• Hugo Marxer, Eschen
    «Der Schnelllebigkeit der Zeit setze ich die Langsamkeit des Steines entgegen», sagt Hugo Marxer.  (Tatjana Schnalzger)

Zu Besuch in der Schule der Langsamkeit

Hugo Marxer ist der bekannteste Steinbildhauer Liechtensteins und eine Persönlichkeit, die allen Widerständen des Lebens trotzt.

Vier Uhr morgens. Einen Steinwurf entfernt vom Eschner «Eintracht»-Kreisel hat Hugo Marxer in der «Sakristei» Platz genommen, wie er sein Zeichenatelier respektvoll nennt. Erste Vorbereitungen: Er verfasst Notate, erstellt Bleistiftskizzen, beginnt den Tag mit Goethe, Schiller, Hölderlin oder Hesse. Manche ihrer Verse liest er gleich mehrere Male. «Die klassische Literatur tut mir gut», sagt er. Die Fingerkuppe seines rechten Zeigefingers ist nach aussen gebogen, als ob sie irgendwann dem Gewicht eines Monolithen ausgesetzt gewesen wäre. Später erklärt er, wie es dazu gekommen ist. Im schmucken Vorgarten ist es jetzt noch dunkel, unter den Laubbäumen liegen Skulpturen wie vergessen im Gras.

Marxer ist Bildhauer, Plastiker, ein Künstler im traditionellen Sinne. Aber durchaus «bodenständig», wie man im Unterland sagt. Baskenmütze, Karohemd, darüber eine dunkelblaue «Helly Hansen»-Weste, Blue-Jeans, Sneakers. Er hat wache Augen hinter schwarz umrandeten Brillengläsern, trägt seit jeher seinen Oberlippenbart. «Gewiss, dass er ein Künstler ist / Man sieht’s an seinem Bart. / an seinem Blick, an seinem Kleid / an seiner Lebensart», dichtete Mani Matter treffend. Marxers Haus wirkt zurückgezogen. Abseits vom Dorflärm hat er sich hier über die Jahrzehnte mit den Werkstätten eigene Refugien geschaffen.

Sehen, wie die Welt langsam erwacht
Auf der Essanestrasse hasten die Pendler zur Frühschicht in die Presta. «Ich geniesse diese Qualität des Morgens, mich ausgeruht im Geiste an den Schreibtisch zu setzen, Espresso zu trinken und meine Gedanken schweifen zu lassen», sagt Marxer. Am Morgen verwertet er die Ideen, von denen er nachts träumte. Er liebe es, in den Tag hineinzuarbeiten, zu sehen, wie die Welt langsam erwache. Wenn die Kirchturmuhr Zwölf schlage, habe er acht Stunden gearbeitet. Der Nachmittag sei für die kreative Arbeit kaum brauchbar: «Ich gehe dann normalerweise durch die Ateliers und reflektiere die begonnenen Arbeiten. Ins Bett müsse er abends zeitig. Den Rhythmus habe er sich regelrecht erarbeitet.

Wie eine Kerze, die von zwei Seiten brennt
Am Beginn seiner künstlerischen Laufbahn verdiente Marxer sein Geld als Maschinenzeichner in der Presta, nachts lebte er für die Kunst. «Irgendwann fühlte ich mich wie eine Kerze, die von zwei Seiten brennt», sagt er. Hätte er an dieser Situation nichts geändert, wäre von der Kerze bald nichts mehr übrig geblieben.

Den Mut, seinen Job in der Industrie aufzugeben und in den «Steinbruch» zu wechseln, habe vor rund fünfzig Jahren niemand verstanden. «Jetzt goht’s bachab met em Hugo», hiess es von allen Seiten. Ja, es habe dann finanziell schwierige Zeiten gegeben. Durch diszipliniertes Arbeiten, einen unabdinglichen Ernst und ein «zünftiges» Gottvertrauen habe er es aber aus eigener Kraft geschafft. Heute blickt er entspannter auf diese Jahre zurück: «Der Ausstieg aus der erfolgsorientierten Welt war auch sehr schön. Mir galten diese bürgerlichen Tugenden nie viel: guter Zahltag, Aufstiegsmöglichkeiten, gesellschaftliche Anerkennung. Ich sehe heute noch die Möglichkeit, dass 2+2=5 er­gibt.» Marxer erfuhr die Dialektik des Lebens. An den Widrigkeiten des Lebens arbeitete er sich ab und am Ende wurde er mit einer Freiheit belohnt, die er nie wieder aufgeben wollte. Nie wieder.

«Ich bin ein Schlitzohr und kenne das Geschäft»
Bis zum heutigen Tag ist er in keinen Gremien oder Künstlervereinigungen vertreten, und mit Galeristen arbeitet er erst recht nicht mehr zusammen. «Ich bin ein Schlitzohr, ich kenne das Geschäft. Die Kooperation mit Galeristen wäre eine klare Freiheitsberaubung. Meine Kunden schätzen mich als direkten Ansprechpartner, ich brauche keine Zwischeninstanzen», stellt er klar. Unbestritten, er kennt das Kunst-Business: Liechtenstein, Italien, Schweiz, Spanien, Österreich, Luxemburg, Deutschland, Frankreich, Belgien, Norwegen oder Monaco. Er hat in zahlreichen Ländern ausgestellt, Preise und Auszeichnungen erhalten. Aber nein, seine Freiheit gab er nie wieder auf.

Gegen jede Konvention, gegen jeden Akademismus
Geboren ist Marxer in Vaduz. Seine Wiedergeburt fand in der Toskana statt. In Carrara liegt das Mekka der Steinbildhauer. Der Ort ist berühmt für seinen weissen Marmor. Hier verbrachte Marxer nahezu dreissig Jahre seines Lebens.

1985 begegnete er in England Henry Moore, dem er auch wichtige formale Anregungen verdankt. «Sie müssen nach Carrara in die Höhle des Löwen», riet Moore damals dem jungen Künstler. Als erster Liechtensteiner Künstler habe er das Stipendium des Kulturbeirats erhalten. Der Weg nach Italien war frei und er blieb gleich ein Jahr. «Ja, Carrara ist so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Ich liebe diese intensiven Auseinandersetzungen vor Ort, die Dialoge, die eben nicht von Neid und Konkurrenzdenken bestimmt, sondern kollegial, ja sogar freundschaftlich geprägt sind», sagt er. «Im Sommer sind ungefähr 2000 ausländische Bildhauer in Carrara, die in den Werkstätten arbeiten. Wegen der Hitze beginnt die Arbeit in aller Frühe.»

Die Kämpfe sind nur schwer nachvollziehbar
Marxer ist heute 71 Jahre alt, seine Schaffenskraft habe in all diesen Jahren nie nachgelassen. «Ich bin nach wie vor hochkreativ», sagt er. Die Kreativität komme daher, dass er alles «rotzfrech» ausprobiere, gegen jede Konvention, gegen jeden Akademismus. Schaffenskrisen, wie sie andere Künstler durchlebten, habe er eigentlich nie erfahren. Mit seinen Kunstwerken gerungen habe er oft. Von der Beharrlichkeit zeugt seine Fingerkuppe: «Beim Halten des Presslufthammers tritt Luft aus dem Gerät, und das exakt auf Höhe meiner Kuppe. Über die Jahre hat die Natur meinen Finger gekrümmt, er ist ausgewichen; vergleichbar mit einem Ast, der Widerständen mit Richtungsänderungen begeg­net.»

Marxer ist einer, der mit dem Hammer philosophiert. Und er arbeitet so, wie er es in Carrara gelernt hat: Zunächst wird die Idee als Skizze auf einem Blatt Papier festgehalten. Aus den Entwürfen entstehen Maquetten, Tonmodelle, von denen verschiedene Varianten angelegt werden. Erst dann folgt die «eigentliche» Arbeit am Stein. Bei Umsetzungsproblemen gehe er draussen im Garten umher und denke nach. «Künstler müsste man sein, sackerment, dann müsste man nicht arbeiten», dächten sich viele Leute. Dass er in diesem Augenblick geistig tätig sei, verstünden nur wenige. Wiederkehrende Motive bei Marxer sind liegende oder stehende Figuren und Säulen. Figurativ interessiert ihn immer wieder der Torso oder schlicht der Kopf.

In all seinen Werkstätten wacht eine Madonna mit Kind über die Arbeit. Wie hat er’s also mit der Religion? «Ich bin römisch-katholisch erzogen und von einem Churer Bischof gefirmt worden. Diese Zugehörigkeit zum Bistum Chur verspüre ich noch heute.» Ja, Gott habe auch immer eine Rolle gespielt. «Ohne ein zünftiges Gottvertrauen wäre das gesamte Unternehmen Hugo Marxer nicht möglich gewesen», sagt er schalkhaft.

Alles, was lebt, muss mit Wandel rechnen
Fürchtet sich Marxer vor dem hohen Alter? «Nein, eine Freude habe ich an meinen 71 Jahren. Die werden gelebt mit allem, was dazugehört. Ich bin neugierig, was in mir künstlerisch noch heranwächst.» Er habe akzeptiert, dass er nicht mehr so schnell wie früher arbeiten könne. Er habe aber auch verstanden, dass das gar nicht nötig sei. «Der Schnellle­bigkeit der Zeit setze ich die Langsamkeit des Steines entgegen.» Die Kunst folgt anderen Naturgesetzen.

Das Gespräch führt am Ende zu Tod und Vergänglichkeit. Alles, was lebe, müsse mit Wandel rechnen, sagt er. Wo heute sein Schreibtisch stehe, sei früher ein Birnbaum des Grossvaters gewesen. Neben dem Hauseingang gravierte Marxer Verse in eine Platte: «Hier stand früher mal ein Birnbaum / heute ein Haus / später vielleicht mal wieder ein Birnbaum / und so weiter. Und so weiter.» Das ist das pralle Leben. (rpm)

28. Sep 2019 / 02:47
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