• Eugen Zotow als Selbstportrait mit typisch russischer Ernsthaftigkeit.  (zvg)

Angesehener Künstler und Geldfälscher

Zwischen 1938 und 1953 bereicherte ein russischer Künstler Liechtenstein. Einer Straftat wegen wurde er des Landes verwiesen.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine bewegte Zeit in Europa: Konkurrierende Ideologien, Revolutionen und zwei Weltkriege brachten viel Elend und einen demografischen Wandel über den westlichen Zipfel der eurasischen Platte. Während des von Nazideutschland ausgegangenen totalen Kriegs beherbergte Liechtenstein jüdische und nichtjüdische Emigranten. Viele von ihnen bereicherten das von den Kriegswirren – relativ – abgeschottete Fürstentum durch ihre Persönlichkeit und ihre Arbeit. So auch Eugen Zotow, welcher die Bewegungen in Europa als Zeitzeuge und anhand seiner Lebensgeschichte geradezu personifizierte. 

Russischer Intellektueller, wie er im Buche steht
1881 erblickte der Künstler Eugen Zotow, mit bürgerlichen Namen Ivan Miassojedow, im ukrainischen Charkiw, damals noch russisches Zarenreich, das Licht der Welt. Sein Geburtsjahr ist das Todesjahr des Autors Fjodor Dostojewskij. Auf den ersten Blick hatten der Schriftsteller und der Künstler nicht viel gemeinsam. Doch beide gehörten dem Typus des bärtigen russischen Intellektuellen des ausgehenden 19. Jahrhunderts an, der sich mit dem aufkommenden Sozialismus und Marxismus beschäftigte, gegensätzliche Gesellschaftsentwürfe ausarbeitete, sich zeitgenössischen Kunstrichtungen verpflichtet sah und in einem eigenwilligen Verhältnis zur orthodoxen Kirche stand. Und Zotow hatte auch dasselbe Interesse für Sprache wie sein literarischer Landsmann. So arbeitete er an einem Begriffslexikon, das als Grundlage für eine geordnete Zivilisation dienen sollte. Er vermutete hinter Kriegen, Machtspielen und der Dekadenz eine Loslösung von der ursprünglichen Bedeutung verschiedener Begriffe. Kurz und plump: Alles beruht auf einem Missverständnis. Deswegen sollten die rund 35 «alles bejahenden», von ihm erarbeiteten Begriffe in rund einer bis fünfzig Seiten beschrieben werden. Ein Projekt, dass nie veröffentlicht wurde, obwohl es bereits mehrere hundert Seiten an Entwürfen auf der Schreibmaschine in kyrillischen Lettern abgetippt wurden.

Kontakt mit Liechtensteiner Persönlichkeiten
Bei der Liechtensteiner Bevölkerung war Zotow hingegen vor allem wegen seinen Landschafts- und Portraitbildern, Briefmarkenserien und seinem Auftritt wegen beliebt. Auch malte er die Fürstenfamilie, beispielsweise ein Bildnis des damaligen Regenten Fürst Franz Josef II. «Zotow wurde unter den Liechtensteinern als ‹würdige Erscheinung› beschrieben», sagte der Historiker Peter Geiger diesbezüglich an einem Vortrag 2018. Er veröffentlichte übrigens im selben Jahr einen lesenswerten 61-seitigen Beitrag über das Leben von Zotow in Liechtenstein.
Zotow und seine Frau Malvina Zotowa hielten gesellschaftliche Kontakte und verkehrten beispielsweise im ­Roten Haus oder mit dem damaligen Landtagspräsidenten Anton Frommelt. Darüber hinaus pflegte es der Künstler, mit dem Triesenberger Pfarrer Albert Emmenegger und Frater Ingbert Ganss, der massgeblich beim Aufbau des Marianums beziehungsweise des Liechtensteinischen Gymnasiums beteiligt war, zu philosophieren. Doch laut Adulf Peter Goop, der 1958 den damals bereits verstorbenen Künstler würdigte, sei er im Grunde genommen ein einsamer und weltabgewandter Mensch gewesen.

Zeit in Liechtenstein eher schlecht als recht erlebt
1938, im Jahre des Anschlusses Österreichs und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, emigrierte Zotow nach Liechtenstein. Eine Handlung, zu der er sich zuvor schon einige Male gezwungen sah. In den Nachwehen der russischen Revolution und des Bürgerkrieges  flüchtete er mit seiner Frau 1919 aus seiner Heimat. Zwischenstationen seiner Odyssee waren unter anderem Lettland, Deutschland und Belgien. 
In Liechtenstein lebte Zotow 15 Jahre lang – jedoch mit kurzbefristeten Aufenthaltsbewilligungen, die er zunächst alle drei, dann alle sechs Monate schriftlich bei der Regierung schriftlich neu beantragte. Bei den jeweiligen Regierungssitzungen wurde jeweils dem Antrag zugestimmt. Er durfte keiner Profession nachgehen – ausser dem Malen. Durch verschiedene Aufträge konnte er sich und seine Frau so über Wasser halten und die Begründung, dass er noch verschiedene Werke fertigstellen musste, half ihm bei der Aufenthaltsbewilligung. Liechtenstein wurde selbst von den Werken des Künstlers und seiner Person bereichert. So trug die Zweckgemeinschaft für beide Parteien Früchte. Dennoch aufgrund der unsicheren Zukunft und dem brotlosen Gewerbe war die Situation des Ehepaars problematisch. 
Durch eine Straftat verschlimmerte sich diese noch weiter. Denn er versuchte, Geld zu fälschen, um den Plan der Veröffentlichung seines angestrebten Begrifflexikons in die Tat umzusetzen.

Das Geldfälschen wurde ihm zum Verhängnis
1947 sprachen zwei Beamte der Schweizer Bundesanwaltschaft bei der Liechtensteiner Staatsanwaltschaft vor. Sie hatten den dringenden Verdacht, dass der Künstler Eugen Zotow Pässe und Dollarnoten fälsche. Der Vorwurf bestätigte sich teilweise. Ihm wurde vor Gericht ein  Versuch der Straftat angelastet. Seine Strafe beinhalte zwei Jahre schweren Kerker verschärft durch ein hartes Lager vierteljährlich und eine Landesverweisung. Das Gericht konnte ihm nicht nachweisen, auch nur eine Dollarnote gefälscht zu haben. Ihm wurde vorgeworfen, mit dem gefälschten Geld Sowjetrussland unterstützen zu wollen. Ein Hauptzeuge, der diese These vor Gericht unterstützte, war Eduard von Falz-Fein. Der Angeklagte, der beinahe rund 20 Jahre zuvor von der Russischen Revolution floh, bezeichnete die Aussagen als Lüge. Jedoch war Zotow erst bereit, dass polizeiliche Verhörprotokoll zu unterzeichnen, als Passagen über seine antikommunistische Haltung gestrichen wurden. Dies hinsichtlich seiner Ex-Frau und deren Sohn, die sich immer noch in Russland aufhielten: «Aus dem Kontext von 1949 ergeht, dass seine geschiedene Frau und der Sohn noch im Sowjetbereich lebten und dort von Repression oder Tod bedroht wären, falls Zotow im Exil antisowjetisch oder antikommunistisch aktiv wäre», schrieb Peter Geiger. Nach seiner Haftstrafe wurde er des Landes verwiesen, doch durfte er zunächst für seine Reise, die 1953 zustande kam, Geld verdienen. Im selben Jahr, als er in Argentinien angekommen war, verstarb er. Die Witwe kehrte nach Liechtenstein zurück und verlebte dort ihren Lebensabend bis zu ihrem Tod 1972. (dab)

01. Dez 2019 / 20:55
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1 KOMMENTAR
Waren noch Zeiten
da hat man Kriminelle noch des Landes verwiesen.
Ich waere auch dafuer Strafanstalten generell als Kerker zu bezeichnen.
Hoert sich einfach dramatischer an.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 02.12.2019 Antworten Melden

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