• Heinz Ritter in Schaanwald
    Heinz Ritter hält in seinen Händen das letzte Ölgemälde seines Vaters, welches den Titel «Mädchen mit Ziege» trägt. Fünf Minuten nach Abschluss dieses Werkes verstarb er.  (Daniel Schwendener)

«Erinnerung an den Künstler wachhalten»

Der Maurer Alois Ritter war eine prägende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts: Maler, Musiker und Dorflehrer aus Berufung.

Die Farben der Ölgemälde wirken noch frisch, die Erinnerung an Alois Ritter, an einen der wichtigsten Maurer Künstler des vergangenen Jahrhunderts, verblasst jedoch Jahr für Jahr ein wenig mehr. Am 16. April 1986 ist er im Alter von 76 Jahren an einem Schlaganfall gestorben. Fünf Minuten zuvor stellte er noch das Ölgemälde «Mädchen mit Ziege» fertig. «Ich bat meinen Vater um diese Kopie, das Werk stammt ursprünglich vom romantischen Maler Carl Spitzweg», erklärt Heinz Ritter, der heute als eines von drei Kindern das künstlerische Erbe seines Vaters verwaltet. 

Künstlerische Kenntnisse als Autodidakt erworben
Er habe seinen Vater wenige Tage vor dessen Tod um die Doublette gebeten. Ein Mädchen mit Dirndl wandert darauf einen Waldweg entlang, von einer schützenden Grotte umgeben. Vom Felsen wachsen Laubbüsche herab, im Hintergrund sind drei Fichtenstämmchen mit Zweigen zu sehen, vorne thront ein schwerer Steinbrocken neben wilden Rosensträuchern. Die Reaktion des Betrachters ist kalkuliert. Der Weg führt nämlich auf ihn zu und die Mädchenerscheinung rückt immer näher. Diese Szenerie gehörte zum Letzten, was Alois Ritter in seinem Leben sah. «Mein Vater erklärte das Bild für fertig und starb unmittelbar darauf. Er fand nicht einmal mehr die Zeit, um seine Signatur am unteren rechten Bildrand anzubringen», sagt Heinz Ritter. 
Sein Vater war künstlerisch gleich mehrfach begabt. Und er war einer, der sich sein Wissen als Autodidakt angeeignet hatte. «All die verschiedenen Maltechniken brachte er sich selber bei. Er war mit einer ausserordentlichen Wahrnehmungsgabe ausgestattet. Kunstkurse oder Weiterbildungen besuchte er nie. Er beobachtete, studierte sorgfältig ein Objekt und setzte sich dann mit Stift oder Pinsel hin und malte einfach drauf- los.»
Alois Ritter habe es geliebt, im Freien zu arbeiten. Davon zeugten heute noch zahlreiche Bleistiftskizzen, Aquarelle, Tuschezeichnungen und Ölbilder, welche oft Landschaften zum Motiv hätten. In seinen Werken setzte er dem Maurer und Ruggeller Riet ein Denkmal, er malte Seen und Gebirge aus der Region und arbeitete an unterschiedlichen Stillleben. Einige Bilder lassen sich stilistisch der Romantik zuordnen. «Den Einfluss kann man sicherlich gelten lassen. In der Musik bewunderte er schliesslich auch Franz Schubert, den romantischen Komponisten.»  


Leidenschaft fürs Klavier begleitete ihn durchs Leben
Alois Ritter wurde 1910 in Mauren geboren. Er war das zweitälteste Kind von Mathilde und Eduard Ritter, einem Sattler und Landwirt, und er wuchs mit vier Schwestern auf. «Innerhalb der Familie wurde sein Talent nicht speziell gefördert», sagt sein Sohn. Aber es mache den Anschein, als ob in der Familie über Generationen hinweg eine künstlerische Ader vorhanden gewesen sei. «Mein Urgrossvater war schon im Dorf als Geschichtenerzähler bekannt. Familien luden ihn zu sich nach Hause ein, damit er ihnen Sagen und Märchen vortrug. Als Lohn erhielt er dann ein Abendessen. Man hatte damals ja noch keinen Radio­empfang und nur wenige Unterhaltungsmöglichkeiten.» Und auch eine der Schwestern, Erna Mündle-Ritter, dichtete in regelmässigen Abständen. Heute ist es Heinz Ritter selber, der die Kunst fortführt, indem er malt, musiziert und schreibt.  


Alois Ritters künstlerisches Schaffen entwickelte sich aber vor allem auch im Lehrerseminar. Nach der Volksschule in Mauren und dem Besuch des Gymnasiums in Feldkirch wurde er am Lehrerinstitut in Rickenbach ausgebildet. «Dort war es Teil der Ausbildung, ein Instrument zu erlernen. Er 
entschied sich für Geige und Klavier.» 

Unterrichten empfand Ritter als Berufung
Die Leidenschaft fürs Klavier sollte ihn ein Leben lang begleiten. «Meine Grossmutter erzählte mir, dass er Tag und Nacht geübt habe. Er sei regelrecht vernarrt in dieses Instrument gewesen.» So hat er auch bei Stummfilmvorführungen im benachbarten Restaurant Freihof für die musikalische Umrahmung gesorgt. Er musste dabei jede Szene mit entsprechender Klaviermusik untermalen. Dazu braucht es grosses Können und feines Einfühlungsvermögen. In den folgenden Jahren unterrichtete er an verschiedenen Schulen des Landes, meist mehrere Klassen parallel. Auf erste Aushilfestellen folgten Festanstellungen in Ruggell, Schaanwald und Schaan. 1957 wurde Alois Ritter zum sogenannten «Oberlehrer» ernannt. «Unterrichten war für ihn stets mehr als ein Brotberuf. Es war seine Berufung. Er opferte selbst dienstfreie Nachmittage, um schwächeren Schülern zu helfen», weiss sein Sohn aus eigener Erfahrung, denn er ging in Schaanwald selber bei seinem Vater in die Schule. Ritter war zu Lebzeiten im Dorf als Lehrer geachtet, er war ein begnadeter Musiker (Dirigent, Organist und Klavierlehrer), Sänger und er war eben auch Maler. In der Kirche spielte er die Orgel über Jahrzehnte hinweg. Da er als Lehrer das Klavierspielen gelernt und gepflegt hatte, fiel ihm folglich auch das Orgelspiel leicht. In der Kirche ertönte die Orgel jeden Sonntag mindestens einmal, wenn nicht sogar zweimal. Auch die Schulmessen in Ruggell (früher täglich!) und Schaanwald begleitete er musikalisch.
Was für ein Vater war aber Alois Ritter? «Grosszügig, hilfsbereit und liebevoll» sei er gewesen, sagt sein Sohn. Die Kunst habe er bei seinen drei Kindern nicht auf Biegen und Brechen gefördert. «Er hatte selbstverständlich eine Freude, wenn er sah, wie wir uns künstlerisch betätigten. Doch er wollte nie etwas erzwingen», berichtet Heinz Ritter. In der Freizeit sei der Vater ein leidenschaftlicher Kartenspieler gewesen. «Beim Jassen im Wirtshaus war er gleich dabei. Aber man muss ihm zugutehalten, dass er dabei keinen Alkohol trank.»  

Eindrückliche Zahlen umrahmen sein Leben
1969 wurde Alois Ritter vom Fürsten mit dem Titel «Fürstlicher Musikdirektor» geehrt. 1981 wurde ihm für die Tätigkeit als Organist und Chordirigent die päpstliche Auszeichnung «bene merenti» für Verdienste um die katholische Kirche verliehen. Insgesamt wird sein Leben von eindrücklichen Zahlen umrahmt: 44 Jahre lang Volksschullehrer, 52 Jahre Chorleiter, 54 Jahre Organist. 
Heinz Ritter ist bemüht darum, die Erinnerung an seinen Vater und dessen künstlerisches Vermächtnis wachzuhalten. Zu Alois Ritters 100. Geburtstag organisierte er deshalb 2010 mit Freunden, Verwandten und Bekannten eine Bilderausstellung in der Schaanwälder Zuschg. «Die Veranstaltung hat sehr grossen Anklang gefunden», erinnert er sich. Denn vielen Bürgern sei gar nicht bewusst gewesen, dass dieser grosse Künstler in Mauren gelebt habe. (rpm)

16. Nov 2019 / 10:00
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