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Auf Wanderung mit «Mr Corona»

Vergangenen März, kurz vor seiner Pension, wurde Daniel Koch wegen der Pandemie unerwartet zu einer Schweizer Berühmtheit. Verändert hat ihn das Rampenlicht nicht, meint der ehemalige leitende Bundesangestellte beim BAG. Ursprünglich wollte er das Interview auf dem Aletschgletscher im Wallis durchführen. Wetterbedingt wurde es in eine Bäckerei auf der Riederalp verlegt. Das Gespräch über Corona, Sport und Liechtenstein war jedoch spannend genug, sodass nicht einmal die versprochene wunderschöne Aussicht davon hätte ablenken können. (Hinweis: Das Interview wurde am 4. August geführt.)
Daniel Koch vor der Gletscherbahn Moosfluh auf Bettmeralp. (Bild: Daniel Schwendener)
(Bild: Daniel Schwendener)
Daniel Koch
(Bild: Daniel Schwendener)
Daniel Koch
(Bild: Daniel Schwendener)

Herr Koch, wir haben uns an der Seilbahnstation der Bettmeralp getroffen und sind zur Riederalp gewandert. Welche Verbindung haben Sie zum Kanton Wallis?
Daniel Koch: Ich bin hier aufgewachsen. Die Bäckerei, in der wir uns gerade befinden, gehört einem alten Freund von mir, mit dem ich in Brig die Primarschule besucht habe. Das Wallis ist mein Ursprung. Ich kehre immer wieder gerne hierher zurück.

Der besagte Freund unterbricht das Interview. Er möchte wissen, wo sich Daniel Koch all die Jahre aufgehalten hat. Seine Antwort: Es käme bald ein Buch über ihn heraus. Er werde ihm ein Exemplar schicken.  

Eigentlich wollten Sie uns den Aletschgletscher zeigen. Aufgrund des dichten Nebels sind wir stattdessen in diese Bäckerei eingekehrt. 
Leider haben wir für dieses Interview den ersten schlechten Tag erwischt, den das Wallis diesen Sommer erlebt hat. Aber so ist das nun mal in den Bergen. 

Sie können eine Wanderung in dieser Region trotzdem empfehlen. 
Jeder sollte das Aletschgebiet einmal gesehen haben. Es gehört zu den schönsten Ecken der Schweiz mit einer wunderbaren Aussicht auf den grössten Gletscher Europas. 

Waren Sie schon einmal in Liechtenstein? 
Ja, selbstverständlich. Allerdings habe ich nicht das ganze Land durchkämmt. Ich hatte einen sehr regen Kontakt zu den Kantonsärzten, als ich beim BAG für die übertragbaren Krankheiten verantwortlich war. Liechtenstein ist diesem Netzwerk über die Amtsärztin angeschlossen. Sie nahm bei sämtlichen Telefonkonferenzen teil, die während Corona zweimal pro Woche stattfinden. Als sich das Land auf die Pandemie vorbereitete, habe ich das Amt für Gesundheit in Vaduz besucht.

Dann haben Sie bestimmt einen Eindruck vom Gesundheitswesen vor Ort erhalten.
Ihr seid diesbezüglich wirklich gut organisiert. Das hängt auch damit zusammen, dass das Land kleiner ist, was es einfacher macht. Es hat jedoch auch die notwendigen Ressourcen zur Verfügung. Ich habe die Zusammenarbeit stets als professionell und kollaborativ erlebt. Ich sage immer, dass Liechtenstein im Gesundheitsbereich unser bester «Kanton» ist. (lacht) Weil ihr immer dankbar für alles seid, was das BAG macht, nie reklamiert und euch hilfsbereit zeigt. Andere Kantone sind da eher das Gegenteil. Ich habe ­beste Erinnerungen an Liechtenstein. 

Kommen wir weg vom Beruflichen. Was verbinden Sie spontan mit Liechtenstein?
Das Schloss, den Fürst und eure Spitzenathleten im Skifahren. Wenn man im Wallis aufwächst, ist man mit dieser Sportart eng verbunden. Natürlich weiss ich auch, dass sich der FC Vaduz für die Barrage qualifiziert hat.  

Mit Tina Weirather hat das Land dieses Jahr ein Aushängeschild verloren.
Im Gegenteil: Ihr habt durch ihren Rücktritt von der aktiven Karriere eine Spitzensportlerin gewonnen, die nun bestimmt in irgendeiner Form den Breitensport fördert. 

Daniel Koch
(Bild: Daniel Schwendener)

Sie haben persönlich ebenfalls einen Bezug zum Sport, betreiben seit einigen Jahren Canicross. Hierbei handelt es sich um einen Geländelauf, bei dem man mit einer flexiblen Leine an einen Hund gebunden ist. Was gefällt Ihnen daran?
Es macht mir Spass, weil es die einzige Laufsportart ist, bei der man wirklich als Team agiert. Der Hund zieht mit Vollgas und der Läufer versucht, so schnell wie möglich nachzukommen. Es ist meiner Meinung nach sehr bereichernd. 

Zudem haben Sie auch schon Marathons und Halbmarathons absolviert, unter anderem auf dem Aletschgletscher.
Ich laufe zwar auch ohne Hund. Wenn er mich nicht antreibt, bin ich aber wesentlich langsamer.

Wie sind Sie auf diese aussergewöhnliche Sportart aufmerksam geworden?
Dank meiner Hündin Akira. Sie ist sehr aktiv gewesen, musste ausgelastet werden. Canicross hat hierfür super funktioniert und deshalb sind wir dabeigeblieben. Letzten Sommer ist Akira leider erkrankt. Sie hat sich wieder erholt, aber ich kann ihr die Wettkämpfe nicht mehr zumuten. Ich habe nun einen zweiten, elf Monate alten Hund. Sobald er einjährig ist, darf ich an die ersten Rennen mit ihm. 

Was waren Ihre grössten sportlichen ­Erfolge mit Akira? 
2016 in Tschechien konnten wir in meiner Alterskategorie den Europameistertitel holen. An der Weltmeisterschaft 2018 in Polen wurden wir Zweite. Diesen Herbst wäre eigentlich die nächste WM in Frankreich geplant gewesen. Diese wurde nun allerdings auf das nächste Jahr verschoben.

Soll 2021 der WM-Titel her?
Ich werde alles probieren und dann schauen wir, was passiert. Es wird nicht einfacher, da ich älter werde. Den neuen Hund trifft bestimmt keine Schuld, falls es für den Sieg nicht reicht.  

Als begeisterter Sportler freuen Sie sich, dass nach der Coronapause wieder Trainings und Wettkämpfe möglich sind.
Es ist extrem wichtig, dass man alles wieder erlaubt, was verantwortbar ist. Mit Regeln, Vorsichtsmassnahmen und Disziplin lassen sich die meisten Sportarten ohne grosses Risiko ausüben. Bewegung ist essenziell für die Bevölkerung. Sie gehört zur Gesundheit dazu, damit man sich nicht ansteckt. Das darf man meiner Meinung nach nicht vernachlässigen. Genauso wenig wie die Rolle des Spitzensports, der als Motivation für den Breitensport dient. Gerade nach dem Lockdown haben manche einige Kilo zugenommen, die sollten sie jetzt wieder wegbringen. 

Die entscheidende Voraussetzung für den Sportbetrieb ist eine funktionierende Rückverfolgung der Ansteckungen.
Genau. Wenn jemand das Coronavirus aufweist, ist vor allem wichtig zu wissen, wo er sich damit infiziert hat und wen er angesteckt haben könnte. Sind das Personen von derselben Mannschaft oder vom Verein, ist das «nicht so schlimm». Ein Problem wird es erst, sobald man diese Kette nicht mehr nachverfolgen kann. 

Worauf sollte man noch achten, wenn man sich während der Pandemie fit hält?
Alles vermeiden, was unnötig ist. Die Wenigsten werden sich während des Sports anstecken, sondern wenn sie nachher etwas trinken gehen oder Sozialkontakte pflegen. Das gehört dazu, aber gerade dort müssen die Vereine aufpassen und ihre Mitglieder an die Empfehlungen erinnern. 

(Bild: Daniel Schwendener)

Der Schweizer Profifussball geriet aufgrund mehrerer Coronafälle in Kritik. Viele meinen, dass die Schutzkonzepte lascher als in Deutschland sind. 
Gerade der Fussball hat eine Vorbildfunktion. Ich verstehe daher nicht, weshalb sich Spieler nach jedem Goal in den Armen liegen oder wie YB dicht aufeinander die Meisterschaft feiern. Es ist nicht so, dass sie sich dabei angesteckt haben. Aber wenn die Profis das auf dem Fussballplatz machen, kann von den Fans kein anderes Verhalten erwartet werden. Dann haben sie nicht begriffen, worum es eigentlich geht. Wenn sich eine halbe Mannschaft ansteckt, hat irgendetwas nicht funktioniert. Von dem her muss sich der Schweizer Fussball glaube ich schon eine gewisse Kritik gefallen lassen und verbessern. Sonst werden wir es im Winter schwer 
bereuen. 

Halten Sie es für realistisch, dass die neue Saison im Amateurbereich erfolgreich beendet werden kann?
Das muss gelingen, weil sonst wird vieles andere auch nicht gehen. Schweiz wie Liechtenstein kann sich das eigentlich nicht leisten. Wir haben einen hohen Lebensstandard, können so tief fallen. Alles, was man jetzt in schnellere Tests investiert – das ist nicht verlorenes Geld, sondern man kann gar nicht ­genug dafür ausgeben. 

Gehen wir über zu Ihrer Person. Was hat Daniel Koch dazu bewegt, Medizin zu 
studieren? 
Wahrscheinlich ist mir nichts Besseres eingefallen. (lacht) Ich komme aus einer Medizinerfamilie, meine Eltern sind früh gestorben. Für dieses Studium habe ich mich relativ kurzfristig entschieden. Ich habe mir gesagt, wenn es nichts wird, werde ich Lastwagenfahrer. Rückblickend ist es wahrscheinlich nicht so eine schlechte Idee gewesen.

Für das Rote Kreuz waren Sie 14 Jahre lang in diversen Krisengebieten unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?
Vielleicht hat es mir dabei geholfen, in gewissen Situationen die Ruhe zu bewahren. Es gibt Probleme, die lassen sich nicht lösen. Damit muss man sich abfinden. Es gilt, sich auf jene Bereiche zu konzentrieren, wo man etwas machen kann. Das Virus lässt sich nicht vertreiben, aber wir können das Bestmögliche aus der Situation machen. Ich möchte eine Pandemie jedoch nicht mit Krieg vergleichen, weil es etwas völlig anderes ist. Kriege werden von Menschen gemacht. Eine Pandemie ist hingegen eine Naturkatastrophe, daran ist niemand schuld.  

Wie kam es dazu, dass Sie anschliessend zum BAG gegangen sind?
Ich habe die Stelle ausgeschrieben gesehen, mich beworben und wurde genommen. Ich hatte eine gute Zeit beim BAG. Die Abteilung für «Übertragbare Krankheiten» konnte während meiner Amtszeit viel erreichen, zum Beispiel ein neues Epidemiengesetz, das 2016 in Kraft getreten ist.

In Ihrem letzten Jahr vor der Pension wurden Sie vom gewöhnlichen Beamten zu «Mr Corona». Plötzlich waren Sie wegen eines Virus in der ganzen Schweiz ­ bekannt. 
Der Schluss meiner Karriere beim BAG ist sowohl speziell als auch unerwartet gewesen. Ich hätte bestimmt keinen jungen Hund ­gekauft, wenn ich gewusst hätte, dass ich so beschäftigt sein werde. Mein Bekanntheitsgrad ist durch die Pandemie angestiegen, was nicht immer nur einfach war. Die Vorteile überwiegen jedoch. Die Schweizer sind in dieser Hinsicht angenehm, verhalten sich immer freundlich. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass ich nicht mehr alles inkognito machen kann. 

Hat sich Daniel Koch durch das Rampenlicht verändert?
Ich hoffe, dass ich derselbe geblieben bin. Mich kennen jetzt einfach mehr Leute. 

Ende Mai sind Sie in Pension gegangen. 
Zwar später als geplant, aber meiner Meinung nach war es der richtige Zeitpunkt. Die erste Welle war vorbei.

Daniel Koch
(Bild: Daniel Schwendener)

Können Sie den Ruhestand überhaupt geniessen? Ganz verabschiedet haben Sie sich ja nicht.
Langweilig wird mir sicher nicht, weil mir die Gesundheit nach wie vor ein Anliegen bleibt. Das Virus ist nicht weg. Wenn ich also irgendetwas dazu beitragen kann, dass wir besser mit der Situation umgehen, tue ich das gerne.  

Vor Kurzem haben Sie ein Consulting-Unternehmen gegründet. Warum?
Ich habe nicht im Sinn, damit ein Imperium aufzubauen. Es ist eine Einzelfirma. Einfach gesagt, geht es darum, dass ich nur mit einem Eintrag im Handelsregister eine Rechnung stellen kann für die Sachen, die ich nicht gratis mache. 

Um welche Dienstleistungen handelt es sich? 
Es sind Beratungen im Sportbereich. Für den Herbst haben mich auch einige Unternehmen für Vorträge gebucht, hauptsächlich im Bereich Krisenmanagement und Kommunikation.

Inwiefern sind Sie noch in der Taskforce und den Entscheidungen des Bundes involviert?
Ich pflege zu einigen Mitgliedern noch privaten Kontakt. Ein offizielles Mandat habe ich ­jedoch nicht mehr. 

Das Telefon klingelt. Herr Koch entschuldigt sich, geht ran. Ein anderer Journalist bittet ihn um ein Interview. Die beiden vereinbaren einen Termin für denselben Nachmittag. Es ist bereits die zweite Medienanfrage an diesem Tag – den ersten Anruf erhielt er während der Wanderung. 

Nach dem Ende Ihrer BAG-Karriere haben Sie sich auf Instagram angemeldet. Wie kommt man als 65-Jähriger auf diese Idee?
Die Situation zeigt, dass die junge Bevölkerung gezielt angesprochen werden muss. Es ist wichtig, dass sie die Angelegenheit verstehen. Sonst haben sie Mühe, Einschränkungen wie die Schliessung einer Diskothek zu akzeptieren. Es nützt nichts, jeden Abend im Fernsehen zu sein – das sieht niemand von den ­20-Jährigen. Die sozialen Medien sind der richtige Kanal, um diese Zielgruppe zu erreichen. 

Wenn Sie auf die bisherigen Massnahmen des Bundes zurückblicken: Würden Sie im Nachhinein, mit mehr Wissen über das Virus, anders vorgehen?
Rückblickend könnte man immer etwas anders machen. Im grossen Stil bin ich aber überzeugt davon, dass der Bundesrat richtig entschieden hat. Persönlich hätte ich gewisse Sachen anders gehandhabt, aber das sind ­Details. 

Welche Beobachtungen lassen sich beim Verlauf der Pandemie in Liechtenstein feststellen? 
Allgemein bekannt ist, dass Liechtenstein erheblich unter dem Phänomen «Ischgl» gelitten hat. Das wird auch im nächsten Winter die Herausforderung sein. Das Après-Ski, wie wir es in den letzten Jahren kannten, wird nicht möglich sein. 

Muss man sich um den Wintersport ­sorgen?
Das bedeutet keinesfalls, dass Skifahren nicht möglich sein wird. Das gehört zu unserer Alpenkultur dazu und da schliesse ich Liechtenstein mit ein. Es hat früher schon Wintersportler gegeben, die haben sich die ganze Saison über mit keiner Grippe angesteckt, das werden sie auch jetzt schaffen. Man muss ihnen genauso wie allen anderen die Möglichkeit geben, ihren Sport wieder auszuüben.

Haben Sie sich jemals mit Liechtensteins Gesundheitsminister getroffen?
Nein, wie erwähnt war ich aber während meiner Zeit beim BAG regelmässig mit der Amtsärztin in Kontakt.

Mitte März rief Liechtensteins Gesundheitsminister Mauro Pedrazzini die Mitarbeiter der Landesverwaltung aufgrund ­einer Knappheit an Desinfektionsmittel dazu auf, hochprozentigen Alkohol zu spenden. Innerhalb eines Tages kamen 1200 Liter für die Brennerei zusammen, zum Teil auch von Einwohnern des ­Landes. 
Das Sammeln von Schnaps und das Zur-Verfügung-Stellen von Desinfektionsmittel war eine gute Idee. Ich bin ein grosser Verfechter der Händedesinfektion. Sie ist mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als das Maskentragen. Jeder sollte ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel mit sich tragen. Man darf nicht vergessen: Der Mensch lebt mit seinen Händen und sie sind das Hauptübertragungsmittel. Es ist eher selten, dass einem jemand ins Gesicht hustet. Händeschütteln passiert hingegen häufiger. 

Nehmen wir an, Liechtenstein hätte sich nicht an die Massnahmen der Schweiz gehalten: Wären die Grenzen zugegangen?
Am Anfang gab es solche Befürchtungen mit dem Tessin, weil in Italien bestimmte Regionen unter Quarantäne gestellt wurden. Ich bin vehement gegen ein solches Vorgehen. Meistens ist es kontraproduktiv. Würde man etwa Liechtenstein abriegeln, löst das in der Bevölkerung nur eine Panik aus. Diese führt dazu, dass die Leute fliehen. Schafft das eine Person, sagt sie bestimmt nichts über ihre Herkunft aus. Dann wird das Virus erst recht gestreut. Ausserdem könnte man so etwas nur mit Gewalt kontrollieren. Wo kommen wir hin, wenn wir mit dem Militär gegen Viren schiessen? Eine Quarantäne macht nur als Massnahme für Einzelne Sinn, in Sonderfällen für eine gesonderte Gruppe. Ihnen kann man das erklären und über 95 Prozent von ihnen begreifen das auch.
 
Im Juli gab es sechs neue Coronafälle in Liechtenstein. In der Schweiz sind die Zahlen auch wieder gestiegen. 
Einige Massnahmen und Lockerungen könnte man hinterfragen. Viel wichtiger scheint mir jedoch, dass wir das Contact Tracing verbessern. Es funktioniert nur, wenn man die Fälle frühzeitig erkennt, bevor sich Weitere anstecken. Jeder, der Krankheitssymptome hat, muss sich schnell und einfach testen lassen können. Es darf nicht zu kompliziert sein. Da müssten wir uns innovativere Lösungen einfallen lassen. Auch Gegenden wie Liechtenstein und die Ostschweiz, die sehr wenig Erfahrung mit dem Coronavirus gemacht haben, müssen sich der Gefahr bewusst bleiben. Wenn wir in die Westschweiz und das Tessin schauen, können wir uns dasselbe Ausmass einfach nicht mehr erlauben.

Ist Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft eine gewisse Nachlässigkeit feststellbar?
Der Mensch ist vergesslich, nicht nur mit dem Alter. Von daher können die Informationen gar nicht oft genug wiederholt werden. Grundsätzlich sind einige Regeln mehr als sonst durchzusetzen, die zum Teil zwar unangenehm, aber ertragbar sind. Vor allem, damit man so normal wie möglich leben kann. Dafür muss man sich nicht die Hand schütteln.

Wie stehen Sie zu einer Maskenpflicht an Schulen und anderen öffentlichen Räumen? 
Es hilft den Leuten, sich an die Massnahmen zu erinnern. Man hat es beim ÖV gesehen: Seit dort eine Pflicht besteht, braucht sich niemand mehr für das Tragen zu genieren. Überall dort, wo man den Abstand nicht einhalten kann, macht eine Mundschutzmaske durchaus Sinn. Abstand halten ist aber immer besser. Eine Maske erlaubt nicht, die Distanz ­absichtlich zu verringern. 

Von 2006 bis 2008 leiteten Sie die Sektion «Impfungen» beim BAG. Wie stehen Sie zu einer Impfpflicht, sobald ein Stoff vorhanden ist?
Es ist jetzt zu früh, eine Impfstrategie festzulegen. Dafür muss man wissen, wie der entsprechende Stoff funktioniert. Was man mit Gewissheit sagen kann: Das Gesundheitspersonal sollte möglichst früh geimpft werden. 

Sie waren auch in der Taskforce für die Sars-Pandemie (2002/2003) und die Vogelgrippe H5N1 (2004). Worin unterscheiden sich diese Pandemien zu Covid-19?
Das Ausmass ist gar nicht vergleichbar. Damals hat man sehr viel früher das Licht am Ende des Tunnels gesehen. Im Moment befinden wir uns hingegen eher in einem Gott­hardtunnel. Die Herausforderung bei jeder Epidemie ist die Länge. Die Krise geht vorbei, aber bis wir das Virus im Griff haben, dauert es lange – man denke nur an HIV.

Vor der letzten Frage nähert sich Frau Schwarz, die seit 40 Jahren immer wieder mal Ferien im Wallis macht. Sie wollte eigentlich Herrn Koch eine E-Mail schreiben. Nun nutzt sie die Gelegenheit, um sich persönlich bei ihm zu bedanken: «Sie haben uns wirklich geholfen.» Danach bittet Sie ihn um ein Foto, die Nervosität ist ihr sichtlich anzumerken. Koch erklärt sich sofort dazu bereit, weist dabei auf den empfohlenen Abstand hin. 
 
Herr Koch, wie lange wird uns das Coronavirus noch beschäftigen?
Das Virus wird uns über Jahre hinweg begleiten. In erster Linie betrifft das nicht die Schweiz und Liechtenstein. Wir gehören glücklicherweise zur Sonnenseite dieser Welt. Es gibt sehr viele Staaten, wo es ein viel grösseres Problem darstellt und so weitergehen wird. Das ist das Tragische an Pandemien: Am Schluss zahlen es dann die untersten Sozialschichten der Gesellschaft respektive die ärmsten Länder. (gk)

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