• Jules Hoch in Vaduz
    Jules Hoch klärt über die aktuelle Lage im Bereich Jugendgewalt auf.  (Daniel Schwendener)

Fälle von Jugendgewalt häufen sich

Die Landespolizei verzeichnet vermehrt von Jugendlichen ausgeübte Delikte. Polizeichef Jules Hoch gibt Auskunft.

Schlägereien, Sachbeschädigungen, missglückte Drogen-Deals – seit Anfang Jahr musste die Landespolizei vermehrt wegen Jugendgewalt ausrücken.  Dies nach mehreren Jahren, in denen sich Fälle von Jugendgewalt auf tiefem Niveau bewegten. Polizeichef Jules Hoch hält fest: «Die Lage im Bereich Jugendgewalt in Liechtenstein zeichnet sich – wie andere Kriminalitätsphänomene in Liechtenstein auch – durch starke Schwankungen aus.» Eine klare Tendenz zu einer generellen Zunahme von Jugendgewalt könne aus der aktuellen Lage daher nicht abgeleitet werden. Ein relativ neues Phänomen sei jedoch die Aggressivität, mit der Jugendliche gegenüber den Polizisten auftreten. Es gebe Fälle, bei denen Polizisten verbal attackiert und körperlich bedrängt wurden. Es ist wichtig festzuhalten, dass nicht alle Jugendlichen gewalttätig sind. Es handelt sich vielmehr um einen kleinen Teil der jungen Erwachsenen, die Gewalt ausüben und Strafdelikte begehen.

Vermehrte Präsenz der Polizeibeamten
In den Medienmitteilungen der Landespolizei war in der jüngeren Vergangenheit beispielsweise von einer Messerstecherei beim Mühleholz-Markt, ­einem Schuss aus einer Gas­pistole auf eine Person in Eschen oder eine Schlägerei von vier Personen beim Busplatz in Schaan, bei der rund 50 Personen zuschauten, zu lesen. Der Schein, dass solche Fälle vermehrt vorkommen, trügt nicht, wie Polizeichef Jules Hoch ausführt: «Im Vergleich zu den Vorjahren verzeichnen wir aktuell eine Zunahme an Delikten, die von Jugendlichen oder teils auch noch strafunmündigen Kindern begangen worden sind.» Das ergäben die ersten provisorischen Auswertungen der Fälle in diesem Jahr. Unter Kinder fallen dabei ­unmündige Personen unter 14 Jahren, während als Jugendliche Personen im Alter von 14 bis 18 Jahren gelten. Bis zum 21. Lebensjahr kann das Gericht im Einzelfall noch das Jugendstrafrecht anwenden.  Kinder werden nicht angezeigt, sondern an Institutionen wie das Amt für Soziale Dienste vermittelt. 
Eindeutige Gründe, weshalb in den letzten Monaten gewalttätiges Verhalten und Delikte, verübt von Jugendlichen, vermehrt auftreten, kann auch Polizeichef Hoch nicht nennen. Allerdings ist es so, dass seit der Diskussion um den Konsum von verbotenen Medikamenten und anderer Substanzen durch ­Jugendliche die Präsenz der Landespolizei im öffentlichen Raum verstärkt worden ist und daher auch mehr Vorfälle festgestellt werden.

Konzentration der Delikte in Schaan
Schaan gleicht weder einer Stadt wie Zürich noch den Armutsvierteln deutscher Grossstädte und schon gar nicht amerikanischen Ghettos wie die Bronx oder Compton. Dennoch: Schaan hat zunehmend kleinstädtischen Charakter, was auch gewisse negative Begleiterscheinungen mit sich bringt. Polizeichef Hoch verweist denn auch im Zusammenhang mit Jugendgewaltphänomenen auf gewisse «städtische Strukturen»: «Schaan hat mit seinem Kultur- und Gastronomieangebot so­wie dem grossen Busbahnhof eine Zentrumsfunktion. Das führt oft gerade am Wochenende zu grösseren Menschenansammlungen. Kommen dann noch Alkohol oder Drogen dazu, kann das leider auch in Streit und Gewalt münden.» Natalie Paul, Geschäftsführerin des «Black Pearls», berichtet von Ansammlungen vor ihrem Lokal und erzählt, dass Jugendliche in der Nacht zweimal ihre Aussenbar verwüstet haben, woraufhin Paul diese neu herrichten lassen musste.

Zeugnisse auf den sozialen Medien
Im Zeitalter von sozialen Medien nehmen die Jugendlichen Vorkommnisse im Gewalt- und Drogenmilieu mit der Kamera auf. Beispielsweise auf einem Instagram-Profil, das bereits 1043 Abonnenten aufweist, werden die Aufnahmen hochgeladen. Auf den rund 20 Videos werden unter anderem Drogen konsumiert, ein öffentliches Waschbecken zerstört oder sich geprügelt. Auf einem sind zwei Jugendlichen zu sehen, die im nächtlichen Drogenrausch auf einer Parkbank sitzen, mit leeren Augen vor sich hinstarren und nicht mehr ansprechbar sind. Die Ersteller der Seite kommentieren die Videos im Jugendjargon: «Zombie-Jugend». In einem anderen belästigen Jugendliche wohl Randständige vor dem Busplatz in Schaan und der entsprechende Kommentar lautet: «crack­city». Und sie filmen die Polizei; wie diese mit Blaulicht um den Grosskreisel fährt oder einen Jugendlichen fortführt. Die Antipathie gegenüber der Staatsgewalt ist durchaus spürbar.

Aggression gegenüber der Polizei
Graffiti mit den Lettern «A. C. A. B.» («All Cops are Bas­tards») sind auch in Liechtenstein nichts Neues. Die Aggression, mit welcher sich die Polizei zunehmend konfrontiert sieht, aber schon. «Dass Polizisten verbal beleidigt und körperlich bedrängt werden, gab es immer. Eher neu ist, dass dies vermehrt auch Jugendliche machen», sagt Hoch. «In Gruppen fallen bekanntlich die Hemmungen, leider auch der Respekt vor Autoritäten wie der ­Polizei.» So mussten Polizisten, die von einer grösseren Gruppe Jugendlicher aggressiv bedrängt wurden, auch schon mal zusätzliche Polizisten beiziehen. Auch wurde eine Anzeige wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Polizisten erstattet.  Ein Grund für den abnehmenden Respekt gegenüber Polizisten kann unter Umständen auch in der internationalen Debatte um Polizeigewalt gefunden werden. Der Polizeichef verweist auf die Partygänger in Stuttgart, welche Polizisten attackierten. «Das war kein politisches Statement. Aber die ­globalen Proteste gegen Polizeigewalt in den USA führen möglicherweise dazu, dass der Respekt gegenüber der Polizei und damit auch die Hemmschwelle, Gewalt gegen Poli­zisten anzuwenden, generell sinkt.»

Nicht alles ist Corona zuzuschreiben
Laut Hoch ist während des Lockdowns die Gesamtkriminalität zurückgegangen. Die Zunahme der Sachbeschädigungen und Körperverletzungen, begangen von jugendlichen Tatverdächtigen, stehen jedoch nicht unbedingt in Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Stillstand. Denn rund zwei Drittel der Fälle von Jugendgewalt in diesem Jahr geschahen bereits vor Corona. Der Polizeichef verweist in diesem Zusammenhang auf die Fasnacht und Jahrmärkte, die die Landespolizei sehr auf Trab gehalten haben. Beim Jahrmarkt in Balzers trat erstmals eine Gruppe Jugendlicher aus der angrenzenden Schweiz auf, die gezielt den Konflikt suchte. Es kam in der Folge auch zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung. «Als Reaktion darauf gruppierten sich Jugendliche aus Liechtenstein, um ihr ‹Territorium› zu verteidigen», sagt Hoch. Treffen diese beiden Gruppen im öffentlichen Raum aufeinander, kann es zu Provokationen und leider auch zu Gewalt kommen. 
Ihre Zerstörungswut lassen gewisse Jugendliche aber auch an öffentlichen Einrichtungen aus. Öffentliche Toiletten werden beschädigt, Bushaltestellen beschmiert und deren Fensterscheiben eingeschlagen, die Abfallkübel weggerissen. Auch Jürgen Frick, Geschäftsführer der Liemobil, berichtet auf Anfrage, dass sich in Bussen eine gesteigerte Aggression von Seiten der Jugendlichen bemerkbar macht. (dab)

07. Jul 2020 / 20:46
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