• Kinderängste
    Manche Ängste sind ganz normal und gehören zur Entwicklung. Sie können über Monate oder auch Jahre andauern. Erst wenn sie zu Einschränkungen führen und Leiden verursachen, müssen sie laut Nadine Hilti behandelt werden.  (KeremYucel)

«Angst wird uns in die Wiege gelegt»

Plötzlich verhält sich das Kind anders, meidet Situationen oder spricht immer wieder von Monstern unterm Bett. Ist das nun Alberei oder doch Grund zur Sorge? Bei all den verschiedenen Gefühlen und Stimmungen, die Kinder zeigen, ist es für Eltern nicht immer leicht zu erkennen, wann es ernst wird. Wann ein Kind sich unwohl fühlt, Angst hat und worauf es beim Umgang mit Ängsten ankommt, erklärt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Nadine Hilti im Interview.
Schaan. 

Inwiefern spielt das Thema Angst bei Eltern und Kindern, die zu Ihnen in die Praxis kommen, eine Rolle? 

Nadine Hilti: Das Thema Angst ist enorm vielfältig, aber nicht jede Angst ist krankhaft. Bei mir in der Praxis gibt es oft soziale Ängste, zum Beispiel vor anderen sprechen oder zu einem Kindergeburtstag gehen. Bei anderen sind es Sorgen um viele alltägliche Dinge, welche das Kind und somit die ganze Familie belasten. Andere haben Angst, zuzunehmen oder nicht gemocht zu werden. Ängste begleiten oft auch andere psychische Probleme.

Welche Ängste sind denn in welchem Alter entwicklungstypisch, also völlig normal?

Beispielsweise ist es normal, dass ein sechs Monate altes Kind Angst vor lauten Geräuschen hat. Im zweiten Lebensjahr kommen häufig Ängste vor Einbrechern oder eingebildeten Figuren vor. Im 4. Lebensjahr ist es die Dunkelheit und von zirka 10 bis 12 Jahren sind es soziale Ängste und solche vor Krankheiten und Verletzungen.

Woher kommen denn diese Ängste?

Die Angst wird uns sinnvollerweise in die Wiege gelegt. Sie hilft uns Menschen zu überleben und gefährlichen Situationen auszuweichen oder aus ihnen heraus zu flüchten. Da Babys und Kleinkinder noch sehr abhängig von den Eltern und anderen Erwachsenen sind, ist es zum Beispiel wichtig, dass sie mit 6 bis 9 Monaten Angst vor Fremden haben und später die Trennungsängste einsetzen. Sie brauchen ihre Familie zum Überleben.

Gibt es eine Faustregel, wie lange diese normalerweise andauern?

Die Phasen, in welchen wir von «normalen» Ängsten sprechen, können über Monate oder auch Jahre andauern – je nach Angstinhalt. Das Prinzip, nach welchem wir Psychologen gehen, ist, zu fragen, ob Ängste zu Einschränkungen führen und Leiden verursachen. Dann sind sie sozusagen auch erst behandlungsbedürftig. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, dass wir hierzulande eine Känguru-Phobie behandeln, weil wir wohl keinem in freier Wildbahn begegnen.

Was für einen Sinn haben Ängste?

Wie bereits erwähnt, wurde die Angst in unserer Biologie angelegt, um zu überleben. Sie bereitet unseren Körper auf die Flucht oder den Kampf vor. Das Herz pumpt das Blut schneller durch den Körper, die Atmung geht schneller, wir reissen die Augen auf, damit wir alles wahrnehmen, was uns gefährlich werden könnte. Sinnlos sind Ängste nur dann, wenn keine wirkliche Gefahr von einem Objekt oder einer Situation ausgeht. Dann ist die Vorbereitung für den Kampf und die Flucht störend und verursacht das Leiden. 

Welche Anzeichen gibt es, die darauf hinweisen, dass ein Kind eine extreme Angst entwickelt hat?

Die Kinder zeigen verschiedene Anzeichen, wobei das wichtigste ist sicher die Vermeidung ist. Es sucht Ausreden, um bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen. Bei Konfrontation mit dieser angstauslösenden Situation, bekommt es starke Angst, zittert, weint, schreit oder zeigt eventuell aggressives Verhalten. Kinder mit starken Ängsten schlafen oft schlecht, haben Kopf- oder Bauchschmerzen und sind motorisch unruhig und zappelig.

Wie können Eltern dem Kind helfen, eine Angst zu bewältigen?

Grundsätzlich gilt die Devise, dass man das Kind in seinem Vermeidungsverhalten nicht bestärken soll. Das macht die Angst stabiler und die Vermeidung stärker. Das heisst nicht, dass man das Kind nicht trösten kann. Trotzdem sollte das kurz gehalten werden und dann sollte man mit dem Kind in die Bewältigung übergehen. Mutiges Verhalten soll gelobt werden. Auch möglich ist, wenn man seine eigenen Ängste für das Kind sichtbar überwindet und so ein Bewältigungsmodell darstellt.

Das heisst, auch Eltern haben Ängste. Aber diese loszuwerden, um ein perfektes Vorbild zu sein, ist oft schwierig. Was raten Sie Müttern und Vätern?

Falls es bewältigbare Ängste sind – sprich, falls sie die Situation unter Anspannung aushalten können –, dann sollten sie sich dieser Situation stellen. Wichtig ist, dass es kein perfektes Modell sein muss. Die Idee ist, dass das Kind lernt, dass man eine Situation auch zittrig und unter Anspannung überstehen kann und keine Katastrophe passiert. Falls aber die Angst schon eine Angststörung mit Krankheitswert ist, dann sollte sich die betroffene Person professionelle Hilfe suchen.

Wie können Eltern vermeiden, ihre Angst auf das Kind zu übertragen? 

Indem sie offen über ihre eigenen Sorgen und Ängste berichten. Kinder haben übrigens oft gute Ideen, wie man sich diesen stellen kann. Und da sie meist sowieso spüren, wenn mit Mama oder Papa etwas nicht stimmt, würde ich zu viel Offenheit und Ehrlichkeit raten. Eltern, welche nicht perfekt scheinen, sind für Kinder günstigere, erreichbarere Vorbilder.

Die Gefahr eines Unfalls ist für Kinder heute viel geringer als früher. Dennoch machen sich viele Mütter und Väter mehr Sorgen als einst ihre Eltern. Woran liegt das?

Unsere Gesellschaft hat ein grosses Problem. Wir bekommen innerhalb von Minuten die neuesten Meldungen von irgendwelchen Katastrophen auf unsere Smartphones. Dies führt zum Irrglauben, dass viel mehr Attentate, Naturkatastrophen, Überfälle und Unfälle passieren als früher. Wahrscheinlich sind bestimmte Phänomene häufiger, aber es geht mir darum, dass die Flut an Informationen eine Wahrnehmungs- und Interpretationsverzerrung verursacht. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls wird überschätzt. Dies kann dann natürlich auch dazu führen, dass die Eltern mehr Ängste um ihre Kinder haben. Dies ist aber sicher nur ein Teil der Erklärung.

Bewirken sogenannte «Helikopter-Eltern» nicht das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollen? Sprich: Sie begünstigen Angstentwicklung statt Sicherheitsgefühl?

Doch. Aber das grosse Problem sind eben die eigenen Ängste. Die Eltern, welche überbehüten, sind oft besorgte Eltern, welche es gut meinen. Sie legen aber ihr Verhalten respektive ihre Entscheidungen zu kurzfristig orientiert an. Das bedeutet, sie sind darauf bedacht, eine schnelle Entspannung und Angstreduktion bei sich zu erreichen, verlieren dabei aber das langfristige Ziel der Selbstständigkeit des Kindes aus den Augen. Kinder, welche keine Fehler machen dürfen, nicht stolpern, vor beängstigenden Situationen abgeschirmt werden und keine Konsequenzen tragen müssen, laufen Gefahr zu verweichlichen. Das führt vor allem zu unmotivierten, desinteressierten Kindern und Jugendlichen. Aber wenn das Kind ein ängstliches Temperament hat, kann es unter Umständen auch dazu führen, dass Ängste entstehen oder verstärkt werden.

Wie können Eltern bestmöglichst sicherstellen, dass ihrem Kind nichts geschieht?

Die hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Eltern können aber sicherlich durch ein gutes Vorbild dazu beitragen. Sie können dem Kind Wissen über die Welt vermitteln und es in einem gewissen Rahmen Fehler und Erfahrungen machen lassen. Sie können es nach einem unschönen Ereignis auffangen und mit ihm besprechen, was es tun kann, damit das nächste Mal nichts passiert. So wird das Kind am ehesten auf die Welt vorbereitet, die leider nicht immer perfekt ist. (bc)

«Umgang mit ängstlichem Kind»: Vortrag von Nadine Hilti am Dienstag, 24. September, von 20.15 bis 21.45 Uhr, im Seminarzentrum Stein Egerta. Mit Voranmeldung.

17. Sep 2019 / 15:03
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