• Nihilism is Love, Vaduz
    Franziska Hilbe, Friedemann Malsch und Fabian Flückiger stellten den Künstler Steven Parrino und dessen Werke vor.  (Tatjana Schnalzger)

Die einzigartige visuelle Sprache Parrinos

Das Kunstmuseum zeigt die erste umfassende Retrosepktive des einflussreichen New Yorker Künstlers im deutschsprachigen Raum.

Die Malerei war in der Kunst der 1970er-Jahre einmal mehr für tot erklärt worden. Doch genau in dieser Zeit entdeckte der junge New Yorker Steven Parrino, geboren 1958, die Kunst für sich. Gerade weil zu jener Zeit viele der Malerei den Rücken zukehrten, war sie für ihn interessant. Sie bot die Chance zu einer neuen Praxis der Verschränkung ästhetischer, kunstimmanenter und gesellschaftlicher Gegenwart. Seit den frühen 1980er-Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2005 entwickelte Parrino ein Werk, das mit Widersprüchen arbeitet und aus ihnen kreatives Potenzial zu ziehen versteht. Das vorwiegend malerische Oeuvre beinhaltet verschiedene subkulturelle Strömungen, ebenso wie kunsthistorische und gesellschaftliche Bezüge.

«Nihilism is Love», die neue Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein, zeigt erstmals im deutschsprachigen Raum eine umfassende Retrospektive Parrinos. Sie verdeutlicht die Tecknik des Künstlers und zeichnet diese in fünf thematischen Räumen nach. Wie Friedemann Malsch, Kurator der Ausstellung und Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, an der gestrigen Pressekonferenz erklärte, hätten er und Kurator Fabian Flückiger bewusst auf eine chronologische Präsentation der insgesamt 99 Werke verzichtet. «Parrino wollte sich dem absolut Abstraktem widmen», begründete Malsch diesen Entscheid. Deshalb habe er damit begonnen, auf Keilrahmen aufgezogene Leinwände monochrom zu bemalen, sie anschliessend wieder abzuspannen, auf unterschiedliche Weise zu verziehen und wieder auf dem Rahmen zu fixieren. Die Werkgruppe der «Misshaped Paintings» war geboren, wobei jedes einzelne «Bild» in seiner Dreidimensionalität eine zweite Realität offenbart, die wiederum einen Raum für inhaltliche Fragen öffnet. «Diesen Fragen wollten wir uns thematisch widmen», so Malsch.

Fünf Räume zeigen die Entwicklung Parrinos auf
Der erste Saal der Ausstellung zeigt ebendiese «Misshaped Paintings» unter dem Übertitel «Disruption». Die Werke zeichnen sich vor allem durch die ersichtlichen Widersprüche aus.  Sei dies in formaler Natur, etwa zwischen Fläche und Relief, Geschlossenheit und ihrer Durchbrechung, oder zwischen der Natur der Malerei und der Bedeutungshaftigkeit des Titels.  Flückiger bemerkte, dass die Betitelung der Werke etwas Besonderes sei: Manchmal stimmen sie mit dem Visuellen überein, manchmal aber lassen sie auch Raum für Interpretation und sind widersprüchlich. Vor allem den «Misshaped Paintings» ist eine Aktion eingeschrieben, was der Malerei damit eine hohe Dynamik verleiht. Auch Parrino selbst war einer, der insbesondere in den frühen Jahren immer wieder Aktionen durchführte.

Der erste Raum in Saal zwei ist schliesslich einer vorwiegend formalen malerischen Praxis gewidmet: den «Bent Paintings» und «Slot Paintings». Bei ersteren Werken experimentierte Parrino damit, die monochrom bemalten Flächen durch Knickungen in den Raum hinein zu entwickeln – das Gemälde wird zum Körper. Bei den «Slot Paintings» wiederum wird die einheitliche Fläche durch einfache Formen aufgebrochen: «Gestaltete Löcher entstehen, deren Konturen vielfach Formen aus dem Motorenraum zeigen», erklärte Malsch. Der Künstler war ein begeisterter Motorradfahrer und auch sein Schaffen ist geprägt von einem unbedingten Freiheitswillen, der sich aus der US-amerikanischen Biker-Kultur herleitet und durch den Existenzialismus von Punkrock beeinflusst wird. In diesem Rahmen kreist der zweite Raum des zweiten Saals um das Todesmotiv mit dem Übertitel «Dancing on Graves», das für Parrino eine reale wie auch metaphorische Ebene beinhaltet. Die Werke sind ein Kommentar auf die erneute Endzeitstimmung der Malerei in den 1970er-Jahren.

«Der Ausstellungsteil ‹Death in America› im dritten Saal schliesst an die Todesserie an», erklärte Flückiger. Darin stützt sich der New Yorker auf die Erfahrung, dass die gesellschaftliche Realität in den USA immer stärker von einem medial gesteuerten Konformismus und dem Verlust an Glaubwürdigkeit geprägt war. «Nicht konforme Denk- und Lebensweisen wurden an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und führten zu einer stark entwickelten Gegenkultur, die beispielsweise den Weltuntergang als realistische Möglichkeit und gleichzeitig als Chance für neue Lebensformen erkannte», sagte Malsch.

Mit dem vierten und letzten Saal «Exit / Dark Matter» schliesst sich der Kreis. Er versammelt Werke, die sich mit der Underground- und Motorrad-Kultur beschäftigen. Im Gegensatz zur Malerei war die New Yorker Subkultur zum Ende des 20. Jahrhunderts in der Hochblüte: Musiker, Schriftsteller, Comic-Zeichner und Filmemacher äusserten sich über das Zeitgeschehen – so auch Parrino. Neben Comics hat er mit dem Medium des Films experimentiert. Den Kuratoren ist es gelungen, das gesamte Spektrum seiner Werken abzudecken.

Umfangreiche Publikation zu Steven Parrino erscheint Rechtzeitig zur Finissage am 17. Mai wird eine umfangreiche Publikation zu Steven Parrino erscheinen, in der Aufsätze zu den ausgestellten Werken enthalten sind, aber auch Testimonials von Weggefährten, Ausstellern und Assistenten des Künstlers. «Über ihn gibt es bislang nämlich noch keine grossen Publikationen», erklärte Malsch. (jka)

20. Feb 2020 / 05:00
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