•  (Tatjana Schnalzger)

"Kickboxen ist eine gute Lebensschule"

Um als Powerfrau im Leben durchstarten zu können, braucht es vor allem Disziplin. Eine Stärke, die Milena Büchel durch das Kickboxen gelernt hat.

Blut tropft aus der Nase, während sich die zarte Frau einen Eisbeutel auf das geschwollene Auge hält. Bestimmt wird es sich in den nächsten Tagen blau färben und ihr Gesicht von den Schlägen zeichnen. Beinahe zerbrechlich wirkt sie in den grossen Boxhandschuhen und der locker sitzenden Trainerhose. Aber der Schein trügt, den Milena Büchel ist leidenschaftliche Kickboxerin. Sie sprüht vor Lebensfreude und ist voller Energie. «Und jetzt muss ich vor dir Angst haben?», ist die Frage, welche die Ruggellerin oft beantworten muss, wenn ein Bekannter von ihrem Hobby erfährt. Denn vor allem von ihren männlichen Altersgenossen muss sich Milena Büchel oft schräge Sprüche gefallen lassen. Kickboxen habe aber wenig mit sinnlosem Austeilen von Schlägen zu tun, erklärt sie. 

«Kickboxen passiert im Kopf»
Besonders reizt Milena Büchel am Kickboxen die mentale Herausforderung: im Wettkampf gegen sich selbst zu stehen. Sich selbst beweisen zu können, dass man noch mehr aus sich herausholen kann, an Techniken zu feilen und sich seiner Stärken sowie Schwächen bewusst zu werden, um diese erfolgreich einsetzen zu können, motiviert die junge Frau. «Etwas, das mich auch im ­beruflichen Leben weitergebracht hat», ist die Elektro- und Lichtplanerin überzeugt, «dass viel beim Kickboxen Kopfsache ist. In meinem Beruf ist es genauso.» 

Zudem habe sie es auf Baustellen oft mit Männern zu tun und müsse ihnen Anweisungen geben. «Da braucht es schon eine Portion Selbstvertrauen!», gesteht sie. Etwas, woran es ihr bei Lehrbeginn fehlte. Durch das Kickboxen habe sie aber ihre Fähigkeit entdeckt, nicht gleich aufzugeben, sondern für ihre Ziele zu kämpfen. Dadurch und auch wegen der strengen Regeln, die es in ihrem Verein gibt und an die sich jedes Mitglied im Sportcenter zu halten hat, habe sich dies aber bald enorm gesteigert. «Meine Lehre als Elektro­planerin hätte ich ohne das, was ich beim Kickboxen gelernt habe, nicht so erfolgreich bestehen können», ist Milena Büchel überzeugt. 

«Meine Stärke ist Durchhalten»
Interessiert habe sich die charmante Brünette schon immer für den Kampfsport. Diesen aber selbst auszuüben, sei ihr im Traum nicht in den Sinn gekommen. Als sie einer Kollegin vor sieben Jahren zu einem Schnuppertraining folgte, war sie Feuer und Flamme. Dabei hatte sie keinerlei Erwartungen an das Training, dachte aber, etwas für die Fitness könne ja nicht schaden. 

Heute darf die 24-Jährige auf mehrere Medaillen zurückblicken, darunter auch zwei Bronzemedaillen vom «Best Fighter World Cup», welcher jedes Jahr in Rimini durchgeführt wird. «Kickboxen macht mir immer noch grossen Spass und es hat mein Leben völlig verändert.» Milena Büchel habe nicht mit Kickboxen angefangen, weil sie etwas erreichen wollte. Zu Beginn war sie sogar körperlich auf einem sehr schwachen Niveau gewesen, nicht mal die Finger habe sie bei einer Vorbeuge zu den Knien gebracht, lacht Milena Büchel. Als sie aber bemerkte, dass mit Üben etwas vorwärts geht, wollte sie mehr. «Ich bin sicher nicht die schnellste Lernende, aber meine Stärken sind durchhalten, weitermachen, nochmals probieren, wieder und wieder.» Jede Übung mache sie so oft wie es nötig sei, bis diese richtig sitzt. Etwa vier- bis fünfmal in der Woche nimmt die Kickboxerin am Teamtraining teil. Dazu kommt regelmässiges individuelles Einzelcoaching sowie mindestens einmal wöchentlich diverse Kraftübungen. 

Seit Anfang dieses Jahres durfte sie zudem beim Kindertraining aushelfen, was ihr viel Spass macht. Spannend sei zu beobachten, dass die Kinder mit kleinen Tipps grosse Fortschritte erzielen. Vor allem aber würde es sie an ihre Anfänge erinnern und ihr vor Augen halten, wie viel mit Durchhaltevermögen und wiederholtem Üben zu erreichen sei.

Während der Zeiten von Corona trainiert Milena Büchel zu Hause in ihrem privaten Trainingsraum. Ihr Fitnesslevel möchte sie unbedingt beibehalten, obwohl es nicht ganz so leicht ist. Denn sie merke schon, dass sich ein «Corona-Loch» anbahne. Umso mehr legt sie Wert auf ihr vierzigminütiges Morgenritual: Liegestützen, Bauchübungen, Schattenboxen und Yogasequenzen. Anschliessend eine kalte Dusche und einen heissen Kaffee, bevor sie in den Arbeitsalltag startet. «Ich schaue darauf, dass ich mindestens zweimal die Woche am Abend Sport mache.» An den anderen Abenden geniesse sie ihre momentane Freiheit, da derzeit ja keine Training und auch keine Turniere stattfinden. 

Wichtigste Medaille gewonnen
Ob es im Herbst zu weiteren Turnieren kommt, ist während der aktuellen Situation schwer einzuschätzen. Alle grösseren Turniere finden im Kickboxen normalerweise während der ersten Jahreshälfte statt. Im Herbst werden anschliessend abwechslungsweise die Europa- oder Weltmeisterschaften durchgeführt. «Es wäre schön, einmal bei einer solchen Meisterschaft mitkämpfen zu dürfen», träumt die zielstrebige Frau, «auch wenn sich dabei keine Medaille ausgehen wird.» 

Die bis jetzt für sie persönlich wichtigste Medaille hat sie ohnehin schon gewonnen. Kein grosses, bedeutsames Turnier sei es gewesen, sondern ein kleines in der Schweiz. Die Augen von Milena Büchel glänzen, als sie davon erzählt. Es sei ihr erster Kampf im Leichtkontakt gewesen. Dadurch, dass sie als Letzte zum Zuge kam, sei sie noch nervöser gewesen und vom langen Warten habe sie Rücken- und Kopfschmerzen bekommen. Als sie dann aber endlich an der Reihe war, sei ihr von den Zuschauern zugejubelt worden. «Sie haben mich so toll ­unterstützt und die Stimmung war megacool», schwärmt sie. «Die Gegnerin war stärker und schwerer, so dass ich viel einstecken musste.» Da die Ruggellerin die verschiedenen Kampftechniken jedoch bewusster und gezielter einsetzen konnte, gewann sie. «Dieser Pokal ist für mich persönlich mein schönster Erfolg.»

Bisher ist die attraktive Kickboxerin noch immer mit einem blauen Auge oder einer blutenden Nase davongekommen. Grössere Verletzungen hat sie sich bisher noch keine zugezogen. Milena Büchel schmunzelt: «Ich kann mir aber gut vorstellen, was sich die Leute auf der Strasse denken, wenn diese mich nach einem Turnier und mit ‹Kampfspuren› im Gesicht sehen.» 

 

16. Mai 2020 / 19:58
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