• Vor allem Personen ohne zweite Säule sind einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt.
    «Existenznot und relative Armut existiert in Liechtenstein» sagen die Hilfsorganisationen.  (SilviaJansen)

Armut in Liechtenstein nimmt zu

Zu diesem Schluss kommen acht soziale Organisationen aus Liechtenstein und widersprechen damit der Regierung.

Anfangs Juli hat die Regierung ihren Bericht zu den UNO-Nachhaltigkeitszielen, der Agenda 2030, publiziert. Das erste Ziel der Agenda lautet «Armut in allen ihren Formen und überall beenden» und dabei «niemanden zurückzulassen». In ihrem Bericht kommt die Regierung zum Schluss: «Kein Mensch muss in Liechtenstein in Armut leben.» Diese Aussage veranlasste die Caritas Liechtenstein einen «Runden Tisch» mit sieben weiteren sozialen Organisationen in Liechtenstein zum Thema zu organisieren, da die Feststellung der Regierung sich nicht mit den täglichen Erfahrungen der Hilfsorganisation deckt. 

Das Resultat des Runden Tisches ist eindeutig und widerspricht der Aussage der Regierung im Bericht zur Agenda 2030 komplett. «Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass Existenznot und relative Armut in Liechtenstein existiert und dass die Anzahl der Betroffenen zunimmt. Menschen, die den Weg zu den Hilfsorganisationen gefunden haben, benötigen zur konkreten Unterstützung vor allem Beratung. Armut ist stark stigmatisiert, unter anderem auch dadurch, dass sie in Liechtenstein offiziell nicht als solche zur Kenntnis genommen wird», heisst es im Bericht über den ersten Runden Tisch zum Thema «Armut in Liechtenstein».

«Für viele stellt das Sozialsystem einen Dschungel dar»
Die acht Organisationen, Caritas Liechten­stein, Verein für Menschenrechte, Stiftung Liachtbleck, Hand in Hand Anstalt, Infra, Frauenhaus, Verein Tellerrand und die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeitsziele des Netzwerks für Entwicklungszusammenarbeit, anerkennen zwar, dass die rechtlichen Grundlagen in Liechtenstein vorhanden sind und die Unterstützung durch das Sozialsystem gewährleistet ist, aber viele Betroffene seien mit der Gesuchstellung bei den verschiedenen Amtsstellen überfordert. «Für viele stellt das Sozialsystem einen Dschungel dar. Wer sich nicht auskennt oder wehren kann, ist nicht nur im wörtlichen Sinn arm, sondern auch arm dran», heisst es im Bericht. 

Als Problem bezeichnen hier die Hilfsorganisationen die Schnittstellen: «Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle im Land, die im Sinne eines Case-Managements den Betroffenen unter die Arme greift.» Derzeit würde die vorhandene Beratungslücke von privaten Organisationen gefüllt. Doch die Probleme würden zunehmend komplexer und einige Familien könnten sich kaum aus der Armutsfalle befreien. «Das reicht so weit, dass sich die Probleme über Generationen vererben.» Auch die von der Regierung klein geredete Altersarmut sei real «und oftmals weiblich – auch in Liechtenstein.»

«Es ist Zeit für einen dritten nationalen Armutsbericht»
Die Hilfsorganisationen fordern von der Regierung nach 1997 und 2008 einen neuen Armutsbericht . «Es ist Zeit für einen dritten nationalen Armutsbericht.» Nach anfänglicher Ablehnung scheint in diesem Punkt auch Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini einzulenken. Dies nachdem diese Forderung auch im Landtag mehrfach geäussert wurde. Auf eine Kleine Anfrage des VU-Fraktionssprechers Günter Vogt am 5. Juni 2019 erklärte Pedrazzini, dass er dabei sei, «qualifizierte Studienautoren für einen aussagekräftigen Armutsbericht zu finden». 

Die Hilfsorganisationen wollen aber nicht nur fordern und auf die Politik warten, sondern selbst Massnahmen ergreifen, um das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen und gegen die Stigmatisierung anzukämpfen. Dabei schliessen sie auch sozialpolitische Vorstösse nicht aus. «Wenn die Regierung in ihrem Bericht schreibt, dass kein Mensch in Liechtenstein in Armut leben muss, so verkennt sie die tatsächlichen Probleme und nimmt den Grundsatz ‹niemanden zurückzulassen› zu wenig ernst.» (sap)

19. Aug 2019 / 14:22
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
18. September 2019 / 19:43
18. September 2019 / 22:03
17. September 2019 / 22:31
18. September 2019 / 22:02
17. September 2019 / 11:00
Aktuell
19. September 2019 / 06:32
19. September 2019 / 06:15
19. September 2019 / 05:00
19. September 2019 / 03:23
19. September 2019 / 02:29
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Bauen und Wohnen 04_19
Zu gewinnen 1 Gutschein im Wert von 300 Franken im LKW-Shop
29.08.2019
Facebook
Top