• Doris Büchel bringt mit «Shared Reading» ein neues Format in die Region.  (Ingo Rasp)

Doris Büchel setzt auf Online-Lesetreffen

Doris Büchel, Autorin und Herausgeberin des Magazins Onepage, startete ausgerechnet mit einem neuen «Shared Reading»-Projekt in die Corona-Zeit.

Erst vor Kurzem stand Ihr Projekt «Shared Reading» auf dem Programm des Literaturhauses. Was hat es mit diesem Projekt auf sich? 
Doris Büchel: Shared Reading ist eine erprobte Methode, die vor mehr als fünfzehn Jahren in Liverpool entwickelt wurde und seither von «The Reader» durchgeführt wird. 2015 kam Shared Reading auch in den deutschsprachigen Raum. Shared Reading basiert auf der einfachen aber kraftvollen Idee, gemeinsam Literatur zu lesen und die Worte auf sich wirken zu lassen. Es ist simpel und grossartig zugleich: Wir sitzen gemeinsam an einem Tisch, ich als Leseleiterin verteile eine Kurzgeschichte und ein Gedicht und beginne, diese vorzulesen. Nach zwei, drei Seiten halte ich inne und leite über in das Gespräch zum Gehörten und Gelesenen. Wir beginnen über das zu reden, was wir spontan denken und fühlen. Ich stelle Fragen und ermutige andere, ebenfalls vorzulesen. Aber: Niemand muss vorlesen oder etwas sagen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es ist, was es ist. Und es ist gut. 

Was fasziniert Sie daran? 
Es spielt keine Rolle, wer du bist oder was du tust. Ob du tausend Bücher gelesen hast oder ein Buch – Shared Reading funk­tioniert über alle kulturellen, sozialen und altersbedingten Grenzen hinweg und in den verschiedensten Settings – in Unternehmen, im Gesundheits­wesen, in der Bildung, in der Gemeinschaft. Weil: Wir ver­stehen Literatur nicht über den Intellekt, sondern über das Gefühlte. Wir tauchen ein in die Geschichte, vergessen die Zeit. Mich beseelt Shared Reading. Was ich spüre, ist, dass es auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berührt. Es hinterlässt eine nachhaltige Wirkung.

Nun wurden ja alle künftigen Anlässe abgesagt. Wie stark trifft Sie das Veranstaltungsverbot?
Im Zusammenhang mit Shared Reading trifft es mich schon unmittelbar. Die Sessions im Literaturhaus Liechtenstein und in der Gemeindebibliothek Buchs waren ja noch relativ frisch. Eben hatten sie so schön Schwung aufgenommen. Dann kam das Veranstaltungsverbot.  

Shared Reading findet nun ja trotzdem statt. Einfach online. Mussten dort irgendwelche Kompromisse eingegangen werden?
Roman Banzer vom Literaturhaus kam auf die Idee mit den Onlinesessions. Dafür bin ich ihm dankbar. Denn nach den ersten Versuchen kann ich sagen: Es funktioniert wunderbar. Klar, nichts schlägt den per­sönlichen Kontakt. Dafür nahmen schon an der ersten Probe­session eine Teilnehmerin aus Bern und eine aus Zürich teil. Auch meine Schwester, die in Vancouver lebt, wird nun teilnehmen können. Das ist schön! Ich freue mich, wenn sich möglichst viele Menschen online verbinden, um miteinander zu lesen. 

Haben Sie sich noch weitere Alternativen überlegt, die nun fehlenden Lesungen zu kompensieren? 
Ich nutze die Zeit, um die Onlinesessions und Shared Reading bekannt zu machen. Ich habe eine Liste mit Unternehmen, Institutionen, Locations, die ich anschreiben möchte, um die literaturbasierte Interven­tion vorzustellen. Es gibt immer genug zu tun. Allerdings ver­spüre ich nicht den Drang, jede gewonnene freie Minute gleich wieder zu verplanen. Ruhe schafft Raum für Kreativität und neue Ideen.

Neben Ihrem Leseprojekt sind Sie ja vor allem als frei­schaffende Journalistin tätig. Ist diese Arbeit auch vom Coronavirus beeinträchtigt oder hilft Ihnen dieser Job, sich finanziell über Wasser zu halten?
Beides. Das Schreiben ist meine Arbeit, damit verdiene ich mein Geld. Wobei es für mich mehr ist als ein Job, der mich über Wasser hält. Es geht tiefer. In den vergangenen Jahren meiner Selbstständigkeit genoss ich das Privileg, mich in den verschiedensten Textformen auszuprobieren, vielseitige und spannende Projekte zu realisieren und faszinierende Menschen zu interviewen. Ein Höhepunkt war sicher das Buch über Evelyne Binsack für den Wörterseh-Verlag. Die intensive Arbeit an diesem Buch und die vertiefte Auseinandersetzung mit der Protagonistin haben mir gezeigt, in welche Richtung ich mich schreiberisch entwickeln möchte. 

Inwiefern?
Mittlerweile schreibe ich nicht mehr für Tageszeitungen, Magazine oder Unternehmen, sondern für Menschen, die ihre Biografien oder Lebenserinnerungen auf Papier bringen möchten. Daraus dürfen kleine, feine Bücher entstehen. Eben habe ich die Biografie eines Mannes in Südtirol beendet, der sich und seine Angehörigen zu seinem 80. Geburtstag damit beschenkt. In diesen Tagen lege ich los mit einer neuen Lebensgeschichte, die aufgeschrieben werden möchte. Ausserdem schreibe ich wieder ein Buch für den Wörterseh-Verlag. Leider mussten wir die Publikation aufgrund der aktuellen Situa­tion um ein Jahr nach hinten verschieben. 

Sind sonstige neue Projekte am Laufen?
Auch neu ist mein Projekt «Dein Brief.». Es schlummert schon lange in mir, und ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt. Jetzt ist die Zeit reif. Ich schreibe persönliche Briefe mit und für Menschen, die einen Dank aussprechen möchten, ihre Liebe bekunden, jemanden um Verzeihung bitten, jemandem vergeben. Oder Abschied nehmen. Dabei denke ich an Patientinnen und Patienten, die ihren Angehörigen oder Freunden etwas hinterlassen möchten. Dadurch, dass ich die Briefe mit meinen Schreibmaschinen schreibe, entstehen feine Unikate, bewusste Erinnerungen. Die Ästhetik war für mich immer schon wichtig im Zusammenhang mit meinen Texten. Ich möchte den Menschen am Ende unserer Zusammenarbeit nicht nur ein sehr persönliches, sondern auch ein schönes Dokument überreichen.

Und wie stark beeinflusst Sie dabei die jetzige Situation? 
Gerade im persönlichen Kontakt bin ich natürlich momen­tan eingeschränkt und muss sehr achtsam vorgehen. Geplantes musste teilweise auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Trotzdem: Vielleicht spüren die Menschen gerade in diesen unsicheren Zeiten, wie wertvoll und wohltuend persönliche Worte sind. Und dass es sich «lohnt», darin zu investieren. 

Denken Sie, Sie als Autorin könnten insofern von den Sicherheitsvorschriften rund um das Coronavirus profitieren, dass die Leute jetzt mehr zu Hause sind und mehr Zeit zum Lesen haben?
Ich hoffe es. Nicht nur für mich und alle Autorinnen und Autoren, sondern für alle Buchhandlungen, Buchläden, Bibliotheken, Literaturhäuser und die Ver­lage.


Wie geht es mit Ihrem ein­seitigen Plakatmagazin, der Edition Onepage, weiter?
Die Edition Onepage geht nun in ihr fünftes Jahr, was mich unglaublich freut. Soeben ist Ausgabe N°21 erschienen, die weiteren vier Ausgaben für dieses Jahr sind in Planung respektive in Arbeit. Es erscheint mir fast etwas seltsam, dass Onepage in dieser aussergewöhnlichen Zeit seinen gewohnten Weg gehen darf. Mehr und mehr Gestalterinnen und Gestalter, Autorinnen und Autoren «bewerben» sich für eine Ausgabe. Das ist schön und ermutigt. (Interview: mk)

17. Apr 2020 / 07:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Bauen und Wohnen Mai 2020
Zu gewinnen einen Gaskugel-Grill Chelsea 480 G der Marke ­Outdoorchef im Wert von 399 Franken von ­Eisenwaren Oehri AG in Vaduz.
07.05.2020
Facebook
Top