• 20180621 Puppenwerkstatt, Gamprin - Christel Pangerl _Nils Vollmar
    Auf die 1:1 reproduzierte Trachtenpuppe ist die Puppenkünstlerin besonders stolz.  (Nils Vollmar)

Eine Künstlerin, die Puppen Leben einhaucht

Seit über zwanzig Jahren ist es ihre grosse Leidenschaft: Puppen kreieren. Christel Pangerl heisst die Puppenkünstlerin. Ihre Puppenwerkstatt ist ihr Reich. Das «Vaterland» hat sie besucht und mehr über eine bemerkenswerte Frau erfahren.

«Schauen Sie mal was für schöne Unterhosen!», sagt Christa Pangerl und hebt den Rock hoch. Natürlich nicht ihren Rock, sondern das blaue Röckchen einer ihrer vielen Puppen, die sie selbst gemacht hat. In ihrer Puppenwerkstatt an der Fehragass in Gamprin stehen rund 70 Puppen, die Christa Pangerl modelliert, frisiert und ihnen eine passende Kleidung genäht hat. Noch mehr Puppen stehen verpackt in den Schränken neben Armen, Beinen und Köpfen, die darauf warten, zu einer ganzen Puppe zu werden. Aber stressen lässt sich die Puppenmacherin deswegen nicht. «Ich arbeite an den Puppen wenn ich Lust dazu habe und nicht weil ich  mich durch irgend etwas gedrängt fühle», sagt sie. Ausserdem: «Die Gesundheit steht an erster Stelle. Zwar ist die 77-Jährige noch top fit, allerdings lassen ihre Augen nach. Deswegen lag sie schon einmal auf dem OP-Tisch, herausfordern möchte Christel Pangerl nichts. So hat sie sich auch entschieden, keine Kurse mehr zu geben. 

Den falschen Grünton erwischt – Punkteabzug
Zwischen ihren Puppen blitzen an der Wand eingerahmte Zertifikate hervor. Schon an etlichen Wettbewerben wurde sie für ihre Puppenkunst ausgezeichnet. Die Jury wertet da jeweils sehr genau, erzählt sie. So kann sie sich noch gut erinnern, als ihr bei einem Wettbewerb vier Punkte abgezogen wurden, weil sie für das Kleid einer antiken Puppe einen Grünton verwendete, den es 1866 angeblich noch gar nicht gegeben hatte. Christel Pangerl schüttelt noch heute den Kopf darüber – und ein bisschen verärgert scheint sie immer noch zu sein. Schliesslich ist die Puppenkünstlerin eine Perfektionistin. Eine Perfektionistin, die über ihre Fehler auch manchmal lachen kann – jedenfalls wenn sie verjährt sind. 
Ihr Tisch, an dem Christel Pangerl arbeitet, ist ebenso bunt wie die ganze Werkstatt selbst. Karten liegen darauf, welche die Künstlerin selbst gestaltet hat. Monogramme, verschieden farbige, grosse und kleine Knöpfe, Farbpaletten und Pinsel, vom feinsten bis zum dicksten. Der Tisch ist so quasi der Geburtsort der Puppen. Wie auch der von der Trachtenpuppe, die ebenfalls auf dem Tisch steht. Auf die 1:1 reproduzierte Puppe ist Christel Pangerl besonders stolz. «Ja, ich bin ein Trachtenfan», sagt sie. Schon von klein auf, als Kind war sie im Gebirgstrachtenverein in Baden-Württemberg, wo sie aufgewachsen ist. «Für diese Trachtenpuppe habe ich rund 100 Stunden aufgewendet», erzählt Christel Pangerl. 
In einem ersten Schritt giesst sie mit Porzellan den Kopf der Puppe. Sie lässt die Masse antrocknen, dann wird die Porzellanmasse wieder zurückgegossen, damit der Kopf hohl bleibt. Dann öffnet die Puppenmacherein die Form vorsichtig. Sie schneidet die Augen aus und schleift den Rohling vor. Dann wird’s heiss für das Puppengesicht: Christel Pangerl legt es bei 695 Grad Celsius in den Ofen. Nach drei Stunden nimmt sie den Kopf wieder heraus und legt ihn ins Wasser. «Im Porzellan ist Quarz enthalten, das giftig ist», erklärt sie. Sie schleift den Kopf erneut, aber nass. «So muss ich das giftige Quarz nicht einatmen.» Und dann wird’s nochmals heiss und zwar viel heisser als vorhin: Bei 1185 Grad Celsius wird der Puppenkopf fertig gebrannt. Für antike Puppen verwendet Christel Pangerl übrigens ausschliesslich weisses Porzellan. 
Fertig gebrannt, malt die Künstlerin das Gesicht und gipst die Augen ein. Schliesslich setzt sie den Kopf auf den Körper und fast schon ist die Puppe fertig. Etwas Massgebendes fehlt aber noch: Die Haare. «Um eine stilgerechte Perücke zu finden, wandere ich mit der Puppe meistens von Raum zu Raum bis ich plötzlich ganz genau weiss, was passt.» Die Haare aufgesetzt und die Kleider angezogen hat Christel Pangerl der Puppe quasi Leben eingehaucht. 

20180621 Puppenwerkstatt, Gamprin - Christel Pangerl _Nils Vollmar

Hier fühlt sie sich wohl: Christel Pangerl inmitten ihrer Puppenwerkstatt.

Traumberuf Kostümschneiderin
«Eigentlich wollte ich Kostümschneiderin werden und an einem Theater arbeiten», erzählt die Puppenkünstlerin. Allerdings fehlte das Geld für das Studium und so wurde nichts aus ihrem Traumberuf. Die Puppenkunst vor 20 Jahren entdeckt, merkte sie schnell, dass dabei ihre Leidenschaft ausleben kann. «Erst war es eine Liebe zu den Puppen – heute ist es eine Sucht», sagt sie. Und ist sie alleine mit ihrer Sucht in ihrer Familie? Christel Pangerl winkt ab und lacht – «mein Mann ist auch nicht besser. Nur dreht sich seine Sucht um Münzen.»

Christel Pangerl ist eine aufgestellte Frau mit viel Power und ebenso viel Frohmut. Konkrete Ziele habe sie keine mehr – «ich mache meine Puppen wann und wie sie mir gefallen.» Und natürlich leiht sie ihre Puppen bei Bedarf auch gerne mal aus, um sie in ein Schaufenster zu stelle. Einen Traum hat sie aber noch und der hat überhaupt nichts mit Puppen zu tun: Noch einmal Ferien in der Südsee verbringen. Und wer weiss – davon inspiriert zählt vielleicht bald eine polynesische Puppe zu ihrer Sammlung. (bfs)

30. Jun 2018 / 05:00
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