• Luisa Kuster
    Die 87-jährige Luisa Kuster im Gespräch mit «Vaterland»-Redaktor Ernst Hasler. (Bild: Conradin Beck)

«Es fielen ‹Grundbira› herunter»

Am letzten Montag, 1. Oktober 2018, jährte sich ein Tag, der die Stadt Feldkirch während des Zweiten Weltkrieges extrem erschüttert hat. Der Luftangriff von US-Bombern; eine Zeitzeugin erzählt 75 Jahre danach.
Feldkirch. 

Unglückliche Umstände führten dazu, dass 210 Menschen vor 75 Jahren, am 1. Oktober 1943, im benachbarten Feldkirch (Ö) ihr Leben verloren. US-Bomber (B17) warfen während zwei Minuten zur Mittagszeit Bomben über der Montfortstadt ab, die grundsätzlich nicht für Feldkirch gedacht waren.

Luisa Kuster beobachtete Luftangriff auf Feldkirch
Die 12. US-Luftflotte beabsichtigte, Flugzeugfabriken in Süddeutschland und Ostösterreich anzugreifen. Vier Bombergruppen erhielten den Auftrag, die Messerschmitt-Werke in Augsburg (De) zu attackieren, doch schlechtes Wetter sowie deutsche Jagdflugzeuge verhinderten das Vorhaben, weshalb die US-Bomber befehlsmässig Sekundärziele bombadierten. 15 amerikanische Bomber wählten Feldkirch.
Die damals  zwölfjährige Luisa Kuster (87) wohnte als Einzelkind mitten im Dorf beim Dorfbrunnen von Feldkirch-Gisingen. Grundsätzlich war Feldkirch vom Krieg verschont geblieben, doch plötzlich kam es am 1. Oktober 1943 kurz nach der Mittagszeit zum Sirenenalarm. «Der Bevölkerung war es verboten, die Häuser zu verlassen, wenn die Sirene ertönt. Wir wurden angewiesen, unter Dach zu bleiben und uns im Keller aufzuhalten. Auch beim Schulunterricht mussten wir bei Sirenenalarm in den Keller steigen und durften uns nicht auf der Strasse aufhalten. Schliesslich wusste niemand, was die Flieger vorhaben», erinnert sich Luisa Kuster an fast jedes Detail.

Kuster: «Ich war ein wundriges Weib»
Die US-Flugstaffel sei aus der Schweiz Richtung Feldkirch geflogen. «Ich hätte das Haus nicht verlassen dürfen. Da ich ein wundriges Weib war, ging ich vis-à-vis auf die Strasse, wo beim Nachbarhaus ein grosser, alter Baum stand. Ich dachte, dass dort nicht viel passieren und ich von jener Position das Geschehen verfolgen kann. Es tönte lautstark und die Geräusche wurden immer intensiver. Die Flieger kreisten über Feldkirch und plötzlich fiel etwas vom Himmel. Ich dachte, dass es ‹Grundbira› (Anm. der Redaktion: grosse Kartoffeln) sind, stattdessen waren es Bomben», erzählte Luisa Kuster.

Beim Luftangriff auf Feldkirch sind das Lehrerseminar und das Antoniushaus bombardiert worden. Weitere Gebäude an der Liechtensteinerstrasse, der Carinagasse (Zollwohnhaus) und an der Blasenberggasse wurden beschädigt. «Das Antoniushaus war ein privates Krankenhaus und ist ebenfalls bombadiert worden. Das war gemäss Kriegsverordnung nicht erlaubt, zumal bei den Krankenhäusern rote Kreuze auf dem Dach deponiert waren, damit sie nicht angegriffen werden. Es ist aber später bekannt geworden, dass bei Munitionslagern ebenso rote Kreuze platziert worden sind, um die Lager vor Bombardments zu verstecken», sinnierte Luisa Kuster. Sie wisse bis dato nicht, welche Absichten die US-Bomber tatsächlich hatten. «War es eine Notlösung? Es ging das Gerücht um, dass die Flieger von irgendwo herflogen und die Bomben abwerfen wollten, um zu flüchten», so Luisa Kuster. Gemäss historischer Forschungen warfen die Amis 36 Sprengbomben mit je 500 kg über den Ortsteilen Tisis und Tosters ab.

Das Ausmass sei nicht nur in der Stadt Feldkirch extrem gewesen. «Auch im freien Feld in Tosters befanden sich extrem grosse Löcher, die Einschlagstellen der Bomben. Die haben damals brutal abgeladen», hält Luisa Kuster fest, die zwar noch fast jedes Detail von damals weiss, schlaflose Nächte habe sie in den Folgewochen aber keine erlebt. Ihre Familie blieb von Toten verschont, Glück hatte indes ihr Schwager Franz Kuster (†). «Mein Schwager aus Schruns besuchte auch das Lehrerseminar, er hatte das Glück, dass er an jenem Tag zu Hause war. Wer weiss, was passiert wäre. Es war schlimm, vergessen habe ich den Luftangriff nie, bin aber mit der Situation gut zurechtgekommen», sagt Luisa Kuster.

Viele Jugendliche verloren ihr Leben
Feldkirch gilt als Studierstadt; viele Schulen waren schon damals dort beheimatet, u. a. die Stella Matutina. Die Lehrerbildungsanstalt, ein Schulinternat für angehende Lehrer aus nah und fern, befand sich in der Carinagasse. Über 100 junge Schülerinnen befanden sich unter den Toten; ihr Verhängnis war, dass sie sich wie das Gros der Menschen im Stiegenhaus aufgehalten hatten. Weitere 100 Menschen, vornehmlich Soldaten, Ordensschwestern und Pflegepersonal, starben im Reservelazarett I im Antoniushaus.
In Tosters ist in der Folge der Soldatenfriedhof St. Wolfgang mit einer kleinen Kapelle angelegt worden. «Das war notwendig, weil man nicht alle Leichen in ihre Heimatländer zurückführen konnte. Der Friedhof gilt auch als Erinnerungsstätte an die damaligen Ereignisse», präzisierte Luisa Kuster.

Zwei Jahre später kamen die Alliierten
Zwei Jahre später ging der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 zu Ende. Die Alliierten liessen sich im beschaulichen Feldkirch-Gisingen nieder. «Die Franzosen sind in Gisingen eingezogen. Da habe ich erstmals in meinem Leben einen Panzer und einen ‹Neger› gesehen. Schliesslich hatten wir nur im Dorf gewohnt und nichts von der weiten Welt gesehen. Die Franzosen hatten ihre Quartiere auf dem Dorfplatz aufgeschlagen», erzählt Luisa Kuster und weiss, dass fast 8000 Vorarlberger vom Krieg nicht mehr heimkehrten. «Ich kannte viele, die im Krieg gestorben sind. Meine Nachbarin hier in Gisingen hat ihren Vater nie kennengelernt.» Eine Erinnerung wird sie auch nie abschütteln: «In der Schule forderte unser tief religiöser Schulleiter, dass wir ihn täglich mit ‹Heil Hitler› begrüssen.»

05. Okt 2018 / 18:11
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