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Mit blühender Fantasie zum Künstler werden

Die Natur hält für ihren Betrachter viele Überraschungen bereit. Manchmal hatte dabei auch der Mensch die Finger im Spiel: Die «Land Art» ist eine Kunstform, bei der ein Künstler mit Materialien, die er in der Natur findet, ein Kunstwerk zaubert, das schliesslich der Natur auch überlassen wird. Seien dies Gesichter aus Sand im Wald, Zeichnungen im Schnee oder Steine, die so angeordnet sind, damit sie das Abbild eines Schmetterlings darstellen.
Fotos Landart KUL
Wer «Land Art» macht, braucht Geduld und die Fähigkeit, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen. (Bild: Nicolaj Georgiev)

Steine, die schneckenförmig aneinandergereiht sind, das Bild einer Blume zeichnen und Äste, die den Umriss eines Herzens bilden oder die Stacheln eines Laub-Igels darstellen, der über den Waldboden geht. Diese Kunstwerke in der Natur lassen sich immer wieder bei einem Spaziergang entdecken. Dahinter steckt eine Kunstströmung der bildenden Kunst, die Ende der 1960er-Jahre in den USA entstanden ist: Die sogenannte «Land Art». Dabei wird aus Naturmaterialien Kunst geschaffen und die unmittelbare Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur gefördert. 

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Das Schöne daran: Jeder kann ein Land-Art-Künstler sein. Wichtig ist nur, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen, sich auf sie einzulassen und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Vorgaben, wie die Kunstwerke schliesslich auszusehen haben, gibt es kaum. Wie der Liechtensteiner Künstler Nicolaj Georgiev erklärt, seien die Kunstwerke in der Form meist minimal gehalten. Die Dimensionen wiederum können winzig bis riesig sein. «Am Ende stellt ein Kunstwerk für den Betrachter einen ästhetischen Zugang als Objekt oder Raum dar», sagt er. Und ein Künstler darf sich selbst mit seinem Körper darin einbringen – Zum Beispiel mit einem Abdruck im Schnee, Dreck oder Sand. Da das künstlerische Schaffen nach seiner Fertigstellung der Natur überlassen wird, gehört zum Gesamtwerk ebenso die Dokumentation des Fortbestands oder des Zerfalls aufgrund von Natureinflüssen dazu.

Rohstoffe der Natur verwenden
In der Künstlerszene in Liechtenstein und der Region ist die Land Art laut Nicolaj Georgiev im traditionellen und klassischen Sinne wie zu Beginn der 1970er-Jahre nicht so weit verbreitet. «Hingegen gibt es viele Künstler, die die Natur nicht nur als Inspirations- sondern eben auch als Materialienquelle nutzen», sagt er. Dabei sei dann aber eher von «Natur-Kunst» die Rede. Indes ist vielen Menschen gar nicht bewusst, dass sie selbst zu Künstlern werden, wenn sie beispielsweise auf einer Sandbank am Rhein Steine aufeinanderstapeln. In der Kunstszene ist diese Technik als «Stone balancing» bekannt. Und auch bei den klassischen Techniken der Land Art handelt es sich um allgegenwärtige Tätigkeiten wie sammeln, sortieren, stapeln, balancieren, binden, graben oder formen. 

«Werkzeuge benötigt man dafür nicht», erklärt der Liechtensteiner Künstler. Sie zu benutzen sei jedoch auch nicht verboten. «Falls gewünscht, kann man zum Beispiel auch mal eine Schaufel zur Hand nehmen. Es kommt immer darauf an, was der Kunstschaffende im Sinn hat und wie gross und komplex sein Werk werden soll.» Im traditionellen Sinne der Land Art wird allerdings versucht, auf Werkzeuge und künstliche Materialien zu verzichten: Anstatt Äste zu schneiden, werden diese gebrochen. Zum Befestigen der Äste werden statt Schnüre Gräser oder Ton benutzt. «Die Materialien, die man für Land Art benutzt, sind meistens die, die je nach Standort in der Natur vorgefunden werden», erklärt Nicolaj Georgiev. 

Und worauf gilt es bei Land Art sonst noch zu achten? «Dass uns beim ‹Stone balancing› kein Stein auf die Füsse fällt», antwortet der Künstler schmunzelnd. Ausserdem ist es wichtig, dass die Werke keine Gefahr für Passanten oder sich selbst darstellen. Bei grossen Projekten hätten sich etwa auch bekannte Land-Art-Künstler professionelle Hilfe geholt, um bei der Umsetzung des Konzepts zu helfen, erklärt Nicolaj Georgiev. «Solche Projekte haben sich dann teilweise über Monate oder sogar Jahre hingezogen. Zu beachten gilt deshalb auch der Zeitfaktor.»

Mit der Natur in Balance sein
Nicolaj Georgiev selbst hat schon früh mit Land Art begonnen – wenn auch unbewusst, wie er sagt: «Soweit ich mich erinnern kann, habe ich meine ersten Erfahrungen mit Land Art bereits als Kind im Wald gemacht, als ich mit verschiedenfarbigen Steinen ein Pulver herstellte und damit Muster kreiert habe.» Auch habe er manchmal mit seinem Vater Miniaturhütten für winzige «Waldmenschen» gebaut. Als der Liechtensteiner dann einige Jahre später ins Gymnasium kam, brachte er dort erstmals mehr über die Land Art in Erfahrung. Sein Wissen und Schaffen in diesem Bereich der Kunst hat er schliesslich während seines Studiums in Vermittlung von Kunst und Design in Basel weiter vertieft. Bis heute hat ihn die Land Art nicht losgelassen, denn wie er sagt, ist es «eine äusserst schöne, meditative Erfahrung, sich mit der Natur in Balance zu befinden, während man ein Kunstwerk erschafft. Man ist letztlich wie das Kunstwerk auch in, auf und aus der Natur».

Jeder kann laut Nicolaj Georgiev – unabhängig von Talent oder Alter – ein Künstler sein. Was es im Bereich der Land Art aber zusätzlich brauche, sei Geduld und die Fähigkeit, mit offenen Augen und blühender Fantasie durch die Natur zu gehen. «Es kann auch hilfreich sein, sich bereits im Vorfeld ein Kunstwerk in der Fantasie auszumalen. Ebenso darf man auch einfach loslegen, ohne allzu viel zu überlegen und damit der Inspiration freien Lauf lassen.» Der Künstler selbst würde aber auf jeden Fall nicht dazu raten, zu Beginn eine Bildrecherche über das Thema zu machen. Stattdessen sollte man sich direkt der Natur und seiner eigenen Vorstellungskraft hingeben. «Wenn man allerdings merkt, dass der Ideenreichtum verloren geht oder gar nicht erst zum Vorschein kommt, ist diese sicherlich nützlich», sagt er. 

Neue künstlerische Umgebung
Zum Thema Land Art hat Nicolaj Georgiev in der Vergangenheit bereits Workshops gegeben. Momentan ist zwar keiner ausgeschrieben, er sei aber bei Interesse gerne bereit, einen solchen aufzuarbeiten und durchzuführen. Ein Workshop kann je nachdem einen Nachmittag oder gleich mehrere Tage dauern. Das Alter spielt keine Rolle. Hingegen ist es dem Liechtensteiner wichtig, seinen Mitmenschen einen für sie neuen künstlerischen Umgang mit der Natur zu vermitteln. «Auch möchte ich Inspiration wie Motivation geben.» Jeder, der Land Art erschafft und generell künstlerisch tätig ist, sollte sich zudem stets fragen, ob das Erschaffene einem gefällt, und weshalb dem so ist. «Es geht also auch um theoretische Grundlagen der Kunst und Schönheit im Allgemeinen», erklärt Nicolaj Georgiev. (jka)

 

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