• kinderschutz.li in Schaan
    Manfred Spitzer ist ein grosser Kritiker von digitalen Medien.  (Daniel Schwendener)

«Ein unverantwortlicher Skandal»

Manfred Spitzer von der Universitätsklinik Ulm erklärt: «Je mehr Bildschirmmedien die Kinder konsumieren, umso beeinträchtigter ist deren geistige Entwicklung.» Die gestrige Veranstaltung des Vereins «kinderschutz.li» war komplett ausgebucht.
Schaan. 

Der Neurobiologe Manfred Spitzer referierte am Montagabend im SAL in Schaan über die Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien bei Kindern und Jugendlichen. Organisiert wurde der Vortrag vom Verein «kinderschutz.li». Der grosse Saal war voll besetzt, sodass eine Videoübertragung in den kleinen Saal notwendig war.

In Liechtenstein sollen aufgrund des neuen Lehrplans (LiLe) alle Kindergärten und öffentlichen Schulen mit Tablets beziehungsweise Notebooks ausgestattet werden. In den Schulen gibt es für jedes Kind ein mobiles Gerät, in den Kindergärten für eine Gruppe vier. 

Diesem Vorhaben steht Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Ulm für Psychiatrie und Psychotherapie, mehr als nur skeptisch gegenüber: «Das ist ein unverantwortlicher Skandal.» Unter anderem begründet er dies mit einer erst kürzlich publizierten Untersuchung von kanadischen Wissenschaftlern, die den Entwicklungsstand von 2441 Kindern im Alter von zwei, drei sowie fünf Jahren gemessen haben. «Beispielsweise beeinträchtigt bei den Zweijährigen die Zeit vor dem Bildschirm ihre ein Jahr später gemessene Entwicklung», erklärt Spitzer. In etwa dieselben Befunde gab es bereits in einer Untersuchung von 4524 Kindern im Alter von acht bis elf Jahren in 20 Städten der USA. «Je mehr Bildschirmmedien die Kinder konsumierten, desto beeinträchtigter war deren geistige Entwicklung», erklärt Spitzer. Er wird Ende März an der Veranstaltung des Vereins kinderschutz.li zum Thema «Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien bei Kindern und Jugendlichen» referieren. 

Vergleich mit dem Rauchen

Laut dem Experten ist die Nutzung digitaler Medien – darunter fallen Computer, Tablets, Spiel­Konsolen, Smartphones und das Fernsehen – nicht nur für Kinder problematisch, sondern auch für Jugendliche und Erwachsene. So verursacht der Gebrauch der mobilen Geräte laut Spitzer Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Demenz, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht oder ruft auch ein 
Risikoverhalten beim Geschlechtsverkehr hervor. «Die Nutzung von sogenannten ‹Geosocial-Networking-Apps› – das sind soziale Netzwerke, aufgebaut mit geografisch basierten Informationen – fördern täglich millionenfachen Gelegenheitssex und damit die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten», sagt Spitzer. Der Experte geht gar so weit und vergleicht die Nutzung von digitalen Bildschirmmedien mit dem Rauchen. Addiere man die Schäden auf, die durch Smartphones usw. angerichtet würden, ergebe das deutlich grössere als beim Rauchen. «In den Kindergärten und Schulen gibt es ja auch kein Kompetenztraining für das Rauchen», so Spitzer. 

Damit nicht genug. In älteren Interviews erklärte Spitzer bereits, dass die Bildschirm-
medien das Gehirn verkümmern lassen. Er sprach von «digitaler Demenz». So ist der bedeutsamste Schutzfaktor vor Demenz das erreichte Bildungsniveau in der Kindheit und Jugend. «Digitale Bildschirm-
medien stören diese Bildungsprozesse, denn sie lenken ab, führen zu mehr Oberflächlichkeit und nehmen geistige Arbeit ab», führt Spitzer aus. Weil digitale Bildschirmmedien die Bildung beeinträchtigen, rechnet der Experte damit, dass in einigen Jahrzehnten Demenzerkrankungen häufiger auftreten werden. 

Für Kinder bis Ende des Primarschulalters schädlich

«Verblödet» die Gesellschaft also zusehends durch die Nutzung digitaler Bildschirmmedien? Das würde Spitzer so nicht sagen. Denn es hängt von jedem Einzelnen ab, wie er die digitalen Bildschirmmedien nutzt. «Wer seinen Computer als Werkzeug benutzt, beispielsweise mit ihm programmiert, wird dadurch keinen Schaden nehmen», betont er. Immer dann, wenn mit dem Hineinsehen in Bildschirmen Zeit totgeschlagen werde, anstelle selber zu denken, dann richteten sie Schaden an. 

Für Kinder bis Ende des Primarschulalters gilt, dass die digitalen Medien, unabhängig davon, wie oft sie genutzt werden, schädlich sind. «Sie erzeugen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Sucht. Das ist aber noch viel zu wenig bekannt», erklärt Spitzer. Und eben diese Sucht führt zu den beschriebenen Nebenwirkungen. Er führt ein Beispiel an: In Südkorea – einem Land mit einer fast 100-prozentigen Auslastung an Mobiltelefonen – liegt der Anteil an Kurzsichtigen bei den Unter-20-Jährigen mittlerweile bei 95 Prozent. Im Alter erblinden etwa 10 Prozent davon. «Darüber muss man sich Sorgen machen.»

Der Experte weiss, dass seine Meinung nicht populär ist, sie entspreche aber dem heutigen Stand des Wissens. Und das müsse aufgrund der vielfältigen Auswirkungen der digitalen Bildschirmmedien auf die Gesellschaft zur Kenntnis genommen werden. Er begrüsst die Forderung von Julia von Weiler, Beraterin der deutschen Regierung, dass für Kinder unter 14 Jahren ein Smartphone-Verbot gelten sollte. Er führt ein Zeitungszitat der Beraterin an: «So, wie wir Kinder vor Alkohol oder anderen Drogen schützen, sollten wir sie auch vor den Risiken einer zu frühen Smartphone-Nutzung schützen.» (qus)

 

16. Mär 2019 / 13:00
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