• Politik-Hochburg Schellenberg
    Gemeinsamer Nenner Schellenberg (v. l.): Jürgen Goop (FBP), Dietmar Lampert (VU), Patrick Risch (FL), Herbert Elkuch (DU) und Johannes Kaiser (PU).

Die geheime Politik-Hochburg

Die fünf «Schellenberger Spitzenpolitiker» Johannes Kaiser, Patrick Risch, Herbert Elkuch, Jürgen Goop und Dietmar Lampert im Gespräch über die Besonderheiten der Politik auf Gemeindeebene sowie ihre Heimat.

Schellenberg ist eine versteckte Politik-Hochburg. Im aktuellen Landtag sind vier Abgeordnete aus der flächenmässig kleinsten Gemeinde des Landes vertreten: Herbert Elkuch (DU), Patrik Risch (FL), Johannes Kaiser (PU) und Peter Wachter (DU, stv.). In der vergangenen Mandatsperiode waren mit Peter Büchel (VU) im Landtag und Thomas Zwiefelhofer (VU) als Regierungschef-Stellvertreter zwei weitere Schellenberger in der Landespolitik. VU-Parteipräsident Günther Fritz ist ebenfalls in Schellenberg zu Hause. Das «Vaterland» sprach mit fünf Politikern aus Schellenberg, die auf Gemeinde- oder Landesebene aktiv sind. Der Termin fand während einer Landtagssession statt, deshalb waren die Ortsgruppenvorsitzenden der FBP und VU,  Jürgen Goop und Dietmar Lampert, zuerst anwesend.

Wie läuft es in der Ortsgruppe?
Jürgen Goop: In Schellenberg kommt man eher noch an die Leute ran. Es wird zwar auch schwieriger. Wir denken, dass hier ein Weg über die sozialen Medien führt, dass man daran nicht mehr vorbeikommt. Heutzutage fühlen sich die Menschen einfach weniger einer Partei zugeordnet. 

Dietmar Lampert: Obwohl man oft von einer Politikverdrossenheit spricht: Politik braucht es für das Zusammenleben in der Gesellschaft und dass es Parteien braucht, ist die logische Folge davon. Es müssen verschiedene Positionen dargelegt werden können. Personen müssen rekrutiert werden, die sich für die Gemeindepolitik einsetzen, in Kommissionen oder im Gemeinderat. 

Wie klingt eine Absage?  
Dietmar Lampert: Die Angefragten verwerfen nicht gleich die Hände, sondern fühlen sich geehrt, dass man an sie gedacht hat. Aber sich aktiv einzusetzen im Namen einer Partei – da sieht es dann anders aus. Es werden Gründe wie berufliche Verpflichtungen, andere Freizeit- Aktivitäten oder die Familie angeführt.

Wie schaffen Sie es, alles unter einen Hut zu bringen?
Dietmar Lampert: Als mich der damalige Vorsteher Walter Kieber das erste Mal für eine Gemeinderats-Kandidatur anfragte, hatte ich ebenfalls Bedenken, wegen der Familie, des Berufs und wegen der Weiterbildung. Ich habe mir dann einfach gesagt, ich mache das jetzt, ich möchte mich zum Wohle der Einwohner von Schellenberg einsetzen. Bereut habe ich diesen Schritt nie und kann ihn jungen Leuten nur empfehlen; ihre Persönlichkeit wird dadurch weiterentwickelt.

Jürgen Goop: Es ist doch eine Motivation, Leute zu überzeugen, dass eine Schlechtrederei nichts bringt und man sich selber einbringen soll, um Besseres zu erreichen. Hürden können nur genommen werden, wenn auch kritische Stimmen bei der Lösungssuche im Boot sind.

Wie tragen die Bürger ihre Themen an Sie heran?
Jürgen Goop: Ich bin Mitglied bei  der Feuerwehr, dadurch kriege ich einiges mit und treffe regelmässig 35 verschiedene Personen aus allen Altersgruppen von 20 bis 60. Telefonate gibt es seltener und nur dann, wenn jemand persönlich ein Anliegen hat. 

Was macht die Ortsgruppe?
Dietmar Lampert: Bei der alljährlichen Jahresversammlung wird über aktuelle Themen aus der Gemeinde- und Landespolitik berichtet. Wir bieten einen Seniorenstamm zusammen mit den Ortsgruppen von Ruggell und Gamprin-Bendern an. Unser Ziel ist, jedes Jahr einen gesellschaftlichen Anlass durchzuführen. Zu den ständigen Aktivitäten gehören die Besuche bei den runden Geburtstagen ab 70 Jahren. Wir gehen persönlich vorbei und überreichen ein kleines Präsent. Vor Weihnachten besuchen wir rund 45 Senioren ab 70. 

Jürgen Goop: Dieses Jahr feiert unsere Landespartei das 100-Jahr-Jubiläum, da wird es zusätzliche Anlässe geben. Wir gehen ebenfalls zu den Geburtstagen ab 70 und machen jeweils ein Weihnachtsgesteck. 2018 ist natürlich noch die Nominationsversammlung für die Gemeindewahlen 2019, die wir in einem gemütlichen Rahmen gestalten wollen. 

Wie stehen Sie zur geplanten Mobilfunkantenne?
Jürgen Goop: Ich wohne Luftlinie sehr nah am geplanten Standort, bin aber trotzdem dafür. Heutzutage will jeder telefonieren, aber niemand eine Antenne in der Nähe. Dabei ist man ständig von Strahlung umgeben, sei es durch fremde und öffentliche WLANs oder andere elektrische Geräte.

Dietmar Lampert: Ich bin grundsätzlich auch dafür. Beim Netzausfall-Desaster der Telecom Liechtenstein hat man gesehen, wie wichtig es ist, dass es parallel eine Infrastruktur gibt, die unabhängig vom Festnetz ist.

Wie sehen Sie Schellenberg im Jahr 2028?  
Jürgen Goop: Wir werden ein besseres Mobilfunknetz haben. Trotz reger Bautätigkeit wird Schellenberg weiterhin eine attraktive Wohngemeinde sein. Der grosse Vorteil von Schellenberg: Es gibt keinen Durchgangsverkehr. 

Dietmar Lampert: Schellenberg kann den dörflichen, ländlichen Charakter, umrahmt von einem wunderschönen Naherholungsgebiet, sicher beibehalten, obwohl es eine gewisse Bautätigkeit immer geben wird. Meine leise Kritik ist, dass eine Gesamtstrategie für die Zukunft fehlt: Ein Dorf wie Schellenberg muss eine Strategie haben. Wir sollten einen Fahrplan erstellen, wo Schellenberg in zehn oder zwanzig Jahren stehen will. 

Haben Sie Tipps für Zuzüger?
Dietmar Lampert: Es liegt an den Zuzügern, den Kontakt zu suchen, denn der Einheimische geht ja nicht bei den Zugezogenen hausieren. Ideal ist natürlich ein Vereinsbeitritt oder der Austausch  innerhalb der Nachbarschaft. Auch über die Kirche kann man Kontakte knüpfen.

Jürgen Goop: Zuzüger sollen am besten in die Dorfbeiz gehen – zum Glück haben wir noch eine. Es liegt an jedem selbst, sich zu integrieren. Schellenberg ist sicher sehr offen für Zugezogene. 

Die Wirtschaft hat in Schellenberg keine Bedeutung. 
Jürgen Goop: Schellenberg hat keine Gewerbezone, daher ist es entsprechend schwer, Betriebe anzusiedeln. Der Gemeinderat hat das Ziel, eine ausgeglichene Jahresrechnung zu präsentieren.  

Dietmar Lampert: Im Verhältnis hat Schellenberg sehr wenige Arbeitsplätze. Aber wenn man sich vor Augen führt, wie viele Schellenberger Unternehmer erfolgreich Firmen gegründet und aufgebaut haben, dann ist das schon beachtlich, man denke beispielsweise an Wilfried und Edwin Wohlwend, Adolf Goop, Dietmar Büchel, Alexander Goop selig, Rainer Götz, Roland Elkuch, Herbert Elkuch und einige weitere. Aus Platzgründen mussten diese Firmen alle in andere Gemeinden umziehen … 

… bleiben im Herzen aber Schellenberger … 
Dietmar Lampert: … aber die Steuergelder fliessen anderswo.  

Wie beurteilen Sie das Vereinsleben in Schellenberg? 
Jürgen Goop: Wir haben alle klassischen Vereine in Schellenberg. Man hört durchs Band, dass es immer schwieriger wird, Nachwuchs  zu gewinnen. Engagierte, die sich ein, zwei oder sogar drei Mal pro Woche Zeit nehmen. Bei der Feuerwehr haben wir alle Zuzüger der letzten zehn Jahre angeschrieben und einen Schnuppertag organisiert, um den Verein vorzustellen. Es kamen genau zwei Personen. 

Patrick Risch und Herbert Elkuch treten ein, sie kommen vom Landtag.  

Patrick Risch: Schellenberg scheint ja die grösste Auswahl an Parteien zu haben …  

Johannes Kaiser tritt ein. 
Patrick Risch:
… beziehungsweise  an Wählergruppen. 

Sie sind sowohl im Schellenberger Gemeinderat als auch im Landtag – wie unterscheiden sich die Aufgaben?
Patrick Risch: Es sind zwei ganz unterschiedliche Arbeiten: Auf Landesebene befasst man sich mit der Gesetzgebung. Auf Gemeindeebene ist man viel näher an konkreten Themen, man muss Aufträge vergeben, Budgets kontrollieren. Beides macht aber gleich viel Spass. 

Johannes Kaiser, 12 Jahre Vorsteher in Mauren, seit 17 Jahren im Landtag: Verfolgen Sie die Politik in Schellenberg?
Johannes Kaiser: Ja, dort wo man wohnt, verfolgt man das automatisch mit. Der unmittelbare Lebensraum interessiert am meisten. Auf Gemeindeebene ist man viel näher bei den Bedürfnissen und den Anliegen und spürt direkt die Auswirkungen und das Feedback. Im Landtag ist man eher mit allgemeinen Themen befasst und muss sich engagieren, damit man am Puls des Volkes bleibt. 

Wie ist es bei Ihnen, Herbert Elkuch? 
Herbert Elkuch: Ich bin in Schellenberg geboren und wohne Zeit meines Lebens dort. Schellenberg ist eine Wohngemeinde und hat sehr wenig Gewerbe, Industrie sowieso nicht, weil es auch keine entsprechende Zone gibt. Ich finde das nicht gut, denn es gibt viele Betriebe, die in Schellenberg aufgebaut wurden, aber aufgrund des Wachstums von der Gemeinde wegziehen mussten. Es müsste nicht gleich eine Industriezone sein, sondern eine Gewerbe- oder eine gemischte Zone. 

Das wäre ein Argument für die Mobilfunkantenne. Sie sind dagegen, Patrick Risch. 
Patrick Risch: Ich bin dafür, dass man noch Alternativen sucht, bevor man eine Antenne aufstellt, denn die strahlt ständig. Ich wünsche mir, dass wir Alternativen abklären. Doch die Rückmeldungen des Amts für Kommunikation zeugten von überschaubarem Interesse, vielleicht weil es auch die teurere Variante wäre. 

Herbert Elkuch, wo trifft man Sie in Schellenberg? 
Herbert Elkuch: Treffpunkte gäbe es genügend. Ich habe die Firma in Eschen, auch mein Büro. Mittags esse ich in der Firma. Praktisch ist die Integration der Post im Laden wegen der längeren Öffnungszeiten, meistens kaufe dann noch ein paar Lebensmittel ein. 

Ist Schellenberg konservativ?
Patrick Risch: Der Gemeinderat war damals geschlossen gegen das Partnerschaftsgesetz, das war mein Auslöser zu kandidieren. Ich sagte mir: Entweder ich gehe in den Gemeinderat oder ich wandere aus. Mittlerweile ist es nicht mehr so konservativ, schliesslich bin ich ja im Gemeinderat.  

Wie eigenständig soll oder kann eine kleine Gemeinde wie Schellenberg sein? 
Johannes Kaiser: Schellenberg wie alle Unterländer Gemeinden zeichnet aus, dass man ganz einen anderen Flair hat, miteinander etwas zu machen und zu schauen, was man gemeinsam organisieren kann. Das sehe ich bei den Oberländer Gemeinden weniger. Unterländer Gemeinden müssen vielleicht auch eher aufgrund ihrer Kleinheit zusammenarbeiten. 

Ist dereinst eine Gemeindefusion denkbar? 
Patrick Risch: Sollte es ein Thema werden, muss man sicher offen dafür sein. Liechtenstein hat die Grösse einer kleineren Stadt. Vielleicht reichen zwei bis drei Gemeinden tatsächlich. 

Herbert Elkuch: Die Gemeinden sollen autonom bleiben, aber wo es sinnvoll ist, sollen sie zusammenenarbeiten, wie es vielfach bereits stattfindet. Alles, was Vereinsleben ist, soll in der Gemeinde bleiben. Und sonst soll der Verein von sich aus Kooperationen über die Gemeindegrenzen suchen.

Johannes Kaiser: Mit Fusionen würden die Gemeinden die wichtige Identität mit der eigenen Heimat verlieren. Viel eher muss man prüfen, wo eine Zusammenarbeit sinnvoll ist und wo nicht. Als Vorsteher von Mauren hatte ich so ein Erlebnis: Sowohl wir als auch Eschen benötigten ein neues Feuerwehrgebäude. Ich rief den Eschner Vorsteher Günther Wohlwend an und brachte den Gedanken auf, ein gemeinsames Depot zu errichten. Auf dem Papier sah es sehr sinnvoll aus, aber in der Praxis hätte das einen schwerwiegenden Einfluss gehabt: Wir wollten das Dorf- und Vereinsleben nicht negativ beeinflussen und so hatte dies klare Priorität. Aus einer gut gemeinten Sache wäre sonst unter dem Strich ein grosser Verlust für die Feuerwehren von Mauren und Eschen entstanden. Wir liessen schliesslich die Finger davon. 

Sehr geehrte Herren, besten Dank für das Gespräch! 

03. Apr 2018 / 08:55
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