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    Anika Benz-Negele ist diplomierte Orthopädie-Technikerin und seit einigen Jahren im Familienunternehmen tätig. Bild: A. Mennel  (Albert Mennel Tel. +423 777 80 80)

Ein boomendes Handwerk

Vom Schuhmacher bis zum heutigen Orthopädiefachgeschäft war es ein langer Weg. Im Familienbetrieb Negele Orthopädie in Triesen ist heute die vierte Generation tätig. Existenzerhaltende Entscheidungen mussten in der Vergangenheit getroffen werden.

Interview: Nathalie Bagnoud 

Anika Benz-Negele ist diplomierte Orthopädie-Technikerin und im Familienbetrieb Negele Orthopädie aktiv. Die Firmengeschichte nimmt ihren Anfang mit Ihrem Urgrossvater Gebhard Negele, der im Triesner Oberdorf eine Schuhmacherei gründete.

 
Was wissen Sie über die Entstehungsgeschichte? 
Anika Benz-Negele: Obwohl die Gemeinden damals wesentlich kleiner waren, gab es meistens mehrere Schuhmacher im Dorf. In Triesen war einer davon mein Urgrossvater, der im Oberdorf, am Bach 47, eine Schuhmacherei betrieb. Die allmählich aufkommende industrielle Herstellung von Schuhen brachte es dann aber mit sich, dass handgefertigte Schuhe der Dorfschuhmacher immer weniger gefragt waren. Folglich ergänzte sein Sohn Josef mit seiner Frau Maria die Schuhmacherei mit einem Schuhhandel und führte den Betrieb an der Dorfstrasse in Triesen weiter. Eine Generation später entschied sich Sohn Donat, also mein Vater, sich primär auf die Versorgung von Problemfüssen zu spezialisieren. 1991 erlangte er das Meisterdiplom als Orthopädieschuhmacher und ist nach wie vor täglich im Geschäft aktiv. Seit 2014 kann ich, als vierte Generation nun auch meinen Teil beitragen. Ich bin diplomierte Orthopädie-Technikerin. Damit kann ich das bisherige Angebot, welches sich hauptsächlich auf orthopädische Versorgungen für den Fussbereich beschränkte, wesentlich erweitern. Als Orthopädie-Technikerin biete ich orthopädische Hilfsmittel für den ganzen Körper an. Aber auch für den Bereich Orthopädie-Schuhmacher sieht es ganz nach familieninterner Nachfolge aus, denn mein Bruder, welcher derzeit als Orthopädie-Schuhmacher in Zürich arbeitet, ist bereits in der Vorbereitung zur Meisterprüfung.  


Sie haben es bereits angesprochen: In der Geschichte des Betriebs gab es einen wesentlichen und wichtigen Wechsel. Wieso kam der Entscheid, vom Schuhhandel zum orthopädischen Fachgeschäft umzusteigen?
Das «Handwerkerln» scheint uns besser zu liegen, als das Handeln. Der Entscheid für die Spezialisierung in Richtung Orthopädie-Fachgeschäft war rückblickend wohl existenzerhaltend. Wir sind - als einziger Liechtensteiner Anbieter - sowohl als Orthopädietechniker wie auch als Orthopädieschuhmacher anerkannter Vertragslieferant der Schweizer Sozialversicherungen. Die Kombination der beiden Berufe bietet viele Möglichkeiten. Jeder Fall ist anders – das macht meinen Alltag spannend.

Welche Rolle übernehmen Sie konkret im Familienunternehmen?
Während der Öffnungszeiten  bediene ich meist Kunden. Diese kommen vorwiegend mit ärztlicher Überweisung und nach Terminvereinbarung. Die Beratung ist anspruchsvoll, gilt es doch oft, nicht nur eine technisch funktionierende Lösung zu bieten, sondern auch auf die Persönlichkeit und weit möglichst auch auf ihre Wünsche einzugehen. Und wenn ich nicht bediene, dann gilt es Kundendossiers zu erstellen, Bestellungen zu machen, Arbeiten vorzubereiten. Die zweite Tageshälfte, in welcher wir keine Kunden bedienen, wird in der Werkstatt gearbeitet. Die sich dabei ergebenden Schnittstellen von Orthopädietechnik und Orthopädieschuhmacher bringen oft interessante Lösungen hervor.

Für manche Personen wäre es unvorstellbar in einem Familienunternehmen einzusteigen. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile? 
Es gibt einige. Beispielsweise ist das Vertrauen von Anfang an vorhanden. Klar gibt es auch gewisse Hürden, die gemeinsam genommen werden müssen. Jedoch denke ich, dass wir gemeinsam einen guten Weg gefunden haben und dass die Zusammenarbeit immer besser wird.
War es Ihr Wunsch oder doch Vorbestimmung in dem Betrieb mitzuarbeiten?
Das kann ich sehr bestimmt sagen: Es war ganz klar mein Wunsch. Bevor wir mit dem Geschäft an die Landstrasse 310 in Triesen umgezogen sind, befand sich das Geschäft im Erdgeschoss unseres Wohnhauses an der Dorfstrasse in Triesen. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, lief ich meistens zuerst ins Geschäft rein um meinem Vater «Hoi» zu sagen. Ich bin mit all dem hier aufgewachsen. Die Kombination von Handwerk und «Gesundheitsdienstleister» sowie die Vor–und auch Nachteile der Selbständigkeit haben mich schon immer interessiert. Als es bei mir als Jugendliche um die Berufswahl ging, war die Entscheidung relativ rasch gefällt. 

Wie war Ihr Berufsweg? 
Den Beruf meines Vaters kannte ich ja und fand ihn auch sehr spannend. Trotzdem habe ich mich dann nach einer Schnupperlehre als Orthopädie-Technikerin dort beworben und dann die Lehrstelle bekommen. Orthopädie-Techniker absolvieren eine vierjährige Berufslehre, lehrbegleitend konnte ich die Berufsmatura absolvieren. Danach war «Berufserfahrung sammeln» in Zürich und St. Gallen an der Reihe, parallel dazu besuchte ich das Schweizerische Institut für Unternehmerschulung. An der Meisterschule für Orthopädietechnik in München erlangte ich 2014 das Meisterdiplom.

Sie arbeiten in einem Bereich, in dem der Kundenkontakt zentral ist. Welche Erfolgsgeschichten sind Ihnen präsent?
Oh, davon gibt es viele, grössere und kleinere. Eindrücklich ist natürlich immer, wenn ich jemanden im Rollstuhl oder mit Krücken kennenlerne und er einige Zeit später mit «meinem» Hilfsmittel wieder gehfähig ist. Schön ist, wenn solche Leute dann auch eine Dankbarkeit ausstahlen, weil sie beispielweise wieder vermehrt ihren Hobbies und Berufen nachgehen können. Aber auch kleinere Arbeiten wie eine orthopädische Schuheinlage, mit der jemand wieder schmerzfrei in die schöne Bergwelt gehen kann, ist für mich  immer wieder ein Highlight.

Wer gehört sonst noch zum Kundenstamm?
Die ganze Bandbreite ist vertreten. Alle Altersklassen, von Personen mit einfachen Problemen bis zu Patienten mit erheblichen Grunderkrankungen, welche nicht selten Ursache für die Benötigung eines orthopädischen Hilfsmittels sind. Mehrmals wöchentlich kommt es auch vor, dass ich im Altersheim oder Spital bediene, wobei ich dies aus Zeitgründen auf ein Minimum reduziere. 

Des öfteren verlieren Geschäfte ihre Kunden ans Ausland. Heisst: Die Ware wird im Internet billiger bestellt. Ist dies bei euch bemerkbar? 
Nein, das ist bei uns überhaupt kein Thema. Natürlich kann man konfektioniere Bandagen überallher beziehen. Ob dann die Handhabung und die Funktionalität gegeben ist, ist fraglich. Da aber konfektionierte Bandagen in unserem Geschäft ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen, tut uns das auch nicht weh. Als Orthopädiegeschäft sind wir in Liechtenstein einzigartig. Dazu kommt, dass unsere Produkte meist massgefertigt sind und nicht einfach in einem Internetshop bezogen werden können. Zudem erfolgt die Abrechnung der «grossen Arbeiten» vielfach direkt mit den Versicherungen. Die Berechtigung für diese direkte Abrechnungen setzt eine berufliche Qualifikation voraus, welche der Internetshop nicht bieten kann und welche wir als einziger Liechtensteiner Anbieter haben.

07. Jun 2018 / 06:00
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