• Artikel Ritalin/Interview mit René Kindl
    Beschäftigt sich seit 16 Jahren mit dem Thema ADHS: Dr. René Kindli.  (Nicolaj Georgiev)

«Entscheidend ist der Leidensdruck»

Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) wird häufig das viel diskutierte Methylphenidat (MPH), Handelsname Ritalin, eingesetzt. Ein Gespräch mit Kinderarzt Dr. René Kindli.

Der Arzneistoff aus der Gruppe der Phenylethylamine besitzt stimulierende Wirkung. In der öffentlichen Debatte ist das Medikament umstritten. Wer über die Suchmaschine Google nach Ritalin sucht, findet eine Vielzahl an seriös anmutenden Seiten, von denen sich die meisten im Endeffekt als Totalkritik herausstellen. Resümee des Laien nach dem Dr.-Google-Studium: Verunsicherung. Während die einen Ritalin als rettende Lösung für ADHS-Patienten sehen, glauben andere an eine unlautere Methode, um lebhafte Kinder für die Schule ruhigzustellen.

Umfassende Abklärung bis zur Diagnosestellung
Kinderarzt Dr. René Kindli mit Praxis in Mauren beschäftigt sich seit 16 Jahren intensiv mit dem Thema ADHS und Ritalin. Er weiss: Der Weg, bis das Medikament abgegeben wird, ist lang. Hierbei sind für ihn das Abwägen der Vor- und Nachteile, eine vorgängige umfassende Abklärung sowie ein seriöser Einsatz mit entsprechender Dosierung zentral. Auch bis es zur medizinischen Diagnosestellung ADHS durch einen Kinderarzt oder Kinder-/Jugend­psychiater kommt, müssen viele Komponenten erfüllt sein. «Eine Zuweisung erfolgt durch den schulpsychologischen Dienst oder ein Arzt stellt im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung fest, dass Probleme bei der Konzentration und Impulskontrolle auftauchen. Zum Teil gibt es auch Hinweise von Lehrern, Eltern oder Hausärzten, die die Kinder betreuen», klärt der Kinderarzt auf. Eine ADHS-Abklärung umfasst Gespräche mit den Eltern, die Abgabe speziell ausgearbeiteter Fragebögen an die Eltern und das Kind – mit dem Einverständnis der Eltern auch den Lehrern/Kindergärtnerinnen, umfassende Gespräche und Entwicklungstests mit dem Kind, welche die Intelligenzprofile, exekutiven Funktionen, Wahrnehmung, die psychomotorische und sozial-emotionale Entwicklung aufzeigen. In den Abschlussbericht fliessen, das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt, auch Vorabklärungen vom Schulpsychologischen Dienst, Kinder­spital etc. mit ein. «Es ist wichtig, ein umfassendes Bild des Kindes in seinen verschiedenen Lebensumständen zu bekommen – die Situation in der Schule, zu Hause und in der Freizeit», so Kindli.

Verändertes Umfeld, hohe  Ansprüche, Leistungsdruck
ADHS sollte laut Dr. Kindli nicht als Krankheit oder Behinderung gesehen werden, sondern als genetische Veranlagung. Hier hat man es im ­Gegensatz zu einem Knochen­bruch nicht mit Ja-oder-nein-Kategorien zu tun, sondern mit einem Weniger-oder-mehr-Spektrum, vom Normalen zum absoluten Zappelphilipp. «Entscheidend ist der Leidensdruck des Betroffenen.  Viele dieser Kinder haben ein schwaches Selbstbewusstsein, schreiben schlechte Noten, sind unkonzentriert, bleiben unter ihren Möglichkeiten. Ergotherapie, Physiotherapie, Psychotherapie können gute Dienste leisten. Wenn all dies nicht greift, kann Ritalin eine Möglichkeit sein. Die Entscheidung für oder gegen das Medikament treffen die Eltern.»

Den Eindruck, dass sich die Diagnose häuft, bestätigt Dr. Kindli nicht. «Die Zahlen stagnieren. Im Kindesalter geht man von 5 bis 10 Prozent, bei Erwachsenen von 3 bis 5 Prozent Betroffener aus. ADHS hat es immer schon gegeben, nur die Diagnose noch nicht. Mozart, Churchill, J. F. Kennedy waren klassische ADHSler, in der heutigen Zeit z. B. Bill Gates. Ein Mensch mit ADHS hat es heute deutlich schwerer als vor hundert Jahren. Ansprüche und Leistungsdruck steigen, man muss immer überall sein, kann sich dadurch schwerer aufs Einzelne fokussieren.» Als Prototyp des klassischen Zappelphilipps bezeichnet Dr. Kindli Michel von Lönneberga. «Er wuchs mit Oma, Tante, Eltern auf dem Bauernhof auf, konnte sich austoben. Steckte man ihn z. B. mit einer alleinerziehenden Mutter in eine Zwei-Zimmer-Wohnung, müsste sechs Stunden am Tag stillsitzen, wäre am Mittag in der Kita, kann man sich seine Reaktion vorstellen.» Welche Rolle spielt der Medienkonsum? «Er ist definitiv nicht schuld an ADHS. Ist man jedoch Betroffener und konsumiert häufig Medien, hat das negative Auswirkungen. Ein ADHSler, der viel Sport macht, sich dort auspowert, ist innerlich ruhiger.»

Ritalin als Teil einer multimodalen Behandlung
Ziel bei der Abgabe von Ritalin ist, dass das Kind die Schulzeit unbeschadet übersteht, ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen kann, es ihm besser geht.   Medikamente sind jedoch lediglich Symptombekämpfer. Hätten Therapien, Massnahmen zur Stressreduktion etc. langfristig nicht dieselbe Wirkung? «Alle Experten sind sich heute einig, dass die Behandlung bei ADHS multimodal, d. h. mit unterschiedlichen Modellen erfolgen sollte. Hier kann das Medikament, in passender Dosierung, ein Teil davon sein. Entscheidend ist der Leidensdruck, wenn z. B. ein Schulrauswurf droht. Bis eine Psychotherapie greift, dauert es Monate.» Wie gestaltet sich der Zeitraum einer Behandlung mit Ritalin? «Unterschiedlich. ADHS ist eine Entwicklungsverzögerung des Hirns. Bei zirka einem Drittel der Betroffenen wächst es sich es aus, bei einem Drittel schwächt es sich ab, ein weiteres Drittel nimmt es ungebremst ins Erwachsenenalter mit.»

Vergleich mit der Lesebrille
Man kann sich vorstellen, dass eine regelmässige Tabletteneinnahme bei Kindern Scham auslöst oder das Gefühl, krank zu sein. «Die Kinder gehen mit der Einnahme von Ritalin unterschiedlich um: Die einen behalten es für sich, die anderen sehen es locker. Ich vermittle ihnen, dass das Medikament mit einer Brille vergleichbar ist: Ich sehe nicht gut, darum ziehe ich die Brille an. Nur weil ich nicht gut sehe, fühle ich mich nicht als krank, sondern als ganz normaler, vollwertiger Mensch.»

Sieht man sich die Nebenwirkungen von Ritalin an – Bauchschmerzen, Übelkeit, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, verminderter Appetit –, wird einem mulmig zumute. Dr. Kindli: «Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, die aber nicht auftreten müssen. Relativ häufig geht der Appetit zurück. Generell können veränderte Gefühle festgestellt werden, Angst tritt sehr selten auf. Ritalin  wirkt ein paar Stunden. Ziel wäre eine Wirkung während der ganzen Zeit der Konzentration, Schulstunden plus Hausaufgabenzeit. Aus diesem Grund gibt es Retardpräparate, die zwischen 6 und 13 Stunden wirken. Da der Stoffwechsel von Mensch zu Mensch verschieden ist, muss ausprobiert werden, was für wen passt. Man beginnt mit dem schwächsten Präparat, schaut die Wirkung plus eventuelle Nebenwirkungen an, befragt das Kind nach seiner Befindlichkeit. Daraus ergibt sich, welches der Langzeitpräparate am besten vertragen wird.»

Gefahr von Abhängigkeit und «Einstiegsdroge»?
Die grosse Angst der Eltern ist oft, dass das Kind süchtig werden könnte. «Ritalin macht nicht süchtig – ausser es wird missbräuchlich verwendet. Methylphenidat ist vor 70 Jahren entwickelt worden und über kaum ein Medikament gibt es so viele Studien. Ich habe mittlerweile junge Erwachsene, die seit zehn Jahren Ritalin einnehmen und sagen: ‹Es hilft mir gut. Ich vergesse es aber immer wieder zu nehmen.› Ein Süchtiger vergisst seinen Stoff nie!» Also ist Ritalin auch keine Einstiegsdroge, wie es teilweise zu lesen ist? «Ganz klar nein. Das Gegenteil ist der Fall. Schaut man die Drogenszene an, ist sichtbar, dass sehr viele ADHS-betroffen sind, aber ohne Diagnose und Behandlung blieben. Sie sind schlussendlich im Leben gescheitert.»

Und doch hält sich bei vielen die Meinung, die Abgabe von Ritalin sei eine unlautere Methode, um lebhafte Kinder für die Schule ruhigzustellen, das Medikament verändere die Psyche des Kindes. «Natürlich kann man mit einer Überdosierung von Ritalin ein Kind ruhigstellen. Das ist aber nicht das Ziel bzw. die Idee. Das Kind soll sich selber bleiben, seinen Charakter behalten, sich aber besser konzentrieren können.» (ge)

Infos/Kontakt
Selbsthilfegruppe für Eltern mit ADHS-Kindern in Liechtenstein, E-Mail: shg.adhskinder@gmail.com (Mitglied von Elpos Ost­schweiz, www.elpos-ostschweiz.ch)

18. Aug 2019 / 05:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
15. September 2019 / 23:11
15. September 2019 / 14:18
15. September 2019 / 08:35
15. September 2019 / 13:25
14. September 2019 / 16:56
Aktuell
16. September 2019 / 06:02
16. September 2019 / 05:00
16. September 2019 / 04:00
16. September 2019 / 01:01
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Schloss Vaduz
Zu gewinnen 1 Ravensburger Puzzle Schloss Vaduz
04.09.2019
Facebook
Top