• Am Zug in Feldkirch, Nendeln und Buchs
    Die «Liechtensteiner» (Romeo Meyer und Martina Dähne, v. l.) machen den Feldkirchern schmackhaft, sich Liechtenstein anzuschliessen.  (Tatjana Schnalzger)

Eine Bahnstrecke als Theaterbühne

Auf der Zuglinie zwischen Feldkirch und Buchs feierte am Donnerstag eine wortwörtlich grenzüberschreitende Performance Premiere. Zahlreiche involvierte Theatergruppen sorgten für eine unterhaltsame, aber auch zum Nachdenken anregende Show.
Feldkirch/Nendeln/Buchs. 

An die 100 Personen versammelten sich am Donnerstag in der Feldkircher Bahnhofshalle, um beim grenzüberschreitenden Theaterspektakel «Am Zug» von Brigitte Walk dabei zu sein. Gebannt warteten die Besucher in drei Gruppen unterteilt auf den Startschuss, als 13 ganz in weiss gekleidete Gestalten auf den in der Bahnhofshalle bereitgestellten Sockeln und Leitern Platz nahmen und während mehrerer Minuten zu heiterer Musik wie in Schockstarre verharrten. «Ich will nach St.Gallen», «Ich will nach Rom», ... hiess es nacheinander aus den Mündern dieser Figuren. «Ich will von diesen Leuten weg» oder «Ich will mal ordentlich was erleben», hiess es weiter. «Aber nicht dahin, wo ich den komischen Dialekt nicht verstehe», so einer der Darsteller. Mehrere irritierte Passanten bahnten sich einen Weg durch die Schar der Theaterbesucher. «Fangen wir mal klein an, fahren wir einfach mal nach Buchs», hiess es und die Menschenmenge bewegte sich gemeinsam mit den weissen Gestalten zur Plattform, wo der Zug schon bereitstand.

Fotostrecke: Am Zug in Feldkirch, Nendeln, Buchs
Am Zug in Feldkirch, Nendeln und Buchs
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Versteckt in Kohlewaggons
Die drei Gruppen folgten ihren in gelben, grünen und roten Regenpelerinen gekleideten Leitpersonen, die sie in je unterschiedliche Waggons brachten. Der Zug rollte los Richtung Buchs, und in jedem der Waggons trugen die Schauspieler Helga Pedross, Romeo Meyer, Andreas Schwankl und Martina Dähne eine andere Geschichte der Autoren Maximilian Lang, Rebecca C. Schnyder oder Stefan Sprenger vor.

Die grüne Gruppe kam in den Genuss des Textes von Stefan Sprenger - kraftvoll vorgetragen von Helga Pedross. Keine heitere Anekdote, sondern eine tragische Geschichte, erzählt von der Enkeltochter eines Zolloberwachtmeisters, der im Zweiten Weltkrieg Juden vor dem Grenzübertritt abhalten musste. Aufgearbeitet werden die Ereignisse der Vergangenheit von der Tochter dieser Enkelin: Bereits als 8-Jährige beginnt sie, sich zu verstecken und Kohle zu essen- wie die Juden, die sich in den Güterzügen unter den Kohlebergen verbargen und um ihr Leben fürchteten.

Der Klarinettist Levent Ivov untermalte die tragische Geschichte, die eindrückliche Sätze enthielt wie: «Juden wurden an der Grenze ausgenommen, bis auch ihre Körper nicht mehr durch durften» oder «Die Dunkelheit der Kohle hat die tröstliche Seite, dass man die Angst nicht sieht». Und immer wieder heisst es: «Ihr wisst, was euch unter die Kohle gebracht hat.» In einem beeindruckenden Monolog, der sich über die gesamte Zugstrecke bis nach Buchs zog, erweckte die deutsche Schauspielerin die schrecklichen Zustände der jüdischen Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg eindrücklich zu Leben.

Liechtenstein wirbt Feldkirch an
«Wir erreichen die liechtensteinische Grenze, bitte öffnen sie die Fenster in Fahrtrichtung rechts», hiess es in einer Lautsprecherdurchsage, welcher Aufforderung die Passagiere sofort Folge leisteten. Beim Vorbeifahren sahen die Passagiere im Schaanwälder Riet in Isolationsfolie eingehüllte Menschen, die der Kälte trotzten. Und schon war der erste Halt beim Bahnhof Nendeln erreicht, wo eine Gruppe des Theaters Karussell - zu einer von Marcus Nigsch eigens komponier-

ten, elektronischen Version der «Liechtensteiner Fuge» - die Gäste überschwänglich mit den Worten «Hoi, Grüezi, Servus» begrüsste. Mit dem Lied «800 miles» und dem grosszügigen Angebot an die Vorarlberger, Feldkirch als Hauptstadt Liechtensteins zu übernehmen, sorgte die gut 20-köpfige Crew für einige Lacher (und bei wenigen vielleicht für ein bisschen Empörung). Mit den Worten «800 Jahre Stadtgeschichte - wir haben nur 300» geben die Liechtensteiner zu, dass sie «ein bisschen neidisch» sind. Umso überzeugter wurde die Lobpreisung der Vorteile des kleinen Landes unter der Leitung von Thomas Hassler mit Sprechgesängen, Choreografien und Gedichten vorgetragen. Zwar ohne Landgewinn, dafür aufgeheitert, zog die 100-köpfige Schar weiter Richtung Buchs.

Von Weltkriegsflüchtlingen bis heute
An der Schweizer Grenze stand bereits die nächste und auch spektakulärste Überraschung des Abends an. Mitten auf der Eisenbahnbrücke hingen mehrere in weiss gekleidete Menschen, darunter Artistin Tamara Kaufmann, an Kletterseilen befestigt an den seitlichen Brückenelementen. Trotz des gemächlichen Tempos des Zuges war die Show vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte - und hinterliess trotzdem einen bleibenden Eindruck.

Am Bahnhof Buchs ging es weiter mit der finalen Show «Keine Grenzen», inszeniert von Elena Colaianni. In Fatsuits gekleidete Zwerge drängten sich dabei neugierig an die Glasscheiben des Warteräumchens auf Perron 3, in dem eine Gruppe bärtiger Menschen in farbigen Mänteln oder Wollpullovern mit ihren Reisekoffern wartete. Die Zwerge fragten: «Wer sind diese Leute?», «Was machen sie?» oder «Sind sie legal hier?». Die scheinbaren Flüchtlinge im Innenraum antworteten mit philosophischen Aussagen wie «Obwohl wir nicht gehen, wohin wir wollen, müssen wir bleiben, wo wir sind» oder Gegenfragen wie «Wären wir reich, dürften wir kommen?». Unter Rauchschwaden marschierte zum Schluss eine Gruppe der Generation Internet mit dem Slogan «Wir sind die grenzenlose Generation» auf und schickte die Theaterbesucher beladen mit zahlreichen Gedanken auf ihre Heimreise.

Mit «Am Zug» zum 800-Jahr-Jubiläum von Feldkirch ist Brigitte Walk und ihrem Team eine zum Nachdenken anregende Theaterperformance gelungen, die nicht nur wortwörtlich Grenzen überschreitet, sondern auch dazu anregt, gedankliche Barrieren abzubauen. (mk)

23. Okt 2018 / 17:25
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