• Arthur Brunhart, Balzers
    Historiker und Altvorsteher von Balzers, Arthur Brunhart, ist von den positiven Seiten seiner Gemeinde begeistert. FOTO©RIGHT: TATJANA SCHNALZGER  (Tatjana Schnalzger)

Warum ist Balzers anders, Herr Brunhart?

Balzers hat in der Geschichte Liechtensteins oft eine Sonderrolle eingenommen. Der ehemalige Vorsteher Arthur Brunhart geht dem im Interview auf den Grund.
Arthur Brunhart war von 2011 bis 2015 Vorsteher seiner Heimatgemeinde. Der Historiker und Ethnologe wuchs hier auf und maturierte am damaligen Lyzeum Gutenberg Balzers. Fest in der Gemeinde verwurzelt, war er 2005 bis 2013 Abgeordneter im Landtag und 2009 bis 2013 Landtagspräsident. 
 
Gerade in letzter Zeit kam Balzers mit dem Nein bei der Gemeindeabstimmung zur Jubiläums-Hängebrücke und dem Nein im Gemeinderat zur Kletterhalle in die Schlagzeilen. Warum ist Balzers anders und sagt immer «nein», Herr Brunhart?

Arthur Brunhart: Balzers sagt nicht immer «nein», sondern nur dann, wenn die Menschen vom Sinn und Nutzen einer Sache nicht überzeugt sind. Die beiden Entscheidungen sind auch dem Zeitgeist geschuldet. Ein Projekt abzulehnen, ist legitim und es hatte jeder seine Gründe für seine Entscheidung. Daraus abzuleiten, dass die Leute von Balzers generell Neinsager wären, ist abwegig. Klar, es braucht teilweise Überzeugungskraft, um einen Balzner von einer Idee oder einem Projekt zu überzeugen. Es hält dann auch. Der Balzner ist, so die Broschüre «Balzers – unser Dorf», ein «Liechtensteiner wie jeder andere auch. Ausser, dass er ein Balzner ist.»

Dennoch geht Balzers auch gerne eigene Wege. Ein Beispiel ist die Familienhilfe bzw. das Alters- und Pflegeheim Schlossgarten. Hier machte Balzers nicht mit dem Rest des Landes mit. Warum ist Balzers anders?

Der Balzner ist – ohne verallgemeinern zu wollen – heimatverbunden, bodenständig, eher konservativ, aber umsichtig, auch grossherzig und verantwortungsbewusst. Er hängt am Gedanken der Subsidiarität, wonach Aufgaben von der untersten Ebene einer Organisation übernommen werden. Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung waren immer schon wichtig für die Balzner. Der Historiker Rupert Quaderer schrieb von den «aufmüpfigen Balznern», die mit einem gesunden Misstrauen nach oben und in Richtung der Vaduzer Obrigkeit blickten. Mehr «Aufmüpfigkeit» wäre durchaus zu empfehlen. Dass Balzers bei Alter und Pflege eigene Wege geht, ist nicht als Kritik an den anderen Gemeinden zu verstehen. Das Balzner Modell wertet andere Modelle nicht ab, im Gegenteil. Solange der politische und gesellschaftliche Wille, engagierte Personen und genügend Mittel in der Gemeinde vorhanden sind, kann und soll man es auch selbst bewerkstelligen. Das hindert die sinnvolle Kooperation mit der Familienhilfe Liechtenstein und der Liechtensteinischen Alters- und Krankenhilfe (LAK), welche von der Gemeinde Balzers finanziell mitgetragen wird, ja nicht. Beide Organisationen können voneinander profitieren. Die erste Familienhilfe entstand übrigens auch in Balzers. 

Die soziale und wirtschaftliche Komponente war bei der Gründung der Parteien rund um das Jahr 1918 von Bedeutung. Hier spielten ja Balzner ebenfalls eine Rolle. 

Das ist so. Ein weiterer Umstand, der Balzers vielleicht vom Rest des Landes unterscheidet: Die Geographie und die daraus entstandenen Beziehungen. Die Vernetzung mit dem Bünder- bzw. dem Sarganserland hat zu einer guten Nachbarschaft mit der Schweiz geführt, wo  Balzner Arbeit fanden. Sie stiessen dort auf andere politische und soziale Milieus als möglicherweise die Unterländer, die eher Beziehungen nach Österreich pflegten. In den Jahren nach 1914, als sich die Volkspartei formierte, spielten Balzner gemeinsam mit dem Triesenberger Wilhelm Beck und anderen eine zentrale Rolle, indem sie auch Ideen aus der Schweiz nach Liechtenstein brachten. Das wurde von der Obrigkeit kritisch vermerkt und auch gefürchtet. Die Entwicklung war aber zukunftsträchtig und führte zur neuen Verfassung 1921 und zum 1923 geschlossenen Zollvertrag mit der Schweiz.  

Bei aller Eigenständigkeit: In der Politik hat in den letzten Jahrzehnten eher eine Verlagerung der Kompetenzen nach oben – sprich zum Land bzw. europäischen Institutionen geführt. Was halten Sie davon?

Ja, viele Kompetenzen haben sich zum Land hin verschoben. Das kann sinnvoll sein, wenn es um Sachaufgaben geht, welche das Land für die Gemeinden speditiver handhaben kann. Das ist auch bei den Zweckverbänden der Fall. Das heisst aber auch, dass man Kompromisse eingehen muss und weniger zu sagen hat. Die Idee allerdings, möglichst vieles, wenn nicht sogar fast alles auf Gemeindeebene bewältigen zu wollen, würde an realen Bedingungen und Wünschen der Menschen scheitern. Aber deutlich ist, dass sich Gemeinde, Dorf und Gesellschaft stark verändern und man die Gemeinden «neu denken» muss und sehen, ob und wie man sinnvollerweise Aufgaben in die Gemeinden verlagern soll und überhaupt kann.

Wovon hängt die Gemeindeautonomie ab?

In erster Linie vom politischen Willen, inwieweit die Gemeinde ihre Autonomie leben will. Im Gemeindegesetz heisst es: «Die Gemeinden ordnen und verwalten in ihrem eigenen Wirkungskreis ihre Angelegenheiten unter Aufsicht des Staates selbständig.» Der eigene Wirkungskreis ist definierbar, wenn auch nicht immer eindeutig. Man muss die Aufgabenentflechtung zwischen Land und Gemeinden sauber durchführen. Wenn Finanzen und Kompetenzen geregelt sind, wird es klarer. Gemeinden und Land bleiben trotzdem immer aufeinander angewiesen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen? 

Ja, wenn es beispielsweise um zukunftsfähige Verkehrslösungen geht. Da wird man zusammenhelfen müssen, weil ein «Spieler» alleine das nicht leisten kann, sei es die S-Bahn oder eine allfällige Trambahn durch das ganze Land – wofür Balzers weitsichtig die Linienführung im Richtplan vorgesehen hat. Solche Projekte muss man gemeinsam angehen. 

Solche solidarischen Projekte funktionieren aber scheinbar nicht, wenn man auf die Hängebrücke und die Kletterhalle schaut. 

Na ja … Ich bin überzeugt: Wenn man zukunftsträchtige oder symbolkräftige Projekte präsentiert und der Einwohnerschaft den übergreifenden Sinngehalt und allgemeinen Nutzen plausibel näherbringt, werden solche Vorhaben und Ideen auch unterstützt.  

Gegen Ende ihrer Landtags-Karriere waren Sie als Vorsteher von Balzers im Hohen Haus. Sieht man die Landespolitik durch die Gemeindebrille anders?

Die «Flughöhe» im Landtag ist höher als jene in der Gemeinde. Während man in der Gemeinde vieles aus der Praxis hautnah miterlebt, ist man im Landtag von Alltag entfernter und sich über vielleicht gering anmutende, aber später konkret spürbare  Konsequenzen von Gesetzesbeschlüssen möglicherweise nicht immer bis ins Letzte bewusst. Ich finde es für den Landtag wichtig, dass auch Abgeordnete ihre Erfahrungen als Vorsteher oder Gemeinderäte im Landtag teilen können. Das erweitert die Perspektive, stärkt den Sinn für das Machbare und schafft hohe Praxisbezüge.

Da würde jetzt aber beispielsweise ein Wendelin Lampert dagegenhalten, dass man  im Landtag die Vertretung des Landes sei und nicht der Gemeinden.

Das kann man so sehen. Es sitzen auch Abgeordnete in Gemeinderäten. Jeder Landesbürger muss in einer Gemeinde Bürger sein. Laut Verfassung ist Liechtenstein ein Staatsverband von zwei Landschaften mit elf Gemeinden. Das gibt den Gemeinden Gewicht. Vor nicht so langer Zeit bezeichnete sich der Landtag sogar als «Hüter der Gemeindeautonomie». Wer also ist das Land? Wir alle! Man kann den Bürger weder aufteilen noch zwei Herren dienen. Es hilft nichts, Mauern und Gegensätze aufzubauen. Wir sitzen im gleichen Boot. Gefragt sind Zusammenarbeit, wo sie sinnvoll und zielführend ist, und in jedem Fall der altbewährte Liechtensteiner Pragmatismus. Am Ende ist es allein den Stimmbürgern überlassen, wen sie in den Landtag, die Volksvertretung, wählen und wen nicht. Allerdings ist eine gesunde Mischung immer besser als eine «Monokultur» – das gilt für die Politik wie für alle anderen Lebensbereiche. (mw)
26. Apr 2018 / 06:31
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