• Das Grab Maria von Lindens (linke Seite) in Schaan.
    Das Grab Maria von Lindens (linke Seite) in Schaan.

Erste deutsche Professorin ruht in Schaan

Auf Liechtensteins Friedhöfen ruht manche Berühmtheit. So auch Gräfin Maria von Linden, eine bedeutende Wissenschaftlerin.

Sie ist eine der vielen, in Liechtenstein zu Unrecht vergessenen Persönlichkeiten der Geschichte: Am 18. Juli 1869 erblickte in Schloss Burgberg, Kreis Heidenheim, Maria Anna Wilhelmine Luise Karoline Elise Kamilla Olga Amalie Pauline Gräfin von Linden das Licht der Welt. Noch konnte niemand ahnen, welch grosse Persönlichkeit sie werden sollte, nämlich eine äusserst renommierte Zoologin und Parasitologin. Sie erhielt 1910 als erste Frau in Deutschland an der Universität Bonn den Professorentitel.
Dorfschullehrer und Pfarrer erkannten ihre Begabung
Maria von Linden stammte aus dem Adelsgeschlecht von Linden. Sie war die Tochter des Grafen Edmund von Linden und dessen Ehefrau Eugenie, geb. Freiin Hiller von Gärtringen. Es war auch bei ihr mit der Bildung ähnlich wie bei so manchem Prominenten der Geschichte, z. B. auch bei Josef Rheinberger: Ab dem sechsten Lebensjahr erhielt sie Privatunterricht vom Dorfschullehrer, zusätzlich ab dem achten Lebensjahr Reli­gionsunterricht vom dortigen Pfarrer. 1883 trat die Comtesse in das renommierte «Victoria-Pensionat» und die damit verbundene Töchterschule in Karlsruhe ein.

Heute würde sie als Hochbegabte eingestuft werden
Autodidaktisch ergänzte sie ihr Wissen, insbesondere in Mathematik und Latein: Wer diese Fächer zu beherrschen gelernt hat, weiss, was das bedeutet. Nach weiteren privaten Stu­dien und Teilnahme am Unterricht der Oberprima (!), der letzten Klasse vor dem Abitur (Matura), legte sie 1891 als Externe und erste Württembergerin das Abitur am Stuttgarter Realgym­nasium (heute das Dillmann-Gymnasium) ab. Die Zulassung zur Abiturprüfung, damals eine Besonderheit, erlangte sie mithilfe ihres Grossonkels, des zeitweiligen württembergischen Innen- und Aussenministers Josef Freiherr von Linden.

Studieren nur dank Sondergenehmigung des Königs
Er verhalf ihr auch zur Sondergenehmigung des württembergischen Kö­nigs Wilhelm II., mit der sie 1892 das naturwissenschaftliche Studium an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen beginnen durfte – als erste Studentin dieser Universität und Württembergs. Allerdings war sie nie voll immatrikuliert, sondern erhielt lediglich die Erlaubnis, als Gasthörerin Veranstaltungen zu besuchen, und im Falle des Erfolges die Aussicht, promoviert zu werden.

«Gehen Sie jeden Abend um zehn ins Bett!»
Vom Kanzler der Universität (Karl Heinrich Weizsäcker) wurde sie zu Beginn ihrer Studienzeit persönlich empfangen und mit dem Hinweis, sie solle doch jeden Abend um zehn Uhr zu Bett gehen und «Sie müssen uns eine Ehre machen!» entlassen. Sie besuchte Veranstaltungen bei Lothar Meyer und Theodor Eimer.

Ihre Teilnahme an Lehrveranstaltungen wurde zuweilen humoristisch wahrgenommen. So meinte Prof. Eimer im Zusammenhang mit der Entstehung menschlichen Lebens in einer Vorlesung: «Nicht wahr, Gräfle, der Mensch ist aus Dreck geschaffen?», was sie mit «Jawohl, Herr Professor, aber nur der Mann», erwiderte. An der Tübinger Universität erhielt sie auch 1895 als erste Frau in Deutschland den Titel Scientiae Naturalis Doctor. Als Hauptfach hatte sie Zoologie, als Nebenfächer Physik und Botanik gewählt. Das Thema ihrer Dissertation lautete: «Die Entwicklung der Zeichnung und der Sculptur der Gehäuseschnecken des Meeres». Danach forschte sie als Assistentin Eimers, bis sie 1899 eine Stelle an der Universität Bonn, zunächst am Zoologischen und Vergleichenden Anatomischen Institut der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und ab 1906 am Anatomischen Institut der Medizinischen Fakultät, annahm.

Segensreiche Entdeckung antiseptischen Materials
Ab 1908 arbeitete sie als Abteilungsvorsteherin der neuen Parasitologie am Hygienischen Institut der Universität Bonn unter Leitung von Dittmar Finkler. Hier suchte sie vor allem nach Möglichkeiten der Tuberkulose-Bekämpfung. Sie entdeckte die antiseptische Wirkung von Kupfer, welche dann von der Firma Paul Hartmann in Heidenheim zur Herstellung von sterilem Verband- und Nahtmaterial genutzt wurde. Obwohl von Linden aufgrund ihrer Leistungen zum «Titular-Professor» ernannt wurde, verwehrte ihr der preussische Kulturminister ihr Habilitationsgesuch und das Recht zu lehren, allgemein wurde damals den Frauen das Recht abgesprochen, sich zu habilitieren.


Die Gefahren des Nationalsozialismus früh erkannt
Die Gräfin war eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, den sie nach den Aufzeichnungen Wladimir Lindenbergs schon 1923 als grosse Gefahr erkannte. 1933 wurde sie zwangspensioniert. Sie unterstützte die Familie des jüdischen Physikers Heinrich Hertz, in deren Haus sie in Bonn 34 Jahre lang gelebt hatte. 1935 bemühte sie sich um eine Emigrationsmöglichkeit für sie.

In Schaan den Krebs erforscht  und schliesslich gestorben
Maria von Linden selbst emigrierte nach Liechtenstein, wo sie sich weiterhin wissenschaftlich betätigte, insbesondere im Bereich der Krebsforschung. Sie verstarb am 26. August 1936 in Schaan an den Folgen einer Lungenentzündung.

Zahlreiche Ehrungen für ihr Lebenswerk
Im Jahr 1900 wurde sie von der französischen Akademie der Wissenschaften mit dem Da-Gamo-Machado-Preis ausgezeichnet, 1908 als «Abteilungsvorsteher» mit der Neueinrichtung des Parasitologischen Instituts an der Universität Bonn betraut. Am 30. November 1902 wurde sie zum Mitglied der Leopoldina gewählt. 1999 wurde in Calw-Stammheim der Ableger des  Hermann-Hesse-Gymnasiums nach ihr benannt. 2006 wurde an der Universität Bonn ein neues Frauenförderprogramm entwickelt und trägt seitdem ihren Namen. 2017 wurde der Jahrgang des Studiengangs Humanmedizin ab Wintersemester 2017/2018 an der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn nach ihr benannt. Der Verband Baden-Württembergischer Wissenschaftlerinnen vergibt einen nach ihr benannten Preis.

Blick zurück
Das «Vaterland» veröffentlicht in loser Folge Berichte zu historischen Ereignissen und weiteren Besonderheiten in der Geschichte Liechtensteins.

22. Mai 2020 / 21:12
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