• Bis heute eine fröhliche Kämpfernatur
    Maria Marxer war die erste Gemeindevorsteherin Liechtensteins.  (Tatjana Schnalzger)

Bis heute eine fröhliche Kämpfernatur

Maria Marxer ist keine Frau, die klein beigibt. Wenn sie von etwas überzeugt ist, setzt sie sich mit Herzblut und Verstand dafür ein. Das war nicht nur 1980 der Fall, als Frauen in Gamprin-Bendern eine Stimme bekamen, sondern auch als Vorsteherin tat sie viel Gutes.
Gamprin-Bendern. 

1931 geboren, wuchs die Gamprinerin Maria Marxer in einer Zeit voller Umbrüche auf. Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, aber auch die Zeit, in der Frauen ihr Stimmrecht erhielten. Auf Gemeindeebene war dies in Gamprin-Bendern 1980 der Fall. Daran war Maria Marxer nicht ganz unbeteiligt: Mit Weitblick und einem Sinn für Diplomatie war sie es gemeinsam mit dem «Rebel Klub», die eine gute Basis und Akzeptanz zwischen Männern und Frauen in der Gemeinde schuf. Auch in der Politik war ihr Potenzial nicht unbemerkt geblieben und so folgte kurz nach der Einführung des Frauenstimmrechts in der Unterländer Gemeinde auch schon die Bitte, für den Gemeinderat zu kandidieren. Nach kurzem Zögern tat sie dies schliesslich – mit Erfolg. Von 1987 bis 1991 übte sie gar das Amt der Vorsteherin aus. Damit war Maria Marxer die erste Frau Liechtensteins, die einen solchen Posten innehielt. 

Heute, mit ihren 87 Jahren ist die Gamprinerin immer noch sehr aktiv. Zwar nicht mehr in der Politik, aber weiterhin in ihrem Heimatort. Jeden Tag ist sie irgendwo unterwegs. Sie nimmt am Seniorenkolleg teil, turnt einmal wöchentlich mit anderen Rentnern der Gemeinde und geht ihrer grossen Leidenschaft, dem Malen, nach. Auch mit ihren fünf Kindern, den Enkeln und ihren Urenkeln verbringt die rüstige Rentnerin viel Zeit. Langeweile kommt bei ihr nie auf, wie sie selbst sagt. Dem Rentnerstress ist sie deswegen trotzdem nicht zum Opfer gefallen. Sie geniesst ihre Freiheit, macht das, was ihr Freude bereitet.


In 87 Jahren viel gesehen und erlebt
Ein fixer Bestandteil ihres Wochenprogramms ist auch der Spaziergang entlang dem Rhein – ihrem Lieblingsort in Gamprin-Bendern. Dort hat sie Zeit, ihre Gedanken schweifen zu lassen. An frühere Zeiten mag sie sich noch gut erinnern: «Meine Kindheit und Jugendtage habe ich während dem Krieg verbracht. Uns ist es nicht schlecht ergangen, aber während der Kriegsjahre war einiges anders als heute. Vieles war beschränkt, das Leben war einfacher.» So kann sie sich beispielsweise noch gut an den Tag erinnern, an dem sie zum ersten Mal eine Banane in den Händen hielt: «Das muss Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre gewesen sein. Ein Bekannter kam auf Besuch, der uns die Bananen mitgebracht hat. Meine ältere Schwester und ich waren sehr neugierig auf diese exotische Frucht, wussten aber nicht so recht, was damit anzufangen ist», sagt Marxer. Schliesslich hätten sie einen Happen probiert. Inklusive der Schale. «Wir wussten damals nämlich nicht, dass man die Banane zuerst schälen muss. Daher hat sie uns wohl auch nicht geschmeckt.»
Autos hatten in den 30er Jahren auch die Wenigsten. Als gängigstes Fortbewegungsmittel nutzten die Menschen ihre Fahrräder. «Aus der eigenen Gemeinde ist man damals kaum herausgekommen», sagt die Rentnerin. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, die Welt doch noch zu entdecken. Mit ihren beiden Töchtern oder auch mit Freundinnen schipperte Maria Marxer auf Kreuzfahrtschiffen um den Globus, besuchte ihren Sohn mehrmals in den USA oder unternahm eine Donaurundfahrt. «In diesem Jahr haben wir Montenegro besucht. Man muss auf Achse, solange man noch kann.» 


Der Kampfgeist war geweckt worden
Als der Krieg 1945 ein Ende fand, war die Gamprinerin auch mit der Schule fertig. Sie fand eine Stelle in der Keramikwerkstatt Schädler. Das Malen war immer schon ein grosses Hobby von ihr – auch heute noch malt sie wöchentlich. Doch der Liebe wegen war bald darauf wieder Schluss mit der Arbeit. «Mit 21 Jahren habe ich geheiratet. Mein Mann, ebenfalls aus Gamprin, war Lehrer. Er hat eine Stelle in Balzers gefunden, deshalb sind wir auch in die südlichste Gemeinde des Landes gezogen.» Insgesamt lebte Maria Marxer 15 Jahre in Balzers. Vier ihrer fünf Kinder gingen dort zur Schule. 
Doch als ihr Mann starb, fand plötzlich ein Umbruch im Leben von Maria Marxer statt. Zwei ihrer Kinder seien damals noch nicht volljährig gewesen, erklärt sie. In ihrem Umfeld habe es daher einige Bekannte gegeben, die versucht hätten, sie von einem Vormund zu überzeugen. «Das konnte ich nicht nachvollziehen. Ich habe schon zuvor meine Kinder grossgezogen.» Ihr Kampfgeist war geweckt worden. Durch dieses Ereignis begann die Gamprinerin, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen. «Ich musste in Vaduz vortraben und all meine Register ziehen, um die Ämter davon zu überzeugen, dass es keinen Vormund braucht.» 
Wieder zurück in Gamprin-Bendern, wurde 1980 der «Rebel Klub» ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Frauengruppe, unter ihnen selbstverständlich Maria Marxer, die sich regelmässig trafen, um sich untereinander auszutauschen, zu Basteln, Kochen oder Vorträge zu organisieren. Klub deshalb, weil die Frauen bewusst keinen Verein gründen wollten. Somit war es ihnen möglich das Recht zu behalten, selbst zu bestimmen, was gemacht wird und wer zu den Treffen eingeladen ist. «Willkommen war jeder. Auch die Männer.» Dadurch konnte ein gutes Verhältnis zu ihnen aufgebaut werden. Es war ein Miteinander und nicht etwa Mann gegen Frau. In der Gemeinde akzeptierten sich beide Parteien. Ausserdem wurde die Tradition eingeführt, an jedem Geburtstag der Klubmitglieder gemeinsam Rebel zu essen. Das wird bis heute fortgeführt. 
Während dem Zelebrieren dieser Tradition erfuhren die Frauen des Rebel Klubs schliesslich auch, dass das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene in Gamprin angenommen wurde. «Nun hatten wir doppelten Grund zu Feiern.» Gleichzeitig bedeutete dies aber auch, dass die Gampriner Frauen aktiv werden mussten. 


Während ihrer politischen Karriere viel erreicht
Gemeinsam mit einer anderen Frau, Elsa Oehri, wurde Maria Marxer 1983 in den Gemeinderat gewählt. Zu dieser Zeit konnte die Abwasserreinigungsanlage in Bendern realisiert werden. «In den ersten Jahren war diese für das Unterland und Schaan zuständig. Für die Versorgung des ganzen Landes hatten damals die nötigen finanziellen Mittel gefehlt.» Immerhin mussten auch neue Strassen gebaut und eine Infrastruktur errichtet werden. Das grösste Projekt ihrer politischen Karriere blieb aber der Pfarrstall auf dem Kirchhügel. Diese Aufgabe hat Maria Marxer von der ersten Stunde im Gemeinderat bis hin zum Amt als Vorsteherin begleitet. «Mir war es ein grosses Anliegen, das damit etwas sinnvolles geschieht.» Dies tat es auch: Noch heute befindet sich das Liechtenstein Institut im historischen Gebäude. Doch der Weg bis zu diesem Erfolg war nicht einfach. «Viele wollten dort ein Wohngebäude errichten. Für mich schien das aber an diesem wunderbaren und wertvollen Platz nicht das Richtige. Es war ein Kampf bis zur letzten Minute.» In der ersten Abstimmung für den Umbau des Stalls musste die Vorsteherin eine Niederlage hinnehmen. An Aufgeben war für sie aber nicht zu denken. In der zweiten Abstimmung dann die Erleichterung: Der Stall kann umgebaut werden. «Auch heute noch erfreut mich der Anblick des Gebäudes. Ich bin stolz darauf, dass wir das gemeinsam gemeistert haben.» Mit «wir» meint Maria Marxer den gesamten Gemeinderat. Denn für sie hätte eine Zusammenarbeit zwischen allen in der Gemeinde immer Vorrang gehabt. «Ein Alleingang kam für mich nie in Frage.» 
Die Jahre in der Politik möchte die Gamprinerin bis heute nicht missen. Sie habe sehr viel lernen können und hätte Einblicke erhalten, die ansonsten nicht möglich gewesen wären. «Auch obwohl sich die Gesellschaft erst allmählich daran gewöhnen musste, dass nun auch Frauen in der Politik zu finden waren, wurde ich sowohl als Gemeinderätin wie auch als Vorsteherin stets akzeptiert.» Heute hält sich die 87-jährige aus dem aktiven Politikgeschehen heraus. Sie liest aber die Zeitungen und informiert sich bei Verwandten und Bekannten über die Entwicklungen in Gamprin. Dennoch begrüsst sie, dass die Frauen weiterhin in der Politikszene des Landes aktiv sind. «Es ist sehr zu begrüssen, dass explizit darauf geachtet wird, dass sich Frauen in der Politik engagieren.» (jka)

30. Jun 2018 / 08:09
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