• Mathias Ospelt in Vaduz
    Mathias Ospelt hat die Übersetzung gemacht.  (Daniel Schwendener)

Tim und Struppi im Liechtensteiner Dialekt

Seit dieser Woche ist der achte Band von Tim und Struppi im Liechtensteiner Dialekt erhältlich. Im Interview verrät Übersetzer Mathias Ospelt, weshalb aus Tim ein Eschner geworden ist, und dass er mit dem Verkauf aller 3000 Exemplare rechnet.

Im Oktober haben Sie dem «Vaterland» erzählt, dass Tim entweder einen Schaaner oder Vaduzer Dialekt reden wird. Am Ende ist der Protagonist ein Eschner geworden.

Mathias Ospelt: Ich wollte die Dialekte nicht wild verteilen, sondern geografisch verankern. Tim reist in diesem Band ja nach Syldavien (fiktiver Balkanstaat). Wenn er aus dem Hauptort kommen würde, hätte ich daraus also das Unterland machen müssen. Mir ist bewusst, dass die Unterländer in der Regel fürstentreuer sind. Der Wohnort des Königs musste für mich aber zwingend Vaduz sein. Deshalb ist Syldavien in meiner Übersetzung das Oberland. Im Umkehrschluss muss Tim im Unterland wohnen.

Tim und Struppi

Ein Ausschnitt aus Ospelt's Dialekt-Übersetzung mit dem Detektivduo Oehry/Oehri und König Muskar

Haben Sie alle elf Dialekte untergebracht?

Es hat Flexibilität erfordert, doch ich konnte alle Dialekte auf die Figuren verteilen. Bei Planken musste ich einen Kunstgriff machen, denn dieser Dialekt gibt  heutzutage nicht mehr so viel her. Ich weiss gar nicht, wie weit er sich früher vom Schaanerischen unterschieden hat. Deshalb definierte ich Planken als Ort der Zwischenlandung. Sie ist dadurch die einzige Gemeinde, die in meiner Übersetzung erwähnt wird. Die Gemeinde befindet sich sozusagen zwischen Oberland und Unterland. Von dem her hat es irgendwie für mich gepasst. Das ist jetzt halt auch etwas Lokalhumor.

Im Werk streben Balzner Revolutionäre einen Anschluss zum Nachbarstaat Bordurien an. Dort wird ein Schaaner Dialekt gesprochen.

Es hat sich angeboten, da Schaan und Vaduz zumindest früher oft auf Kriegsfuss gestanden sind. Dass die dem König gegenüber kritisch eingestellte Landbevölkerung einen Balzner Dialekt spricht, war ein bewusster Entscheid. Sie lehnten in der Abstimmung 2003 die fürstliche Verfassungsreform am höchsten ab. An und für sich spielt es für die Nicht-Liechtensteiner keine Rolle, ob man die verschiedenen Dialekte jetzt raushört oder nicht. Für sie ist es sowieso ein einziger Dialekt. 

Der König von Syldavien lässt sich mit seinem Dialekt hingegen leicht dem Triesenberg zuordnen. 

Damit unterscheidet er sich von dem Volk, genauso wie das Fürstenhaus anders spricht als wir. In der Landesbeschreibung von Syldavien, die Tim im Flugzeug liest, steht, das Königshaus kommt aus den Bergen. Ich habe das automatisch mit der Walsergemeinde in Verbindung gebracht. Ausserdem finde ich es einfach saulustig, die Sprechblasen-Texte des «Bärger» Königs zu lesen.  

Wie gingen Sie als Vaduzer damit um, die Dialekte der anderen zehn Gemeinden zu repräsentieren?

Nachdem feststand, welche Figuren und welche Gruppen was für einen Dorfdialekt sprechen, bin ich in die Gemeinden gegangen. Grundsätzlich habe ich Gewährspersonen gewählt, die eine Ahnung von Dialekt haben. Was ich aber nicht suchte, waren «Dialektfüchse». Dann hätte es eine andere, nicht zeitgemässe Richtung genommen. Meine erste Idee war daher, mit Mundartbands zu arbeiten. Abgesehen von «Rääs» (Balzers) hat keine der Angefragten zugesagt. In den anderen Gemeinden halfen unter anderem Marco Schädler (Triesenberg), der einige Dialektstücke verfasst hat, oder Künstler Arno Oehri (Ruggell). In Mauren habe ich trotzdem Adolf Marxer, eine Koryphäe, gewählt. Ich wollte einen klaren Unterschied zum Eschner Dialekt. Um diesen ausmachen zu können, musste ich über die ältere Variante gehen.

Das hört sich fast wie eine Doktorarbeit an.

Ich wollte es nicht wissenschaftlich machen, aber eine Genauigkeit war notwendig. Gerade beim Vaduzer Dialekt habe ich viel Zeit investiert, weil ich mit den Büchern meiner «Nana» (Ida Ospelt Amann) noch das Alte beigezogen habe. Ich setzte mich mit den Gewährspersonen zusammen und legte ihnen «ihre» Textpassagen in einem allgemeinen liechtensteinischen Dialekt vor. Sie haben diese laut in ihrem Dialekt vorgelesen und ich schrieb nach meinem Gehör mit. Einige Leute werden vermutlich kritisieren, dass man so nicht redet. Aber doch: In der Gesprächssituation haben die Leute es genau so gesagt.

Was ist Ihnen in den Gesprächen aufgefallen?

Ich habe gemerkt, dass die Sprecher innerhalb von ihrem Dialekt nicht konsequent sind. Deshalb habe ich mich entweder für die erste Version entschieden oder darauf geachtet, welche Variante häufiger vorkommt. Wenn man sich zu viele Gedanken macht, treibt einen das bloss in den Wahnsinn. Ausserdem hörte man immer irgendwelche Einflüsse aus dem Ausland raus. Ich hätte es also kaum genauer machen können, weil niemand mehr eine reine Mundart spricht. Es ist nicht mehr so wie früher, als sowohl Vater als auch Mutter oft im selben Dorf aufgewachsen sind. Heute kommt die Familie eines Elternteils zum Beispiel ursprünglich aus der Schweiz, die andere Hälfte ist in der Steiermark zu Hause.

Fühlten Sie sich durch die Längen der Sprechblasen eingeschränkt?

Zuerst habe ich alles so notiert, wie es mir meine Gewährspersonen gesagt haben, und schickte dies dem Grafiker zum Füllen der Sprechblasen. Dann hat sich gezeigt, was man eigentlich schon im Vornhinein wusste: Die Sätze waren teilweise zu lang. Daraufhin muss ich gewisse Texte auf die Kernaussage reduzieren. Wir haben es in zwei Durchgängen geschafft, weil ich mit dem Lineal sehr genau umgegangen bin. Schwierigkeiten erlebte ich vielmehr darin, dass Hergé (Autor) oft aus der Literatur zitiert und das Detektivduo Dupont/Dupond Wortspiele verwendet. Da musste ich gelegentlich eigene Reime finden. Bianca Castafiore singt zudem im Original aus einer französischen Faust-Oper. In so einem Fall habe ich geprüft, ob es eine deutsche Übersetzung gibt.

Die Figuren verwenden bei der Höflichkeitsform das «Ihr». In Liechtenstein wird doch geduzt?

Diese weit verbreitete Meinung, dass man sich bei uns seit jeher geduzt hat, glaube ich nicht. Unter Nachbarn und Kollegen ist das natürlich schon der Fall gewesen. Einen Beamten oder Lehrer hat man früher jedoch sicher nicht geduzt. Das kann mir niemand erzählen.

Sie wollten das Projekt ursprünglich mit den 300-Jahr-Feierlichkeiten verbinden. Das offizielle Logo fehlt jetzt auf dem Buch.

Ich dachte mir, dass sich ein Projekt, das den verbindenden Charakter des Dialekts in den Mittelpunkt stellt, eigentlich gut für eine solche Feier eignen würde. Liechtenstein Marketing zeigte aber keinerlei Interesse an dem Buch. Diese Reaktion überraschte mich überhaupt nicht. Aus Erfahrung weiss ich inzwischen: Wenn es nicht ihre Idee ist, hat Liechtenstein Marketing kein Geld dafür.

Auf Umwegen leisten Sie nun trotzdem einen Beitrag zum Jubiläum.

Meiner Meinung nach trägt diese Übersetzung mehr zur Einigkeit des Landes bei als dieser Geburtstagsmarsch. Es dürfte das erste Mal sein, dass sich in einem belletristischen Werk alle elf Dorfdialekte zwischen zwei Buchdeckeln finden. Dass sie miteinander eine Geschichte erzählen, symbolisiert eine Zusammengehörigkeit der Gemeinden.

Als Kabarettist erwarten die Leser von Ihnen mitunter versteckte Anspielungen auf Liechtenstein.

Diesbezüglich habe ich mich sehr zurückgehalten. Es würde sich zwar anbieten, aber irgendwie fand ich es nicht stimmig. Im Vertrag steht auch, dass man sich an die Originalgeschichte halten muss. Es sind vor allem die Dialekte und gewisse Namen, die den Bezug zu Liechtenstein schaffen. Das Detektivduo Dupond und Dupont wird in vielen Übersetzungen umgetauft, aber Struppis Namen hätte ich zum Beispiel niemals geändert. Bei den Schriftzügen im Hintergrund wie Plakaten habe ich sehr darauf geachtet, dass ich ja nichts übersehe und ein Lokalkolorit beibehalte.

Der Staatschef von Bordurien heisst bei Ihnen Müsstler, in der deutschen Fassung Rawczik. Was hat es mit den Namen auf sich?

Müsstler findet sich auch in der Erstveröffentlichung von «Le Sceptre d’Ottokar» aus dem Jahr 1939. Der Name ist eine Kombination von Mussolini und Hitler. Das Werk bezog sich damals auf die Anschlussbestrebungen des Dritten Reichs. In nachfolgenden Auflagen wurden zum Teil drastische Änderungen vorgenommen. Die deutsche Übersetzung hat den Diktator umbenannt und zum Kommunisten gemacht. Ich wollte hingegen der Ur-Intention des Autors treu bleiben. Wahrscheinlich kümmert das keinen, aber ich mache häufig Sachen, die nur für mich wichtig sind.

Welche Reaktionen erwarten Sie von der Übersetzung?

Ich habe von Anfang an gespürt, dass sich die Leute für das Projekt begeistern – nicht nur in Liechtenstein. Klar, wenn ich einen Asterix übersetzt hätte, wäre das Echo  grösser gewesen. Aber ich bin nun einmal Tintinologe und solche Sammler wie mich gibt es reichlich auf der Welt, wie ich aus eigener Erfahrung weiss. Jedenfalls dürften die Liechtensteiner Dialekte im Ausland noch nie so viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Ich habe bis jetzt nur einen einzigen negativen Kommentar gelesen, ob das Liechtensteiner Kulturgut sei. Also wenn unser Dialekt kein Kulturgut mehr ist, was ist dann eines?

Viele hätten Angst vor dem zu kleinen Markt.

Wir haben uns einfach gedacht, dass wir einmal Gas geben und das Ergebnis abwarten. Ich bin überzeugt davon, dass wir zwar nicht sofort, aber über die Jahre hinweg alle 3000 Exemplare (erste Auflage) wegbringen.    

Wird es eigentlich eine Fortsetzung geben?

Wenn sich dieser Band gut verkauft, würde ich gerne weitermachen. Letztlich hängt dies aber auch vom Verleger ab. Wenn er das Wagnis noch einmal eingehen möchte, dann machen wir es. Die meisten Mundart-Übersetzungen belassen es bei zwei bis drei Ausgaben. Mit einer Übersetzung geht ein ziemlicher Aufwand einher, das muss man schon berücksichtigen. Im Vergleich zu anderen Comics ist Tintin fast schon ein Roman. (Interview: Gary Kaufmann)

Buchpräsentation: Dienstag, 7. Mai, um 20 Uhr im Schlösslekeller. Freier Eintritt.

Was für einen Dialekt sprechen die Figuren?

• Eschen: Tim

• Schellenberg: Struppi

• Ruggell: Detektivduo

• Triesenberg: König Muskar

• Gamprin:  Hausfrau Hasler

• Mauren: Professor Brennhafa (Halambique)

• Planken: Flughafenarbeiter

• Schaan: Einwohner Bordurien

• Triesen: Stadtbevölkerung Klow

• Vaduz: offizielle Schriftsprache von Syldavien

• Balzers: syl. Landbevölkerung

06. Mai 2019 / 11:31
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