• Daniel Hilti, Schaan
    Nun gilt es zu optimieren, sagt Daniel Hilti  (Tatjana Schnalzger)

«Den Wohlstand richtig einsetzen»

Kein anderer Vorsteher des Landes hat bei den letzten Wahlen einen so grossen Rückhalt aus der Bevölkerung erfahren wie Daniel Hilti. Kein Wunder. Er ist ein Macher. Er ist authentisch. Er sagt, was er denkt. Und hat das Herz am rechten Fleck. Das grosse Interview.

Herr Hilti, wie erklären Sie einem 5-Jährigen, was Politik ist? Was ist die Aufgabe eines Politikers?

Daniel Hilti: Ich würde ihm sagen: Politiker sind Menschen wie du und ich. Alles, was nicht in deiner Wohnung passiert, ist Politik. Denn alles, was in der Öffentlichkeit passiert, wird über die Politik geregelt. Ein Politiker kümmert sich also um alles, was im Dorf passiert. Er sorgt dafür, dass sich alle Menschen, egal ob jung oder alt, wohlfühlen. Es geht um Spielplätze, die Schule und die Schulwegsicherung, die Vereine, die Polizei, die Natur und um vieles mehr. Der Politiker achtet auch darauf, dass Regeln eingehalten werden, damit ein friedliches Zusammenleben möglich ist.

Was muss ein Vorsteher neben seinen fachlichen an persönlichen Voraussetzungen mitbringen?

Er muss ein Gespür für die Menschen haben. Es ist wichtig, dass er bei den Leuten ist, ihnen zuhört und sich mit ihnen austauscht. Nur dann entwickelt er ein Gespür für Volkes Wille – was natürlich nicht bedeutetdass alles umsetzbar ist, was gewünscht ist. Ausserdem sollte ein Vorsteher über eine «dicke Haut» verfügen bzw. er muss sich diese im Laufe der Zeit aneignen. Das Aufgabengebiet eines Vorstehers ist enorm breit und so ist er naturgemäss mit vielen Geschichten und auch Schicksalen konfrontiert, die nahegehen können. Und: Ein Vorsteher muss auch bereit sein, auf einiges zu verzichten. Der Terminkalender lässt nicht viel Freizeit zu. Ich bin sehr froh, dass meine Familie und Freunde das seit bald 16 Jahren akzeptieren.

Haben Sie von Beginn an über diese «dicke Haut» verfügt?

Nein, definitiv nicht. Ich musste sie mir aneignen. Als blutiger Anfänger im Rathaus habe ich relativ schnell erkannt, dass ich im Umgang mit schwierigen und persönlichen Geschichten eine Strategie für mich entwickeln muss, wie ich damit umgehen kann und soll. Dabei war es mir aber wichtig, mir nicht einfach einen «Panzer» zuzulegen und gar nichts mehr an mich heranzulassen. Dadurch würde ja auch das Gespür für die Menschen verloren gehen. Am Ende, so denke ich, habe ich eine gute Mischung gefunden.

Ausserdem sind Sie offenbar auch nach 16 Jahren weiterhin bereit, auf einen grossen Teil ihrer Freizeit zu verzichten. Warum?

Weil ich den Beruf nach wie vor enorm spannend finde. Aufgrund des breiten Aufgabengebiets entspricht er meinem Naturell. Es wird nie langweilig und kein Tag ist wie der andere. Dabei auch noch mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, erfüllt mich.

Während bald 16 Jahren im Amt haben Sie bestimmt so einiges gehört. Welches Argument können Sie nicht mehr hören?

Brauchen wir nicht, ist zu teuer, geht nicht. Für mich ist es beängstigend, dass wir uns in Liechtenstein mit dem Kritisieren und «Vernüten» von Projekten und dem Neinsagen begnügen.

Sie wurden bereits 2003 zum ersten Mal in das Amt des Vorstehers gewählt. Wie hat sich Schaan seitdem verändert? Was würden Sie als grösste Errungenschaft bezeichnen?

Da gibt es natürlich sehr viele (lacht). Das zentralste und wichtigste Infrastrukturprojekt war sicher die Umsetzung des SAL mit dem Lindaplatz und Lindahof. Das hat uns im Zentrum auf einen Schlag ganz viele Möglichkeiten eröffnet. Aber auch der Grosskreisel …

Ist es nun ein Grosskreisel oder nicht?

Nein, eigentlich nicht – es handelt sich um eine normale Einbahnführung. Wenn man schon von einem Kreisel reden will, dann höchstens von dem Teil, der um die Linde führt. Aber dabei handelt es sich auch eher um einen «Viereckel». Aber das Wort Grosskreisel hat sich einfach eingebürgert.

Also war auch diese neue Verkehrsführung eine grosse Errungenschaft.

Ja. Sie war enorm wichtig, um den Verkehr im Dorf zu entflechten. Das sowie die Schaffung eines Zentrums haben es ermöglicht, dass die Schaaner wieder gerne im Dorf wohnen und leben.

Das waren erst zwei Errungenschaften …

Was mir die Gelegenheit gibt, das Projekt «Wohnen im Alter» zu erwähnen, das mir ebenfalls sehr am Herzen lag. Wir konnten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Alters- und Pflegeheim Haus St. Laurentius 11 Alterswohnungen bauen, die sehr gut genutzt werden. Das erspart vielen älteren Menschen den direkten Umzug ins Altersheim, wenn sie im Alltag auf bestimmte Hilfe angewiesen sind. Hier erhalten sie Hilfe und können ihr Leben trotzdem selbstbestimmt führen. Sehr stolz bin ich auch darauf, was wir im Bildungsbereich geschaffen haben. Mit der Kita, den Tagesstrukturen, der Tagesschule und der Umstellung auf altersdurchmischtes Lernen können wir ein «Schulpaket» anbieten, das allen Eltern in allen Lebenssituationen entgegenkommt. Wie gut das Angebot ankommt, spüren wir vor allem bei Neuzuzügern. Nachfragen zeigen, dass viele Familien bewusst nach Schaan ziehen, weil der Schul- und Bildungsbereich für Kinder einfach sehr gut abgedeckt ist. Das hören wir natürlich sehr gerne.

Und was muss in Schaan unbedingt noch umgesetzt werden?

Infrastrukturmässig haben wir die Hausaufgaben im Zentrum gemacht. Der Fokus der nächsten Jahre liegt auf der Optimierung. Künftig soll zudem verstärkt in den Naturbereich investiert werden. Wir haben der Natur durch die Bauten etwas genommen, nun wollen wir ihr wieder mittels Renaturierungen und Baumbepflanzungen etwas zurückgeben und einen Ausgleich schaffen. Gewisse Grünflächen sollen auch bei Neuprojekten ganz bewusst ausgeschieden werden. Weitere Aufgaben, die anstehen: Die letzte Etappe der neuen Verkehrsführung wird umgesetzt. Und wir wollen Schaan wieder zu mehr Läden und Restaurants verhelfen. Diese können wir zwar nicht verordnen, werden aber,wo möglich, helfen damit noch mehr Leben im Zentrum entstehen kann. Das bedingt auch, dass wir die zunehmende Verkehrsbelastung im Auge behalten. Wollen wir einen Verkehrskollaps verhindern, muss endlich eine Lösung gefunden werden. Wie diese dann aussieht, sei dahingestellt. Aber wir müssen uns damit noch einmal ganz intensiv auseinandersetzen.

Sie sind auch ein Verfechter der S-Bahn FL.A.CH. Würden Sie sich wünschen, dass diese als Teil der Verkehrsproblematik noch unter ihrer Ära als Vorsteher realisiert wird?

Ja, natürlich. Hoffen darf man ja (lacht). Ich fürchte aber, das wird ein schwieriges Unterfangen. Vielleicht gelingt es, die wichtigsten Leitplanken zu setzen, um das Verkehrsproblem langfristig entschärfen zu können. Ich bin je länger je mehr davon überzeugt, dass die Liechtensteiner sehr wohl bereit sind, viel Geld  zu investieren, wenn ein sinnvolles Gesamtpaket vorliegt.

Auch wenn es in Vaduz ganz und gar nicht gerne gehört wird: Schaan wird immer wieder als der «heimliche Hauptort» bezeichnet. Warum?

Ich hatte das Glück, dass ich in Schaan auf einer guten Grundlage beginnen konnte. Es war nicht viel vorhanden und so konnte ich quasi «in die Vollen» gehen und viel realisieren. Weil wir es geschafft haben, die Schaaner in die Projekte einzubinden, hat sich in den letzten Jahren zudem eine gewisse Euphorie breit gemacht, die spürbar ist. Und die zahlreichen Veranstaltungen, in welche die Vereine eingebunden sind, haben Identität gestiftet. Sie sehen, es war ein Weg, den ganz viele Menschen mitgegangen sind. Sie alle haben es ermöglich, dass Schaan heute besser dasteht denn je. Unser Motto «Tue Gutes und sprich darüber» hat offenbar sein Übriges dazugetan. Was die Gemeinde Vaduz betrifft: Es ist ja nicht so, dass es dort weniger Restaurants oder Bars gibt. Und auch das Städtle mit der fussgängerfreien Zone ist sehr schön. Was in Vaduz aber offenbar noch nicht ganz gelungen ist, ist ein Miteinander zu schaffen. Vielleicht liegt es daran, dass Vaduz als Hauptort eine ganz andere Aufgabe und Funktion hat als Schaan.

Als bestgewählter Vorsteher des Landes werden Sie ja auch hier und dort schon mal als künftiger Regierungschef gehandelt. Setzt Sie das unter Druck? Käme dieses Amt für Sie überhaupt infrage?

Nein und nein.

Sie kandidieren also aus Überzeugung noch einmal für das Amt des Vorstehers. Warum sollten die Schaaner Ihnen noch einmal ihr Vertrauen schenken?

Meine Motivation ist nach wie vor sehr hoch. Ich denke, ich habe zudem bewiesen, dass einiges möglich ist in dieser Gemeinde. Und es gibt doch noch einiges, das ich gerne realisieren würde.

Für welche politische Überzeugung würden Sie auf die Strasse gehen?

Wenn unser demokratische System ernsthaft infrage gestellt würde. Oder rechtsradikale Tendenzen überhandnehmen würden. Ein absolutes No-Go, gegen das ich mit Garantie demonstrieren würde.

Mit Blick auf die Zukunft: Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Ja. Mir macht Angst, dass unser Wohlstand Grundwerte wie Nächstenliebe, Menschlichkeit und Loyalität zunehmend zunichte macht. Das ist ein grosses Problem. Die Kluft zwischen arm und reich ist gross und nicht allen geht es gut. Jedem sei sein Wohlstand gegönnt. Aber das darf nicht dazu führen, dass uns die ureigensten Werte abhanden kommen. Wir sind gut beraten, dass der Wohlstand richtig und nicht nur zur Befriedigung des eigenen Egos eingesetzt wird. Die Solidarität geht zunehmend verloren. Ich würde mir wünschen, dass wir uns selbst auch mal im Interesse der Gesamtheit zurücknehmen können. Wenn jeder nur seine eigenen Interessen durchsetzen will, kommen wir nicht weiter.

Interview: Desirée Vogt

13. Nov 2018 / 11:06
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