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Fortschritte bei Integration – aber auch Handlungsbedarf

Eine Studie der SKMR und der FHS St. Gallen analysiert die Integration in Liechtenstein und berücksichtigt auch die Migrantenperspektive.
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Die Integrationsstudie dient als Basis für die Erarbeitung einer neuen Integrationsstrategie. (Bild: iStock) (Bild: AndreyPopov)

Um einen Überblick über das Integrationsgeschehen in Liechtenstein zu erhalten, hat die Arbeitsgruppe Integrationsstrategie unter der Leitung des Ministeriums für Gesellschaft eine Studie mit dem Titel «Integration in Liechtenstein: Sozioökonomische Potenziale und Spannungsfelder» in Auftrag gegeben. Gestern erfolgte die Publikation der vom Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR) in Kooperation mit der FHS St. Gallen durchgeführten Untersuchung.

36 Gespräche mit zugewanderten Personen

Neben der Analyse verschiedener zentraler Integrationsbereiche liefert die Studie auch Einblicke in die Sichtweisen und Realitäten der Migrantinnen und Migranten. Das methodische Design umfasst neben einer Literaturanalyse, einer sekundären Statistikanalyse und Experteninterviews deshalb auch 36 Interviews mit zugewanderten Personen der ersten und zweiten Generation. «Letztere setzen sich aus Personen aus Südeuropa und aus verschiedenen Drittstaaten, wie beispielsweise der Türkei, zusammen, von denen angenommen wurde, dass sie mit mehrfachen Herausforderungen konfrontiert sind, seien sie sprachlich-kultureller, sozioökonomischer oder ausländerrechtlicher Art», schreiben die Autoren. Auf der Basis ihrer Untersuchungen formulierten sie in einem weiteren Schritt auch Potenziale, Handlungsoptionen und Empfehlungen.

Diese sowie die Ergebnisse der Studie sollen wiederum ihren Niederschlag in der künftigen Ausgestaltung der Integrationspolitik des Landes Liechtenstein finden. Die Studie, schreibt die Regierung in einer Mitteilung, werde der Arbeitsgruppe Integrationsstrategie als Referenzdokument für die Erarbeitung der neuen Integrationsstrategie dienen. «Dass in Liechtenstein sehr wenige Informationen und Statistiken zum Migrationsgeschehen verfügbar sind, stellt eine Herausforderung für die Erarbeitung einer den Verhältnissen angemessenen Integrationsstrategie dar. Die Studie leistet hier einen wertvollen Beitrag», hält die Arbeitsgruppe in einer in die Studie integrierten Stellungnahme fest.

Verbesserungen  und Verbesserungspotenziale

Insgesamt konstatieren die Studienautoren «Fortschritte in der Integration von Zugewanderten». Dies machen sie unter anderem am Umstand fest, dass Ausländer in Liechtenstein im Vergleich zur Situation in Nachbarländern «wenig betroffen» sind, aber auch an der erfolgreich voranschreitenden sprachlichen Integration oder an verbesserten Bildungschancen für Migranten. Zugleich identifiziert die Studie aber auch diverse Punkte, die weiteren Handlungsbedarf aufzeigen – namentlich eine von einigen Migranten in manchen Situationen wahrgenommene Ablehnung oder die teils geringeren Möglichkeiten von Migrantenkindern, ihr Potenzial zu entfalten.

Als eine mögliche Handlungsoption, die das Integrationsgeschehen künftig positiv beeinflussen könnte, bringt die Studie – basierend auf den Gesprächen mit Fachpersonen und Migranten – die «Schaffung respektive Stärkung einer rechtlich und ressourcenmässig ausreichend abgestützten Integrationsfachstelle» ins Spiel. Auch eine an den Bedürfnissen der Migranten ausgerichtete Erstinformation wäre gemäss den Autoren ein vielversprechender Ansatzpunkt. 

Zwiespältige Gefühle bei Zugewanderten

Wie die Interviews mit Vertretern der Migrationsbevölkerung zeigen, fühlen sich diese am Arbeitsplatz, bei Behördengängen, in der Nachbarschaft sowie bei Freizeitaktivitäten akzeptiert, nehmen in einigen Bereichen aber auch Vorbehalte und Ablehnung wahr. «Wie sie von der Mehrheitsbevölkerung aufgenommen werden, unterscheidet sich aus Sicht der befragten Migrierten in Abhängigkeit von ihrem Hintergrund», heisst es hierzu in der Studie. Das von Zugewanderten erlebte «Willkommensniveau» ist laut einer etwas zugespitzten Expertenaussage dabei von drei Faktoren abhängig: «Nützlichkeit» (umworbene Fachkraft, ersetzbare Hilfskraft oder ungerufener Flüchtling), «Kulturnähe» und Hautfarbe. «Personen, die weiter oben auf der soziokulturellen oder beruflichen und rechtlich-administrativen Skala stehen, berichten weit seltener von Ablehnung etwa bei der Arbeits- und Wohnungssuche», schreiben die Autoren. Verhältnismässig häufig mit Vorbehalten konfrontiert sehen sich gemäss der Studie Nachkommen der «letzten ‹Gastarbeitergeneration» und «nachziehende Personen aus Drittstaaten». Diese müssten nicht nur übliche Integrationsbemühungen erbringen, sondern teils zusätzliche Barrieren, beispielsweise Vorurteile, überwinden.

Integration ist insgesamt auf dem Vormarsch

In einigen Bereichen befindet sich die liechtensteinische Integrationspolitik noch immer «in den Anfängen», wie die Studie festhält. Die Autoren verweisen in diesem Kontext unter anderem auf das Grundsatzpapier der Regierung «Integration als grosses Anliegen» und einen umfassenden Massnahmenplan, der zwischen 2010 und 2013 «nur verhalten umgesetzt» worden sei. «Aktuell», vermerken sie weiters, «verzeichnen Integrationsprojekte und Dialoge teilweise einen Stillstand». Gleichwohl stellt die Studie in der Gesamtschau Fortschritte in der Integration von Zugewanderten fest. Indikatoren sieht sie etwa in der guten Inklusion von Ausländern in den Arbeitsmarkt, vor allem aber auch in der sprachlichen Integration. Letzteres ist nicht zuletzt das Ergebnis einer starken integrationspolitischen Akzentuierung – einerseits in Form höherer Anforderungen an Zugewanderte, andererseits in Form des Ausbaus von Sprachschulen und staatlich subventionierter Kursgebühren. Stark eingeschränkt ist aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen die politische Partizipation. Die befragten Migranten fühlen sich «gut bis sehr gut integriert». Viele von ihnen zeichnen sich zudem durch einen ausgeprägten Integrationswunsch aus.

Noch keine Chancengleichheit

Die Bildungschancen von Migrantenkindern haben sich laut der Studie verbessert. Allerdings haben sie gegenüber einheimischen Kindern noch immer «geringere Möglichkeiten, ihr Potenzial zu entfalten». Wie die Befragten kundtaten, liegt dies neben fehlenden Ressourcen (bspw. Deutschkenntnisse), und den in ihren Unterstützungsmöglichkeiten teils eingeschränkten Eltern mitunter auch an Vorurteilen des Lehrpersonals (vor allem unbewusste Defizitannahmen). 
Bezüglich der Chancen auf dem Arbeitsmarkt verweisen die Autoren zwar auf die grösstenteils gelungene Integration, berichten aber auch von potenziellen Benachteiligungen für Migranten – darunter die fehlende Anerkennung von Diplomen oder eine erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgrund eines kleinen familiären Netzes.

Eine Fachstelle für Integration ist «unabdingbar»

Für eine Integrationspolitik, die dem Kriterium der Nachhaltigkeit Genüge tut, ist gemäss den Studienautoren eine Fachstelle für Integration «unabdingbar». Wichtig sei dabei eine staatliche Abstützung bei gleichzeitiger Wahrung der Unabhängigkeit sowie die Wahrnehmung sowohl von strategischen wie auch von operativen Aufgaben. Eine solche Fachstelle könnte sich in Liechtenstein auch eines weiteren Aufgabenfeldes annehmen, das die

Studie als wichtiges Element für die Ausgestaltung der künftigen Integrationspolitik identifiziert hat: die (Erst-)Information von Migranten. «Wie sich in den Gesprächen zeigt, ist der Informationsbedarf vieler Migrierter relativ gross, und die Information über andere Kanäle wie Migrantenorganisationen als hauptsächliche Informationsquelle, die möglicherweise nicht auf dem neusten Stand ist, erweist sich als suboptimal», heisst es darin.

Was die Autoren ferner anregen, ist die Erweiterung des Adressatenkreises von Integrationsmassnahmen. Bislang seien nur die tatsächlichen oder unterstellten Defizite von Zugewanderten fokussiert worden, betonen sie. Doch damit «können gesellschaftliche Konflikte und Ängste der Mehrheitsgesellschaft unzureichend aufgefangen werden».

Muslime: Wunsch nach Sichtbarkeit

Laut der Studie streben die befragten Muslime im Rahmen einer multireligiösen Gesellschaft nach mehr Sichtbarkeit und Teilhabe. Darin, so die Autoren, könne durchaus ein Zeichen für die zunehmende Integration gesehen werden. Allerdings bestünden hier gegenwärtig auch «ungelöste Herausforderungen» wie die Suche nach Gebetsräumen und Grabfeldern aufzeige. (bo)

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