• «Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor eine Baustelle, genauso wie die Verteilung der Familienarbeit», sagt Michèle Binswanger.  (zvg)

«Die Diskussion ist nach wie vor wichtig»

Michèle Binswanger erhielt heuer die Auszeichnung zur «Gesellschaftsjournalistin des Jahres». Die «aufgeklärte Feministin» lasse «immer wieder aufhorchen», habe einen «undogmatischen Blick» und starke Geschichten zur «#MeToo»-Bewegung veröffentlicht.
Vaduz. 

«#MeToo», ein Hashtag, wurde vor über einem Jahr zum Inbegriff einer lange angestauten Wut von Frauen. Ein Symbol, dass schweigende Frauen zum Reden und grosse Männer zu Fall brachte: Politiker verloren ihre Sitze im amerikanischen Kongress, Kinogrössen ihre Reputation und britische Minister ihren Posten. In der Schweiz war Journalistin Michèle Binswanger eine der ersten, die «MeToo» thematisierte. Sie beschäftigt sich als «Tages-Anzeiger»-Redaktorin des Öfteren mit Frauenthemen.

Was wird Ihnen aus den «MeToo»-Recherchen in Erinnerung bleiben?

Michèle Binswanger: Sie waren sehr lehrreich. Kurz nach dem Weinstein-Skandal habe ich Leserinnen aufgefordert, mir ihre «MeToo»-Geschichten zu erzählen und habe dann zwei Monate beinahe täglich in dieser Sache telefoniert. Dabei musste ich feststellen, dass es zwar extrem viele, teilweise harmlosere, dann aber auch wieder krasse Geschichten gibt. Dass sich erstens aber nur die wenigsten zur journalistischen Aufbereitung eignen, sei es aufgrund der Beweislage oder dass kein öffentliches Interesse geltend gemacht werden kann. Zweitens, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen von sexueller Diskriminierung gibt. Drittens, dass man in solchen Fällen besonders vorsichtig recherchieren muss.

Welche Überzeugungen haben Sie angefangen zu hinterfragen?

Am Anfang war ich vom Thema entflammt, besonders, was sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz anbelangt. Ich bin auch nach wie vor der Meinung, dass die Diskussion wichtig ist. Ich ging aber vielleicht etwas naiv davon aus, dass jetzt ein längst fälliger Aufklärungsprozess startet. Doch dann weitete sich «MeToo» von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu jeglichen Formen sexueller Diskriminierung aus – seien die nur gefühlt oder tatsächlich. Dadurch wurde Vieles vermischt und oft Schwarz-Weiss-Bilder gezeichnet, wo es viele Grauschattierungen gab. Und dann zeigte sich, dass viele Männer nicht zur Verantwortung gezogen werden können, weil für ihre Opfer nach wie vor einfach zu viel auf dem Spiel steht, wenn sie sich wehren.

Welche Gerechtigkeit hat «MeToo» gebracht?

Die Bewegung hat insofern Gerechtigkeit gebracht, weil sie ein starkes Zeichen dafür war, dass breite Teile der Gesellschaft nicht mehr bereit sind, sexuelle Diskriminierung weiter hinzunehmen. Junge Frauen wissen heute viel besser, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen, dass es Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Gleichzeitig wird der Vorwurf natürlich auch instrumentalisiert, zum Beispiel im Fall des Komikers Aziz Ansari, der von einem Internet-Magazin sehr prominent, aber sehr ungerechtfertigt als «MeToo»-Täter angeprangert wurde. Wir müssen sehr aufpassen, dass Männer nicht unter Generalverdacht geraten und nicht jede Interaktion zwischen den Geschlechtern zum Risikounternehmen wird.

Was, denken Sie, müsste sich bei der Gleichberechtigung dringend ändern?

Ich würde mir wünschen, dass die Idee der Gleichstellung von Mann und Frau sich global, in allen Kulturen, durchsetzen würde, dass Frauen ökonomisch und sozial überall den Männern gleichgestellt würden. Dass keine Frau mehr beschnitten oder minderjährig verheiratet wird, dass alle Frauen selber über ihren Körper bestimmen dürfen und dass sie weltweit für die viele unbezahlte Care-Arbeit, die sie leisten, anerkannt und entsprechend entschädigt werden. Ich wünschte mir aber auch, dass Männer und Frauen vermehrt gemeinsam an diesem Ziel arbeiten, weil es im Interesse beider Geschlechter liegt.

In Ihrem Buch «Macho-Mamas» geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Finden Sie, dass diese nach wie vor «der eigentliche Knackpunkt» der Gleichstellung ist?

Auf jeden Fall. Ich finde, in der Schweiz haben wir punkto Gleichstellung grosse Fortschritte gemacht, auch wenn es immer noch Lohnungleichheiten gibt und auch wenn Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht vollständig aus der Welt geschafft wurde. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor eine Baustelle, genauso wie die Verteilung der Familienarbeit. Denn das beste Studium und die besten Jobangebote nützen nichts, wenn der Grossteil der Frauen bei der Familiengründung jeglichen beruflichen Ehrgeiz zugunsten der Kinder aufgeben. Und obschon sich die Situation ein bisschen gebessert hat, heute mehr Männer Teilzeit arbeiten als früher, gibt es hier immer noch ein eklatantes Ungleichgewicht, herrscht immer noch das Idealbild der sich um alles kümmernden Mutter vor. Viele Frauen und junge Mütter fühlen sich mit dieser Frage auch allein gelassen.

Sind Sie gerne Frau in der heutigen Welt?

Ich bin sehr gern eine Frau in dieser Welt, aber ich weiss ja nicht, wie ich mich als Mann fühlen würde. Ich hatte in meinem Beruf nie den Eindruck, als Frau Nachteile zu erfahren, im Gegenteil. Natürlich gab es früher Situationen, in denen ich mich als Frau nicht ernst genommen fühlte – das hat mich immer immens geärgert und war für mich auch ein Antrieb, mich für Feminismus zu engagieren. Heute erlebe ich das dank meines Alters und meiner beruflichen Position aber kaum mehr. Ich sehe heute auch vieles differenzierter als damals. (bc)

Zur Person: Michèle Binswanger ist Journalistin, Autorin und Bloggerin. Sie schrieb das Buch «Fremdgehen – Ein Handbuch für Frauen» und zusammen mit Nicole Althaus «Macho-Mamas: Warum Mütter im Job mehr wollen sollen». Die Redaktorin aus dem Ressort Hintergrund des «Tages-Anzeigers» setzt sich schwerpunktmässig mit Frauenthemen auseinander. Im Januar wurde sie von der Fachzeitschrift «Schweizer Journalist» zur «Gesellschaftsjournalistin des Jahres» ausgezeichnet.

07. Mär 2019 / 21:56
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