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Regina Elisabeth Fasel und Christian Goritschnig sprechen im Interview über die Eindrücke und Lehren, die ihnen der im Rahmen von «Mein Liechtenstein 2039» Workshop «Wie mache ich Liechtenstein zu einem Vorbild in der Zukunft?» lieferte.

«Nicht nur Staub aufwirbeln, sondern auch Spuren hinterlassen»

Mein Liechtenstein 2039
Laut Themenpatin Regina Elisabeth Fasel und Christian Goritschnig, Mitglied des Leitungsteams, hat Liechtenstein noch viel Potenzial, um in Zukunft als Vorbild voranzugehen.

«Wie mache ich Liechtenstein zu einem Vorbild in der Zukunft?» Mit dieser Frage haben sich während eines halben Tages rund 45 Workshop-Teilnehmende gemeinsam mit den Themen-Paten Regina Elisabeth Fasel, selbstständige Multimedia-Produzentin, und Christoph Frommelt, Geschäftsführer der Frommelt Zimmerei und Ing. Holzbau AG in Schaan, beschäftigt. Konzeptioniert und mitorganisiert wurde der Workshop vom Leitungsteam-Mitglied Christian Goritschnig, der Executive Partner bei der Goritschnig AG ist. Nach intensiver Diskussion kamen neun konkrete Ideenbündel zusammen, mit denen Liechtenstein in Zukunft zu einem Land mit Vorbildcharakter gemacht werden soll. Im Gespräch mit Regina Elisabeth Fasel und Christian Goritschnig werden die Zukunftsbilder genauer beleuchtet.

Weshalb ist es wichtig, dass Liechtenstein in Zukunft als Vorbild vorangeht? 
Regina Elisabeth Fasel: Ich bin in Vaduz aufgewachsen und habe mich in dieser «Blase» – wie ich Liechtenstein manchmal nenne – immer sehr wohlgefühlt. Mit 19 Jahren bin ich nach Kopenhagen gezogen, habe später ein Auslandssemester in Hamburg absolviert und bin nach dem Studium auf Weltreise gegangen. Immer, wenn ich nach Liechtenstein zurückkam, hatte ich ein bisschen mehr Mühe, mich wieder in das Gefüge einzureihen, da mir die Distanz einen anderen Bezug zur Heimat und zur Realität aufgezeigt hat. Dadurch habe ich aber auch erkannt, was für eine Schatzkiste Liechtenstein tatsächlich ist und dass wir viele Chancen haben, unser Land immer wieder weiterzubringen. Als Liechtensteinerin hatte ich immer das Gefühl, dass niemand ausserhalb daran interessiert ist, was wir machen, und uns sowieso niemand kennt. In meiner Handlungsfreiheit und Vision musste ich zuerst aus dieser Blase rauskommen, um zu erkennen, dass wir noch sehr viel mehr erreichen können, wenn wir mutig vorangehen und gross denken. Wir sollten unsere Kleinheit nutzen und als Labor für ganz viele Projekte fungieren, um zu zeigen, was möglich ist. So können wir auch in einem globalen Kontext ein Vorbild sein. 

In der Kleinheit des Landes sehen Sie also den Vorteil, dass sich Projekte schneller umsetzen lassen?
Regina Elisabeth Fasel: Sie ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Gerade wegen der Kleinheit, so habe ich die Erfah­rung gemacht, haben wir oft das Gefühl, nichts bewirken zu können – ähnlich wie auch eine Einzelperson oft glaubt, allein nichts erreichen zu können. Wir sollten uns gerade im globalen System bewusst werden, wo unser Platz sein soll. Wenn unsere Rolle die des kleinen unbekannten Staates ist, stellt sich die Frage, ob wir an dieser Position verharren oder uns nicht doch lieber in unserer ganzen Fülle präsentieren wollen.  
Christian Goritschnig: Wir haben den Zweck eines Vorbilds Liechtensteins in eine Innen- und Aussenansicht zerlegt, der wie folgt lautet: Von der Innenansicht her fängt es mit jedem einzelnen Menschen an: Wir sind die Impulsgeber, die diese Ideen als Impulse geliefert haben, aber letztlich ist jede Idee nur eine Summe dessen, was wir daraus machen. Und die Vision sollte sein, dass wir dank generationenübergreifender Wertschätzung, Eigenverantwortung, Geborgenheit, Chancengleichheit und kreativem Miteinander eine glückliche Bevölkerung sind. Mit dem Projekt «Mein Liechtenstein 2039» konnten wir die Zukunftsbilder sichtbar machen und damit einen ersten Schritt in Richtung Vorbild Liechtenstein gehen. Erst wenn das Land von innen heraus sichtbar wird, kann es auch aussen wahrgenommen werden, womit wir bei der Aussenansicht sind. Diese haben wir so definiert, dass wir unsere Werte – nämlich Nachhaltigkeit, Innovation, soziale Gerechtigkeit und Weltoffenheit – glaubwürdig nach aussen tragen und aus unserem Tun heraus ein starkes Vorbild sind.

Es braucht also die Bevölkerung, damit Liechtenstein zu einem Vorbild wird.
Christian Goritschnig: In der Unternehmensberatung sagen wir stets, dass ein Unternehmen nur so gut ist wie die Summe seiner Mitarbeitenden. So ist es auch mit Liechtenstein: Jeder Teil der Bevölkerung macht das Land schliesslich aus. 

Welchen Herausforderungen steht Liechtenstein in Bezug auf einen Vorbildcharakter schon heute gegenüber?
Regina Elisabeth Fasel: Eine Herausforderung besteht darin, dass wir daran glauben müssen, etwas verändern zu können. Diesbezüglich ist unser Wohlstand eine weitere Herausforderung: Weshalb etwas verändern, das so gut funktioniert? Wir könnten genauso gut in unserer Blase ausharren und sie erhalten. Doch das sollte meiner Mei­nung nach nicht das Ziel sein. Wir sollten uns selbst mehr zutrauen und uns untereinander stärker vernetzen. Dass dies sehr wertvoll ist, hat allein schon der Workshop gezeigt. Selbst für mich haben sich daraus tolle Kontakte ergeben, und mir wurde aufgezeigt, dass in Liechtenstein sehr viel Potenzial und Ideenreichtum vorhanden sind. Die einzelnen Visionen müssen jedoch gebündelt werden, damit daraus weitere Ideen entwickelt werden können. Eine weitere Herausforderung liegt darin, den Austausch immer wieder anzustossen, damit die Ideen nicht zu einer Eintagsfliege werden, sondern immer wieder thematisiert werden.
Christian Goritschnig: Ein Beispiel: Trotz vieler Veränderungsmassnahmen rund um Steuergesetze und Steuerkooperationen trägt Liechtenstein in einem hochdynamischen Umfeld immer noch den Stempel eines reinen Finanzplatzes. Wenn jemand von aussen also das Land kennt, dann zumeist in Verbindung mit Briefkastenfirmen und einem Steuer­paradies. Dieses Bild ist allerdings schlichtweg nicht realitätsnah. Wir können eine hervorragende und innova­tionsstarke Industrie vorweisen. Auf der anderen Seite gibt es Herausforderungen zu meistern, wie etwa den Klimawandel, wo Liechtenstein nach wie vor noch keine Vorbildrolle eingenommen hat. Als Kleinstaat hätten wir es allerdings in der Hand, gerade hierbei eine Vorbildfunktion zu übernehmen.    

In welchen Bereichen geht Liechtenstein denn bereits als gutes Vorbild voran?
Christian Goritschnig: Wenn wir uns die Industrie und die Start-up-Szene anschauen, haben wir sicherlich einen hervorragenden Nährboden, auf dem Neues entstehen kann. Wir haben den Vorteil, dass Liechtenstein im Vergleich zu anderen Ländern sehr unbürokratisch ist. Eine Unternehmensgründung oder die Umsetzung einer Idee ist andernorts mit viel mehr Hürden verbunden. Ebenfalls einzigartig ist, dass wir eine unglaubliche Nähe zur Politik haben. Beispielsweise ist Regierungsrätin Dominique Hasler zum Workshop dazugestossen und hat sogar beim Protokollieren mitgeholfen. Wenn in Liechtenstein jemand also etwas bewegen möchte und hierzu gerne die Politik zu einem Gedankenaustausch einlädt, steht diese ihm zur Verfügung. Das vergessen wir allerdings allzu oft. Regina Elisabeth Fasel bringt hierzu das beste Beispiel: Erst wenn man einmal Dis­tanz zum eigenen Land gewonnen hat, stellt man fest, dass wir hier hohe Werte leben. Diese Komfortzone bringt uns allerdings nur sehr schwer in die Veränderung.    

Ein Blick auf das Jahr 2039: Was wäre aus Ihrer Sicht bis dahin eine optimale Entwicklung für das Land?
Regina Elisabeth Fasel: Am wichtigsten ist für mich, dass wir 2039 als Bevölkerung ein Gefühl dafür haben, welche Privilegien uns gegeben sind und uns bestärkt fühlen, diese Privilegien für sinnstiftenden Wandel aktiv zu nutzen. Das bahnt sich aus meiner Sicht bereits ein wenig an – zumindest was die jüngeren Generationen betrifft. So hat die Liechtensteiner Jugend ebenfalls einen Klimastreik organisiert, auch wenn dieser im kleineren Rahmen über die Bühne ging. Ebenfalls wünsche ich mir mehr Mut für die Zukunft. Gerade mutig zu sein, ist das, was letztlich ein Vorbild ausmacht. 
Christian Goritschnig: Auch wenn wir von Wünschen sprechen, ist es schliesslich die Notwendigkeit der Veränderung, die zählt. Die Anpassungsfähigkeit wird sich hoffentlich insofern verändern, dass wir uns im Kollektiv und generationenübergreifend weiterentwickeln werden. Die aktuelle Pan­demie hat uns aufgezeigt, dass wir Menschen nur einen kleinen Teil des Systems Natur darstellen. Und trotzdem ist es so, dass wir aufgrund unseres Bewusstseins eine Anpassungsfähigkeit haben, um grössere Schäden zu vermeiden. Covid-19 ist eine Art Brandbeschleuniger: Alles, was man vorher nicht sehen wollte, wurde durch das Virus sichtbar gemacht. Es hat uns aufgezeigt, dass wir als Menschen reagieren müssen. Was machbar ist und was nicht – auch in Bezug auf diese neun Zukunftsbilder – wird uns letztlich unsere eigene Anpassungs- und Gestaltungsfähigkeit zeigen. Die Herausforderungen bei der Umsetzung werden darin bestehen, inwieweit wir im Kollektiv den Zweck und die Zielsetzung dieser Ideen verstehen und ob wir der Bevölkerung begreifbar machen können, dass jeder Einzelne in die Wirkung kommen kann. 

Wie sollen die Liechtensteiner denn zum Handeln bewegt werden? 
Christian Goritschnig: Sie müssen intrinsisch berührt werden. Nur so kann jeder Einzelne merken, dass er etwas ändern muss oder einen Beitrag dazu leisten kann, eine Veränderung anzustossen und bestmöglich zu begleiten. Darauf zielt auch unser Wunsch als Leitungsteam ab: Wir möchten erreichen, dass möglichst viele durch diese Vielfalt an Ideen intrinsisch berührt und motiviert werden. Es soll nicht nur beim Durchlesen des Abschlussberichts bleiben, sondern die Liechtensteiner sollen in die Handlung kommen. Die Zukunftsbilder sind grobe Bildpunkte für die Zukunft. Die Facetten davon müssen noch gar nicht klar sein, aber sie erleichtern uns in der Visualisierung die Schaffung eines gemeinsamen Bildes.  

Die Kommunikation und der Austausch werden bestimmt auch eine wichtige Rolle spielen.
Christian Goritschnig: Genau. Es hilft wenig, ein Bild von der Zukunft im Kopf zu haben, wenn man es mit niemandem teilen kann. Deshalb wollen wir als Leitungsteam gemeinsam mit den Themenpatinnen und -paten in einem nächsten Schritt zusammenkommen, um die insgesamt 69, oft themenübergreifenden Ideen noch einmal zu verdichten und auf ein paar wenige herunterzubrechen, die Liechtenstein entsprechend umsetzen kann. Wir wollen nicht nur Staub aufwirbeln, sondern auch Spuren hinterlassen.
Regina Elisabeth Fasel: Der Austausch ist sehr wichtig, da dadurch Menschen zusammenfinden, die gute Ideen haben. Meine Lieblingsidee ist das Schulfach «Enkeltaugliche Zukunftsgestaltung». Man darf schon bei den Kindern beginnen, sie im Rahmen einer Projektwoche oder eines Fachs anzuregen, gross zu denken. Auch sollten wir keine Angst davor haben, etwas Neues zu versuchen – auch wenn es nicht bis zum Ende durchgezogen wird oder das Ergebnis nicht perfekt ist.  

Herr Goritschnig, was ist Ihre Lieblingsidee?
Christian Goritschnig: In mir persönlich löst das Zukunftsbild «Leuchtturm Liechtenstein» eine intrinsische Motivation aus. Es ist dem gemeinsam entwickelten Ursprungszweck des Projekts sehr dienlich. Das Bild vom Leuchtturm steht für mich dank der generationenübergreifenden Wertschätzung symbolisch für eine glückliche Bevölkerung. Das Bewusstsein muss vorhanden sein, dass andere Generationen auch schon ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass wir heute da stehen, wo wir stehen. Gleichzeitig ist der Leuchtturm ein klares Zeichen für Orientierung. 

Wodurch zeichnen sich die neun Zukunftsbilder für Sie aus?
Christian Goritschnig: Die Ideenbündel verdeutlichen in Bezug auf den ursprünglich definierten Zweck der Innen- und Aussenansicht Liechtensteins sehr gut, worin wir in Zukunft eine Vorbildwirkung erzielen können. Wie eingangs erwähnt, kann dieser Bildpunkt am Anfang noch relativ gross sein und sich erst allmählich in immer kleinere aber deutlichere Punkte aufteilen. 

Manche Ideen wären in einem kürzeren Zeitraum umzusetzen, andere bräuchten eine etwas längere Vorlaufzeit. Sind trotzdem alle gleichermassen sinnstiftend?
Regina Elisabeth Fasel: Alle neun Zukunftsbilder haben ihre Daseinsberechtigung. Wichtig ist die Frage, für welche Idee das innere Feuer brennt. Und je nachdem, welche Tür sich gerade öffnet, kann die eine oder andere Idee schneller realisiert werden. Ein klimaneutrales Liechtenstein steht beispielsweise schon auf manch einer Agenda. Das liegt im Bereich des Möglichen. Die Rheinaufweitung ist ebenfalls ein Thema, das schon des Öfteren angestossen wurde. Viele der Ideen haben aber auch einen philosophischen und visionären Charakter.
Christian Goritschnig: Am besten ist stets jene Idee, die auch tatsächlich umgesetzt wird. Dabei kommt es nicht darauf an, ob sie zeitnah oder kostengünstig zu realisieren ist, sondern ob es Menschen gibt, die an diese Idee glauben und sie auch umsetzen wollen. Wir sollten uns gemeinsam auf einen Weg begeben, der letztlich schon das Ziel beschreibt. Deshalb finde auch ich das Fach «Enkeltaugliche Zukunftsgestaltung» sehr interessant. Heute versucht sich jeder selbst, dieses Bewusstsein aufzubauen, weil die Thematik in der Bildung noch nicht verankert ist. Je früher wir den Kindern beibringen, zukunftsorientiert und generationenübergreifend zu denken, desto schneller wird sich zeigen, was tatsächlich machbar ist.

Und inwiefern kann die Bevölkerung von diesen Ideen profitieren?
Christian Goritschnig: Aus der gebotenen Vielfalt an Ideen aus allen Workshops resultierend, liegt es nun an den Menschen selbst, sich der eigenen Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden und darauf zu achten, bei welcher Idee die intrinsische Motivation – das innere Feuer – am grössten ist. Wer will, darf sich gerne mit Liechtenstein Marketing, einem Mitglied des Leitungsteams oder einem Themen-Paten in Verbindung setzen, um gemeinsam den Weg in Richtung Umsetzung zu beschreiten. Unternehmen machen wochenlange Workshops mit den Mitarbeitenden und Kunden, um die Zukunft herauszukristallisieren – wir bekom­men diese Zukunftsbilder in Form des Abschlussberichts bereits geschenkt. Damit hat nämlich jeder die Möglichkeit, vorwärts zu gehen und etwas zu bewegen.  
Regina Elisabeth Fasel: Im Nachgang an die Präsentation hatten alle Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner die Möglichkeit, die Ideen online zu bewerten und ihre Kontaktdaten zu hinterlassen, wenn sie bei der Umsetzung eines Zukunftsbildes gerne dabei wären. Hieraus ist ein riesiger Datenpool entstanden, den wir gerne nutzen möchten. Am Ende ist es nämlich für alle schön, wenn Liechtenstein ein Vorbild ist. Profitieren kann man auch durch die Inspiration und Vernetzung mit anderen Menschen. Der Optimalfall wäre, dass daraus eine Eigendynamik entsteht.

Inwiefern steht dabei auch die Politik in der Pflicht?
Christian Goritschnig: Jeder pflichtbewusste und zukunftsorientierte Politiker wird diese 69 Ideen in seinem Ermessen zu nutzen wissen. Die Zukunftsbilder sind aus dem Kollektiv der Bevölkerung heraus entwickelt worden und damit ist das Erarbeitete eine Stimme des Volkes. Daran könnte sich die Politik orientieren. (jka)

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