• Regina Hassler in ihrem rund zwölf Quadratmeter grossen Zimmer im Kloster St.Elisabeth in Schaan. Bilder: Susanne Quaderer

«Das Leben im Kloster begeisterte mich»

Regina Hassler lebt seit 58 Jahren im Kloster St.Elisabeth in Schaan. Die 74-Jährige ist Klosterfrau im internationalen Orden der Anbeterinnen des Blutes Christi. Der Entscheid ins Kloster zu gehen fällte sie schnell. Doch fast so schnell geriet der Entscheid ins Wanken.
Schaan. 

Sieben Uhr. Die Schwestern sitzen auf den Holzstühlen in der Kapelle. Die Kerzen brennen, die Lichter sind aus. Regina Hassler sitzt in einer Stuhlreihe – das Gesangs- und Gebetsbuch auf ihrem Schoss. Eine Schwester steht auf und stimmt ein Lied an. Schwester Regina bewegt ihre Lippen; leise singt sie mit. Seit 58 Jahren lebt sie im Kloster St.Elisabeth in Schaan. Sie zog in jenem Jahr in das gelbe Gebäude am Fusse der drei Schwestern ein, als John F. Kennedy Präsident der Vereinigten Staaten wurde, der erste Mensch in den Weltraum reiste und die Berliner Mauer gebaut wurde. Damals war sie 17 Jahre alt. 
Im Gesangsbuch hat Schwester Regina die Fäden zu den Liedtexten bereits vor Beginn der Gebetsstunde eingelegt. Die pensionierte Lehrerin trägt ein feines rechteckiges Brillengestell auf der Nase. Die Haare sind kurz geschnitten, genau  wie vor über 50 Jahren. Im Kerzenlicht wirken sie mattweiss. 

 

Im Jahr 1934 wurde das Kloster St.Elisabeth erbaut.

Im Jahr 1934 wurde das Kloster St.Elisabeth erbaut.

 

Acht Uhr. Die Schwestern erheben sich und gehen zum Speisesaal. Es gibt Frühstück vom Büfett mit Kaffee, Brotscheiben, Marmelade und Müsli. Bevor sie mitessen kann, hat Schwester Regina heute Kappellendienst. Sie bläst die brennenden Kerzen aus und legt ein frisches Tuch über den Altar. Die gebürtige Liechtensteinerin ist im Kloster alt geworden. Als sie sich mit 17 Jahren für dieses Leben entschieden hat, tat sie das ohne Zwang: «Damals habe ich mich aus freien Stücken dafür entschieden», sagt die mittlerweile 74-Jährige. Das Zusammenleben der Schwestern habe ihr imponiert. Eine «Berufungsgeschichte» sei es aber keine gewesen. «Das Leben im Kloster hat mich einfach begeistert», sagt Schwester Regina – sie wollte es ausprobieren. Sie gibt auch bei der dritten Nachfrage dieselbe Antwort  ohne zu zögern. Schwester Regina wurde nicht von ihrer Familie ins Kloster geschickt, wie es früher oft der Fall war. Im Gegenteil, ihre Eltern und ihr ältester Bruder waren anfangs nicht begeistert von ihrem Vorhaben. Sie wagte den Schritt trotzdem – dieser Entscheid geriet aber bald ins Wanken.

 

Der Speisesaal ist der Treffpunkt der Schwestern.

Der Speisesaal ist der Treffpunkt der Schwestern.

 

Neun Uhr. Das Frühstück ist vorüber. Oft geht Schwester Regina danach kurz auf ihr Zimmer. Es misst zwölf Quadratmeter: Zwei Fenster, weisse Wände, grauer Spannteppichboden, dessen Eintönigkeit durch zwei farbige Teppiche aufgebrochen wird. Sie hat das Bett bereits kurz nach dem Aufstehen um halb sechs Uhr morgens gemacht – die Decke auf die Seite gerollt und ihr Kissen so aufgeschüttelt, als hätte ihr Kopf nie darauf die Nacht verbracht. 

Die kleine Frau wirkt in ihrem blauen Rock, der kurz über ihren Knöcheln endet, noch kleiner. Obwohl die Schwestern Hosen tragen dürfen, hat sie so gut wie nie welche an – sie mag sie nicht. «Ausser zum Reisen, da sind sie bequemer», sagt sie. Zu ihrem blauen Rock trägt sie einen kupferfarbenen Rollkragenpullover und darüber eine schwarze Fleece-Jacke. Eine Lieblingsfarbe habe sie nicht. Unter der Fleece-Jacke blitzt eine silbrige Kette hervor. Abgesehen von einer Uhr mit braunem Lederarmband ist sie das einzige Schmuckstück an Regina. Am Ende der Kette baumelt ein Herz, das von einem Kreuz durchbohrt ist. Drei Tropfen sind in das Herz eingraviert. Das Erkennungsmerkmal der Ordensgemeinschaft «Anbeterinnen des Blutes Christi», kurz ASC. Diese wurde im Jahr 1834 von der Heiligen Maria de Mattias gegründet. Das Kloster in Schaan ist Hauptsitz der ASC-Kongregation in der deutschsprachigen Region und die Schwestern unterstehen direkt dem Papst. 

 

 

Im Kloster in Schaan gilt lediglich eine Kleidungsvorschrift: Es muss einfach sein. Das gibt die Ordensgemeinschaft vor. Einzelne Schwestern tragen dennoch einen blauen Schleier. Das will Schwester Regina nicht. Für sie ist die Kleidung nicht das Wichtigste im Leben, sondern wie sie ihr Leben lebt. Dieses ist geprägt von Nächstenliebe sowie der Liebe zum Leben in der Gemeinschaft. Einer der Hauptgründe weshalb sie sich so jung für dieses Leben entschied und warum sie auch nach so langer Zeit noch im Kloster lebt. Denn während den ersten Jahren  – dem sogenannten Noviziat – als sich Regina entscheiden musste, ob sie im Kloster bleiben möchte, gab es Momente, in denen sie zweifelte. Sie verstand etwa nicht, warum strenges Stillschweigen gewahrt werden musste. Regina ist ein geselliger Mensch und unterhält sich gerne. Auch, dass sich die Schwestern untereinander mit «Sie» ansprachen, war für die Liechtensteinerin ungewohnt. Zwar wurde sie von ihren Eltern katholisch erzogen, sie hätten es mit dem Glauben aber nie «eng» gesehen. So geriet die anfängliche Überzeugung im Kloster zu leben ins Wanken. Weil sie sich noch in der Entscheidungsphase befand, blieb sie. Sie konnte ja jederzeit aussteigen, wenn es nicht mehr ging. «Ich dachte mir aber, andere Schwestern haben das auch überstanden», erinnert sie sich. 

 

 

Als 1965 – vier Jahre nach ihrem Entscheid, ins Kloster zu gehen – mit dem zweiten vatikanischen Konzil die umfassende Erneuerung der katholischen Kirche eingeleitet wurde, änderte sich das Leben im Kloster grundlegend. Die Lockerung kam Schwester Regina gelegen, das Leben im Kloster war nun so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es mussten nicht mehr alle Schwestern zur selben Zeit ins Bett gehen. Die Morgenmesse startete nicht mehr um fünf Uhr in der Früh. Die Tischlesung vor dem Essen wurde abgeschafft und sie konnten sich nun duzen. Auch das Stillschweigen wurde aufgehoben. An alle Neuerungen kann sich die Seniorin nicht mehr erinnern, aber es waren einige. Ihre Unsicherheit war verflogen, nichts fühlte sich mehr komisch an. Sie trat definitiv ins Kloster ein und nahm die Konsequenzen dieses Lebens in Kauf.

Zwölf Uhr. Die Kirchenglocken läuten. Einige Schwestern stehen am Büfett, andere sitzen schon an der Tafel. Die Hausköchin trägt einen Suppentopf herein. Schwester Regina schöpft sich einen Teller voll. Es spielt keine Rolle, auf welchen Stuhl sie sich setzt. Früher war das anders. Damals gab es eine feste Sitzordnung, und die Schwestern sassen in kleinen Gruppen im ganzen Raum verteilt. Heute bilden die einzelnen Tische eine Tafel. 
Als Schwester Regina ins Kloster eintrat, war sie nicht alleine, zwei weitere Schwestern wagten den Schritt. Das kommt in der heutigen Zeit im Kloster in Schaan nicht mehr vor. Kaum eine Frau entscheidet sich in hiesigen Breitengraden noch für ein Leben im Kloster. Das sei eine Zeitkrankheit, meint Schwester Regina. Viele Leute würden auch nicht mehr heiraten; die Angst, sich zu binden sei präsenter denn je.

 

In ihrem Zimmer spielt Schwester Regina gerne Karten.

 

Aber auch die schwindende Bedeutung des christlichen Glaubens spielt eine Rolle und beschäftigt Schwester Regina. Daran Schuld hat auch eines der dunkelsten Kapitel der katholischen Kirche: Die Missbrauchsfälle. Das bekommt Schwester Regina oft von Erwachsenen zu hören. Diese würden wohl an Gott glauben, aber die Art der Kirche entspreche ihnen nicht: «Viele sagen, sie trauten den Priestern nach den unzähligen Missbrauchsfällen nicht mehr. Die katholische Kirche ist für manche unglaubwürdig geworden.» Sie versteht das. «Gleichzeitig tut es mir weh, zu sehen, was aus der katholischen Kirche geworden ist.» Die Zeit könne aber nicht zurückgedreht werden, und deswegen müsse mit dem neuen Papst Franziskus ein Weg aus dieser Krise gefunden werden. 

 

 

Ihren Glauben und ihren Entscheid für das Kloster konnten diese Skandale nicht erschüttern. Sie hofft, dass die Betroffenen und auch die Priester und Schwestern die Hilfe bekommen, die sie benötigen, um damit umgehen zu können. «Wir gehören alle zur Kirche. Der Zusammenhalt zwischen uns ist wichtiger denn je», sagt sie. 
Schwester Regina blickt immer nach vorne, und glaubt stets an das Gute im Menschen. Diese Charakterzüge sind stark geprägt von ihrer Auffassung des christlichen Glaubens als befreiender Glaube. Die Wörter sprudeln aus ihr heraus: «Ich muss nicht so und so viele Gebete sprechen oder Busse tun, damit Gott mir vergibt. Gott zwingt niemanden, er straft nicht, sondern liebt», erklärt sie. Dieses Verständnis von Glauben ist es auch, das Schwester Regina Homosexualität akzeptieren lässt. «Ich finde es nicht richtig, dass homosexuelle Menschen aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen werden.» Jeder einzelne Mensch habe Würde. Vor allem bewundert sie den Mut dieser Menschen, sich – trotz spürbarer Abneigung der Gesellschaft – zu outen und offen zu leben.

Sechzehn Uhr. Abwasch. Mittagsschlaf. Spaziergang. Schwester Regina ist in ihrem Büro – ein langgezogener Raum unter dem Dachstuhl. Hier bereitet sie Gottesdienste, Glaubenskurse und den Unterricht mit den Firmlingen vor. Obwohl sie pensioniert ist, kürzer treten will sie nicht. Vor allem auch, weil sie gerne mit Kindern arbeitet. Das verdeutlichen auch ihre ehemaligen Berufe als Kindergärtnerin und Lehrerin. Zuerst war sie Kindergärtnerin in Vaduz, dann Zeichenlehrerin in der Realschule, und zuletzt Religionslehrerin in der Primarschule. Sieht sie einen ehemaligen Schüler auf der Strasse wieder, kennt die Schwester auch Jahre später noch den Namen und weiss, wie er oder sie sich in der Schule verhalten hat. 

 

Ihr Büro liegt unter dem Dachboden.

Ihr Büro liegt unter dem Dachboden.

 

Die Frage nach eigenen Kindern, stellte sich aufgrund ihres Entscheids für das Kloster nie. Somit habe sich auch die Frage nach dem Wollen für sie nie gestellt, sagt Regina. Ihre Augen wandern im Büro umher, dann schaut sie zu ihren Händen, die im Schoss liegen. Sie lächelt und scheint zufrieden zu sein. Was soll sie auch anderes antworten? 

 

 

Dementsprechend fällt auch die Antwort auf die Frage aus, ob sie sich nie einen Partner gewünscht habe. «Einen Mann zu haben war für mich nie ein Thema», sagt Schwester Regina. Bevor sie sich für dieses Leben entschied, hatte sie Schulfreunde, erzählt sie, und lächelt verlegen. Doch nachdem sie ins Kloster eingetreten war, waren sie schnell vergessen. «Wenn man erfüllt ist von diesem Leben, braucht man keinen Mann», sie fügt hinzu: «Ich bekomme Liebe von Gott. Und die Klostergemeinschaft gibt mir Halt.» Auch wenn das eine andere Liebe ist. Ihren Entscheid hat sie deswegen nie bereut. 

Zwanzig Uhr. Schwester Regina sitzt im Sessel im Fernsehzimmer. Sie sieht sich eine Dokumentation über Papst Franziskus an. «Dieser Film ist das Maximum», sagt sie. Sie bewundert ihn. In Papst Franziskus setzt sie alle Hoffnung für die katholische Kirche. Reginas Lebensweg ist einer, den sehr wenige einschlagen. Viele Klöster sind bereits verschwunden. Für die Schaaner Klostergemeinschaft könnte das in einigen Jahren auch zur Realität werden. «Wir Schwestern arbeiten schon seit Längerem an der Gestaltung der Zukunft», erzählt Regina. «Es gibt Überlegungen, wonach die Klöster der ASC-Schwestern zusammengelegt werden sollen. Da wir aber auf der ganzen Welt verstreut sind, könnte das für uns aufgrund der Sprachbarrieren nicht so einfach werden.» 

 

 

Für die nähere Zukunft ist es wahrscheinlicher, dass die verbliebenen Schwestern das Gebäude am Fusse der drei Schwestern verlassen und umziehen. Für Regina wäre das kein Problem: «Die Erinnerungen nehme ich in meinem Kopf mit, sie sind nicht an das Gebäude gebunden.» Auch dass die Schaaner Gemeinschaft langsam wegstirbt, akzeptiert sie. «Das ist einfach so.» Es fällt ihr nicht schwer, darüber zu sprechen. «So wie mein Leben bisher verlief, bin ich zufrieden und das ist das Wichtigste.» (qus)

Zur Person
Regina Hassler wurde am 23. Januar 1944 im Hinterschellenberg in Liechtenstein geboren. Sie war eines von vier Kindern – drei Buben und zwei Mädchen. Mit 16 Jahren schloss sie die Haushaltsschule in Schaan, direkt neben dem Kloster St. Elisabeth ab, und entschied sich im Jahr 1961, dem Kloster als Schwester beizutreten. Nach dem Noviziat – der Zeit der Ausbildung in der Klostergemeinschaft – war sie in den Jahren 1965 bis 1967 in Ingenbohl und absolvierte das Kindergärtnerinnen-Seminar. In Vaduz war sie dann als Kindergärtnerin tätig. 1971 bildete sie sich an der pädagogischen Hochschule in Feldkirch um zur Kunst- und Zeichenlehrerin. Nach diesem Jahr unterrichtete sie an der Realschule in Schaan Zeichnen. Als die Schwestern die Leitung der Schule dem Staat abgaben, unterrichtete Schwester Regina in der Primarschule in Schaan Religion. Das tat sie bis zur Pensionierung im Jahr 2008. (qus)

07. Mär 2019 / 15:34
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