• Christoph Beck  in Triesenberg
    Christoph Beck: «Ich will wissen, was den Triesenbergern am Herzen liegt.»  (Daniel Schwendener)

«Ich habe versucht, mich nicht zu verbiegen»

Seit 2015 übt Christoph Beck das Vorsteheramt in der Walsergemeinde aus. Im grossen #näherdran-Vorsteherinterview spricht er über seine Arbeit, die Zentrumsentwicklung, den WhatsApp-Nachrichtendienst und die Förderung des Walserdialekts.
Triesenberg. 

«Äns ischt für ünsch ganz eifach dr Gipfel, dass ihr bi ünsch uf Bsuach siid!», steht im Gemeinde-Gipfelbuch, das Gästebuch der Gemeinde Triesenberg, geschrieben. Langlaufstar Dario Cologna lacht zusammen mit Nathalie von Siebenthaler von der ersten Seite. Und auch Hanni Wenzel, Prinzessin Nora, Wolfgang Schädler und ganz viele Triesenberger haben sich im Buch verewigt. Jeder, der das Vorsteherbüro besucht, wird abgelichtet. Vorsteher Christoph Beck greift zu seiner Polaroid-Kamera – auch der Fotograf und ich dürfen uns vor dem Interview im Gästebuch eintragen.

Kein Vorsteher geniesst so eine Aussicht aus seinem Büro wie Sie. Ist es ein Privileg, Vorsteher von Triesenberg zu sein?
Christoph Beck: Für mich ist es klar ein Privileg. Ich kann Vorsteher von meiner Heimatgemeinde sein, von dem Dorf, wo ich mich wohlfühle, und kann den Bürgern mit meiner Arbeit etwas zurückgeben – und das in einem so tollen Büro. Und eines muss ich schon festhalten: Überall auf der Welt ist es schön, solange man wieder an den «Bärg» zurückkehren kann. Ich stehe manchmal am Fenster und schaue ins Tal, wenn ich über etwas nachdenken muss. So habe ich viele Ideen.

Dann gehen Sie jeden Tag gerne arbeiten?
Ja, «albi». Natürlich gibt es wie in jedem Beruf Aufs und Abs. Aber grundsätzlich ist es eine tolle und spannende Arbeit. Das Einzigartige am Vorsteher-Beruf ist ja, dass man beim Amtsantritt ins kalte Wasser geworfen wird. Auch wenn man sich vorher darüber informiert, weiss man nicht wirklich, was auf einen zukommt. Es gibt auch keine Probe- oder Kündigungszeit, sondern man ist für vier Jahre gewählt und dann kommt die Abrechnung (lacht).

Bald ist es ja mit den Gemeindewahlen wieder so weit. War für Sie klar, dass Sie nochmals für das Amt kandidieren möchten?
Natürlich habe ich mir nochmals Gedanken gemacht. Aber es war eigentlich klar, dass ich mich als Vorsteher weiter für Triesenberg einsetzen möchte. Schliesslich gibt es einige Projekte, die es noch umzusetzen gilt. Aber der Stimmbürger wird entscheiden, wie es weitergehen soll.  

Sie haben eine sehr direkte Art, sagen, was Sie denken, setzen sich aber auch stark für die Gemeinde ein. Wie wird das von den Bürgern wahrgenommen?
Das kann natürlich polarisieren. Ich habe versucht, mich in den vergangenen dreieinhalb Jahren nicht zu verbiegen – dann steht man allerdings auch dem einen oder anderen auf den Fuss. Wir werden sehen, wie meine Arbeit bei der Bevölkerung ankommt. Aber ich setzte mich mit meiner direkten Art für das Land und Triesenberg ein und das kann nicht verkehrt sein. 

Die Weiterentwicklung des Dorfzentrums ist wieder aktuell. Im März wurde der Bevölkerung ein Projekt präsentiert, welches barrierefreies Wohnen im Alter ermöglichen soll. Wie wurde das Projekt angenommen?
Positiv. Es gibt auch bereits konkrete Vorschläge, wie das Projekt umgesetzt werden könnte. Barrierefreies Wohnen ist ein Thema, das alle Gemeinden für eine längere Zeit beschäftigen wird. Wir werden älter und die Menschen benötigen eine Art Übergangsmöglichkeit, bevor sie in die nächste Stufe kommen. Dieses Bedürfnis ist da. Klar kann jedes Haus barrierefrei umgebaut werden, aber in Triesenberg spielt es eine grosse Rolle, wo die Menschen wohnen. Liegt das Haus an einer steilen Strasse, kann dies die Mobilität einschränken. Unser Dorfzentrum ist perfekt für barrierefreies Wohnen, da wir alle notwendigen Dienstleistungen im Zentrum haben. Es ist wichtig, dass die Menschen am Dorfgeschehen teilnehmen können. Deshalb ist das Projekt auch nur ein Teil der gesamten Zentrumsentwicklung.  

Wie ist bezüglich des Konzepts der Stand der Dinge?
Das Projekt wird jetzt in der Raumplanungskommission und einer Untergruppe des Gemeinderates behandelt. Bis Ende Jahr werden wir in Detailfragen weiter sein und können bestimmen, in welcher Zeitachse das Projekt umgesetzt und wie es finanziert werden soll. Wir gehören nicht zu jenen Gemeinden, die grosse Reserven haben. Deshalb werden wir uns wegen der Finanzierung nach der Decke strecken müssen. Die Finanzierung ist allgemein immer ein Thema bei uns.

Weshalb hat Triesenberg da so einen schweren Stand?
Wir sind flächenmässig die grösste Gemeinde im Land und haben dementsprechend grosse Herausforderungen. Ein Beispiel: Pro hundert Einwohner haben wir 1,5 Kilometer Strassen zu unterhalten und zwar meistens in einem steilen Gebiet. Im Vergleich zu anderen Gemeinden ist dies sehr viel. Dann haben wir drei Gebiete – sprich Triesenberg, Steg und Malbun –, sieben Gemeindealpen und ein riesiges Wasserversorgungsnetz von 2000 m ü. M. bis 750 m ü.M. zu bewirtschaften. Wir stemmen das alles mit einem Budget von 19 Millionen Franken. Anderswo steht dieses Geld nur für Investitionen zur Verfügung. Aber ich will hier nicht jammern. Es geht auch nicht darum, Geld anzuhäufen. Mir ist wichtig, dass die Ausgaben, die wir machen müssen, gedeckt werden können. Und deshalb setze ich mich mit aller Kraft dafür ein, dass hier wieder Schwung ins System kommt und das Problem auch gesehen wird.

Aus diesem Grund sind Sie betreffend des Finanzausgleichs in Kontakt mit der Regierung. Wie ist hier der Stand der Dinge?
Wir sind in Diskussion. Es geht uns darum, dass die Regierung das Problem des heutigen Finanzausgleichs und die daraus resultierende schwierige Finanzsituation von Triesenberg erkennt. Wichtig ist deshalb, dass die besondere Situation unserer Gemeinde aufgezeigt wird, wenn sich der Landtag mit dem Thema befasst.

Es ist ja auch so, das Malbun nicht nur von Triesenbergern als Naherholungsgebiet und Ferienwohnort genutzt wird.
Richtig. Das Berggebiet ist ein Teil der besonderen Aufgaben. Wir müssen das ganze Alpengebiet über 1100 Metern anschauen. Triesenberg hat neben der Pfarrkirche drei Bergkapellen, zwei Feuerwehrdepots und verschiedene Abfallsammelstellen. Und für diese Infrastruktur im Alpengebiet, dem Naherholungsgebiet der Liechtensteiner, kommt der Triesenberger Steuerzahler auf. Das soll aber nicht heissen, dass wir die Besucher nicht wollen. Im Gegenteil: Wir sind froh, dass sie da sind. Aber es kann nicht sein, dass die Triesenberger Bürger alleine für die Infrastruktur im Alpengebiet aufkommen müssen. Der Vorschlag des Regierungschefs, dass wir die Steuern erhöhen sollen, würde diese Ungerechtigkeit noch vergrössern. Das kommt für mich nicht infrage, da ich diese Ungleichheit nicht für gerecht halte. Wir suchen nach Lösungen, sind offen für Vorschläge, werden vom Gesetzgeber aber leider im Regen stehen gelassen.

Im Juni wurde die Strategie Berggebiet vorgestellt und auch der Naturpark Rätikon ist ein Thema. Wie wichtig ist der Tourismus für Triesenberg?
Der Tourismus ist für Triesenberg und das ganze Land sehr wichtig. Er bringt nicht nur viele Feriengäste, sondern auch Arbeitsplätze. Gerade in Triesenberg hängen viele Arbeitsplätze mit dem Tourismus zusammen. Direkt und indirekt. Das zeigt beispielsweise die grosse Bautätigkeit in Malbun, seitdem die Bergbahnen erneuert wurden. Würden die Bergbahnen fehlen, wären nicht so viele neue Häuser entstanden und einige Unternehmen hätten nicht so viele Aufträge gehabt. Tourismus hat also einen direkten, aber auch indirekten Nutzen für uns. Ausserdem hat der Tourismus eine Querschnittsfunktion. Nur für uns Liechtensteiner wäre es nicht möglich, das breite Angebot aufrechtzuerhalten. 

Grössere Vermarktung bedeutet auch mehr Touristen. In Malbun sorgt die Parkplatzsituation an schönen Wintertagen aber jetzt schon für Diskussionen. 
Das trifft für einige Wochenenden mit optimalen Wintersportverhältnissen sicher zu. Der Verkehr ist aber immer ein Thema. Momentan wird ein Richtplan für Steg ausgearbeitet, in welchem unter anderem auch der Verkehr beleuchtet wird. Im Zuge dessen wollen wir eine Verkehrsanalyse im Alpengebiet erstellen und so Lösungen finden, um das Problem in den Griff zu bekommen. Wir machen bereits einiges, um die Situation zu verbessern. Beispielsweise gibt es im Winter einen Shuttledienst. Alles ist sicher noch nicht optimal und wir versuchen, es zu verbessern. Eine Parkplatzbewirtschaftung kommt für mich nur für das gesamte Alpengebiet infrage. Kein Gebiet soll gegenüber den anderen benachteiligt sein. 

Workshop für das Gemeindeleitbild, Umfragen und Informationsveranstaltungen. Die Gemeinde Triesenberg bindet die Bürger in ihre Vorhaben ein. Wie wichtig ist das für die Triesenberger und wie wird es geschätzt?
Ein grosser Teil der Bevölkerung schätzt das sehr. Für mich und den Gemeinderat ist es wichtig, dass wir wissen, was die Leute bewegt und wo der Schuh drückt. Deshalb haben wir auch die Leitbildstrategie «Triesenberg läba. erläba.» entworfen. Ich will, dass man den Einwohnern die Möglichkeit gibt, ihre Meinung zu äussern. So stehe ich für jedermann fast jederzeit für ein persönliches Gespräch zur Verfügung. Es bringt nichts, wenn man sich hinter vorgehaltener Hand aufregt, aber den Verantwortlichen nichts sagt. Deshalb haben wir viele Gefässe geschaffen: Facebook, WhatsApp, Fragerunde, Zeitungen, Gemeindekanal und Dorfspiegel. Die Leute sollen immer auf dem aktuellsten Stand sein.  Das ist meine Art: Ich möchte, dass die Bürger zu mir kommen und sagen, was ihnen am Herzen liegt – und das machen viele auch.

Triesenberg ist die erste Gemeinde, welche die Einwohner über den Nachrichtendienst WhatsApp informiert. Wie kam die Gemeinde auf diese Idee?
Sie ist im Rahmen unseres neuen Leitbilds entstanden, da eine offene Kommunikation geschätzt wird. Zuerst war eine eigene App in Diskussion. Doch diese wäre im Unterhalt zu aufwendig gewesen und so kam die Idee für den Whats

App-Dienst auf. Wir haben mittlerweile über 350 treue Abonnenten. Das Angebot wird sehr geschätzt.
Kommen auch Rückmeldungen zu den WhatsApp-Nachrichten?

Ja. Manchmal ist es ein Dankeschön, manchmal eine Frage oder auch Bilder werden geschickt. Beispielsweise bekamen wir ein Bild von einer Mücke, da der Entdecker vermutete, es könnte eine Tigermücke sein. Wir haben das Bild beim zuständigen Amt analysieren lassen. Und so gibt es immer wieder einen Austausch. Der erste Satz der Nachricht ist jeweils in Triesenberger Dialekt geschrieben, was ebenfalls sehr gut ankommt. Manchmal werden wir sogar korrigiert. Auch wenn unsere Gesellschaft immer moderner wird, merke ich doch, dass die jungen Bürger sich wieder vermehrt auf ihre Werte besinnen. Der Walserdialekt wird wieder wichtiger. Und deshalb ist es auch wichtig, dass wir ihn pflegen und so gut es geht erhalten können. 

Und wie soll der Walserdialekt gefördert werden?
Das ist kein einfaches Thema. Die Triesenberger sind schon lange nicht mehr unter sich und das hört man natürlich auch. Dass Triesenberger Triesenbergerinnen heiraten und umgekehrt, ist wohl eher selten. Meine Frau ist auch eine Unterländerin, was natürlich nicht verkehrt ist, aber sie spricht natürlich kein «Bärgerisch» und so verwässert der Dialekt mit der Zeit. Grundsätzlich können wir nicht viel mehr machen, als die Kanäle, die wir haben, mit «Bärgerisch» zu besetzen und auch die Ahnenforschung macht viel. 

Die Ahnenforschung ist in der Dialektförderung aktiv. Beispielsweise hat sie im Juli einen Dialekt-Schreibkurs durchgeführt. Ist auch in der Schule etwas zur Dialektförderung geplant?
Das werden wir in Zukunft sicher anschauen müssen. Aber dann müssten die Lehrpersonen natürlich auch «Bärgerisch» sprechen können. Wenn sich die Schüler eine Stunde im Jahr mit dem Walserdialekt befassen, ist dies natürlich zu wenig.  

Und wenn man eine «Bärgerisch»-Stunde mit einem waschechten Triesenberger einführen würde?
Das könnte ich mir schon vorstellen. Aber das müsste natürlich auch in den Schulplan passen. Aber unser Schulleiter ist dafür bestimmt sehr offen. (manu)

21. Aug 2018 / 07:30
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