• Practising his handwriting
    Liechtenstein stellt um: Im LiLe ist kein Platz mehr für die alte «Schnüerlischrift»  (PeopleImages)

Das Verschwinden der «Schnüerlischrift»

Die Digitalisierung wandelt die Gesellschaft – und mit ihr die Bildungslandschaft. Mit der Umsetzung des LiLe, des neuen Liechtensteiner Lehrplans, wird auch die traditionelle «Schnüerlischrift» endgültig sterben und durch eine teilverbundene Schrift ersetzt.

Unsere Handschrift ist mit unserem kulturellen Reichtum verbunden. Sie ermöglichte es über Jahrtausende, ohne Rücksicht auf Zeit und Raum, miteinander zu kommunizieren und somit Wissen aufzubewahren. Aber die Handschrift wird verschwinden, schenkt man Zukunfts- und Trendforschern Glauben. Die Digitalisierung verändert die schriftliche Kommunikation und mit ihr die Bildungslandschaft insgesamt. Wenige führen heute noch ein Tagebuch, kaum jemand trägt ein Notizbuch bei sich, niemand richtet mehr handgeschriebene Liebesbriefe an den Schatz. Es sind Anachronismen, die sterben werden; Relikte aus vergangenen Zeiten. Smartphones treten an ihre Stelle. Posts werden auf Instagram oder Facebook erstellt und moderne Spracherkennungsfunktionen ersetzen sogar schon das Eintippen der Buchstaben. Alles schön und gut – und bequem. Lehrer klagen jedoch zunehmend über Schriftbilder, die sie nur mehr mühsam entziffern können. Viele wünschten sich die Schönschreibstunde für die Primarschule zurück; oder sogar eine saubere «Schnüerlischrift». Doch damit ist es nun auch in Liechtenstein endgültig vorbei.

Umwege werden ab sofort vermieden

Im Liechtensteiner Lehrplan (LiLe), der ab dem Schuljahr 2019/20 umgesetzt wird, hat die «Schnüerlischrift» keinen Platz mehr. «Ab dem 1. August 2023, also mit dem Ende der Einführungsphase des LiLe, wird an allen Schulen die sogenannte teilverbundene Schrift gelehrt», sagt Rachel Guerra, Leiterin der Abteilung Pflichtschule und Kindergarten beim Schulamt. Bisher lernten die Kinder zuerst die Steinschrift, die im Schriftbild der Buchdruckschrift darin ähnelt, dass die Buchstaben innerhalb eines Wortes unverbunden sind. Dann wurde die voll verbundene Schrift («Schnüerlischrift») mit teilweise neuen Buchstabenbildern gelernt, um anschliessend eine persönliche, meist nur noch teilweise verbundene Handschrift zu entwickeln. Dieser Umweg wird in Zukunft entfallen. Die Buchstabenformen der Basisschrift werden unverbunden gelernt und allmählich teilweise verbunden. Verbindungen werden von den Schülern individuell dort gesetzt, wo sie die Geläufigkeit der Schrift unterstützen. Damit sollen unnatürliche Bewegungsabläufe mit vielen Richtungsänderungen, die bei den Kindern zu Verkrampfungen führen können, vermieden werden. «Die Schulen lehren eine teilverbundene Schrift, die natürlich aber auch zur Entwicklung einer persönlichen Handschrift beitragen soll», sagt Guerra. In der Schweiz hat sich die Mehrzahl der Kantone schon vor einigen Jahren gegen die traditionelle Schnüerlischrift ausgesprochen und umgestellt.

Zudem soll an den Liechtensteiner Schulen aber auch der Tastaturschreibunterricht weiter gestärkt werden, der neu Teil des Deutschunterrichts sein wird. Bislang kümmerten sich an den weiterführenden Schulen die Informatiklehrer darum, bald ist der Fachbereich Deutsch dafür verantwortlich. «Die Deutschlehrpersonen werden Aus- und Weiterbildungen absolvieren, um den Schülern die Inhalte angemessen zu vermitteln.»

Paradigmenwechsel im Bildungswesen

Bildungsministerin Dominique Hasler sprach an der vergangenen Pressekonferenz des Bildungsministeriums «Digitales Lernen im Schulalltag» von einem regelrechten «Paradigmenwechsel im Bildungssystem­». Budgetiert wurden für die Infrastruktur an Informations- und Kommunikationstechnologie in den kommenden vier Jahren Kosten in der Höhe von 13,4 Millionen Franken. Tablets und Notebooks gehören künftig zum Schulalltag der Lehrpersonen und Schüler ganz einfach dazu. Die Technisierung der Schule wird also vorangetrieben. Eine Orientierung an den Anforderungen des Arbeitsmarkts ist klar ersichtlich. Aber auch die Aussicht auf ein leises Verschwinden der Handschrift steht damit im Raum. «Natürlich ist diese Entwicklung in ferner Zukunft denkbar. Die Handschrift hatte früher seinen berechtigten Stellenwert in der Gesellschaft, aber das Rad der Zeit dreht sich», sagt Guerra. So habe man früher auch Stenografie an Schulen gelehrt, die heute niemand mehr verwende. Nostalgie sei hier also fehl am Platz.

Handschrift zeigt die Persönlichkeit

Geht es auch hier – wie so oft in Bildungsfragen – um alles oder nichts? Vor- und Nachteile des digitalen Schreibens zeigen sich: Die Schrift ist durchwegs lesbar und damit wird die schriftliche Kommunikation erleichtert.

Automatische Rechtschreibprogramme übernehmen beim Tastaturschreiben einen Grossteil der Arbeit. Der Inhalt gewinnt gegenüber der Form im Idealfall an Wert. Im Gegenzug hat das Handschriftliche seine eigene Aura, verströmt Persönlichkeit, wie jeder Autographensammler bestätigen kann, und ist damit eine sehr sinnliche Tätigkeit. Es fordert kognitive als auch koordinative Fähigkeiten. Und es würde schliesslich in der Liebe doch etwas fehlen, wenn es keine handgeschriebenen Liebesbriefe mehr gäbe. (rpm)

08. Feb 2019 / 11:40
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