «Social distancing» meint, dass  wir körperlichen Abstand wahren. Dieser soll nicht zu emotionalem Abstand führen. Wer von grosser Angst oder Traurigkeit betroffen ist, sollte sich fachliche Hilfe suchen.

Manche Leute sagen, die Welt werde nie mehr so sein wie vor der Corona-Krise. Was löst das aus?

Es wird Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen geben: der politischen, der gesellschaftlichen, der wirtschaftlichen und der individuellen. Politisch beginnt jetzt die Auswertung, die sich bis in den Herbst hinein-ziehen wird – vielleicht auch länger, falls eine zweite Welle kommt. Es wird eine Wertediskussion geben. Schon jetzt positionieren sich in der Schweiz rechtsbürgerliche Kreise mit der Forderung, dass es keinen zweiten «Shut Down» geben dürfe, auch wenn eine zweite Infektionswelle kommt. Dem Wert Gesundheit/Schutz der Schwachen wird nun der Wert des wirtschaftlichen Erfolgs und der wirtschaftlichen Sicherheit gegenübergestellt. Gleichzeitig wird das Krisenmanagement des Staates hinterfragt. Dahinter stecken nicht zuletzt parteipolitische Interessen. Der anfänglichen Zustimmung folgt Kritik, auch wenn die Kritiker die Massnahmen mitentschieden hatten. Es wird verglichen, wie die Schweiz, Österreich, Schweden, Italien und andere operiert haben. Betagten und gesundheitlich geschwächten Personen wurde bisher grosse Beachtung geschenkt. Hoffentlich bleibt diese Haltung bestehen.

Inwiefern beeinflusst nicht nur die nationale, sondern auch die internationale Entwicklung unser eigenes Verhalten?

Der psychologische Effekt kommt von beiden Seiten. Wir schauen ausländische Fernsehkanäle. Was wir dort sehen, beeinflusst unsere Stimmung. Und wir haben viel Elend gesehen. Wir haben gehört, welche wirtschaftlichen Probleme die Krise nach sich ziehen wird. Das wirkt sich auf unsere Stimmung aus – selbst dann, wenn die einzelne Person sich für  die näheren Zusammenhänge nicht interessiert. Manche Leute wollen von Corona auch nichts mehr wissen, gehen in die mentale Abwehr. Andere spielen die Gefahr herunter und glauben, dass dieser Virus ja  eigentlich nicht schlimmer sei als eine normale Grippe. Die Wahrnehmung ist selektiv.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind in dieser Zeit besonders zu beobachten?

Auf der gesellschaftlichen Ebene ist relevant, dass die Digitalisierung enormen Schub bekommen hat. «Homeoffice» wird verbreitet bleiben, mit grossen Auswirkungen auf das Familienleben. Die Globalisierung zeigt eine neue, bisher nicht wahrgenommene Problematik. Das vereinte Europa zeigt zusätzliche Schwächen. Das Wohlstandsgefälle zwischen den nordeuropäischen und den südeuropäischen Ländern vergrössert sich weiter. Die Staaten verschulden sich, was später wieder zu Sparprogrammen führen wird. Die Ökologie profitiert zurzeit von der Krise, der Effekt wird aber nachlassen. Die Wissenschaften bekamen Anerkennung. Wissenschaftlich soll geklärt werden, wo der Ursprung des Virus ist. China wehrt sich aber gegen eine Untersuchung durch ein internationales Gremium. Die Krise ist noch längst nicht vorüber, geschweige denn verarbeitet. (Interview: dv)

26. Mai 2020 / 07:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Lova Center
Zu gewinnen einen Lova Einkaufsgutschein im Wert von 50 Franken.
25.06.2020
Facebook
Top