• Stefan Sohler, Vaduz
    Stefan Sohler sagt der Aiba eine spannende Zukunft vorher. Langweilig werde es nicht.  (Tatjana Schnalzger)

Mehr Ideen, als er am Tag umsetzen kann

Es sind zehn sehr spannende Jahre, auf die Stefan Sohler als Geschäftsführer der Aiba zurückblicken kann. Auch in Zukunft hat er noch viel vor.

Sie feiern nicht nur Ihr zehnjähriges Jubiläum als Geschäftsführer der Aiba, sondern sind damit auch bereits seit 20 Jahren für die internationale Berufsbildung in Liechtenstein tätig. Wie ist es dazu gekommen?

Stefan Sohler: Es handelt sich dabei um einen glücklichen Zufall. Bevor ich nach Liechtenstein zurückgekommen bin, war ich in Kreuzlingen für einen internationalen Konzern tätig. Dort lag mein Tätigkeitsbereich im Produktionscontrolling. Zufällig bin ich damals auf ein Stelleninserat vom Amt für Berufsbildung gestossen und ich wollte mein Glück versuchen. Das Vorstellungsgespräch war sehr anspruchsvoll. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, als ich die Stelle als Verantwortlicher für das europäische Bildungsprogramm Leonardo Da Vinci erhalten habe. Damit konnte ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits zurück nach Liechtenstein kommen und andererseits hatte ich so die Möglichkeit, eine neue Perspektive auf die Berufsbildung zu erhalten und mein Wissen dort einzusetzen. 

Woran liegt es, dass Sie nach 20 Jahren immer noch dabei sind? 

In all den Jahren ist die Arbeit enorm spannend geblieben. Wir haben nach wie vor mehr Ideen, als wir an einem Tag umsetzen könnten. Zudem sind wir sehr dynamisch: Wird ein Programmbereich abgeschlossen, folgt sogleich der nächste. Meine Faszination liegt darin, dass wir uns als Team an einen Tisch setzen können und wir stets neue Denkanstösse finden. Wir sind zudem auch international so gut vernetzt, dass wir immer wieder neue Ideen erhalten, wie der Berufsbildung und Bildung in Liechtenstein neue Impulse gegeben werden können.

Wie setzen Sie diese Impulse um? 

Es ist toll, gemeinsam mit Menschen aus Liechtenstein Gros­ses erreichen zu können. Zum Beispiel bereiten wir junge Berufsleute auf die Worldskills vor. Die Kandidaten setzen ihre ganze Hoffnung und ihr Können auf die Weltmeisterschaft. Wir dürfen sie bei dieser einmaligen Bildungsreise begleiten. Dasselbe gilt für die Projektträger, die wir im Rahmen von Erasmus betreuen. Sie kommen mit ihren Ideen zu uns und gemeinsam realisieren wir diese. Sowohl die Projektträger als auch die Worldskills-Teilnehmenden wissen, dass strenge Monate vor ihnen liegen, sie sich aber auf die Aiba verlassen können. Bei diesen Prozessen lernen auch wir immer Neues dazu.

Inwiefern? 

Brasilien, Abu Dhabi, 2019 Russland und 2021 China: In den Ländern haben die World­skills noch nie zuvor stattgefunden. So schwingt auch für uns immer wieder das Unbekannte mit. Es macht Spass, dieses Ungewisse zu entdecken, und das macht auch den Beruf lebendig.

Sie müssen sich auf Neues einlassen und flexibel bleiben. Welche Eigenschaften muss der Aiba-Geschäftsführer noch mitbringen? 

Man muss offen sein. Ich habe in all den Jahren sehr viel dazugelernt und gleichzeitig dasselbe immer wieder neu gelernt. Das ist den neuen EU-Programmen geschuldet und den Funktionen, die hinzugekommen sind. Ebenfalls haben sich mit der zunehmenden Digitalisierung die Arbeitsprozesse verändert. Controlling ist heute sehr wichtig: Was uns die Systeme so hilfreich zusammengefasst haben, muss auf die Richtigkeit überprüft werden. Geduld und Vertrauen sind ebenfalls wichtig. Wir schlagen eine Richtung ein und müssen mit unserem Fachwissen darauf vertrauen, dass sich die Bildungslandschaft auch dahin entwickelt, wo sie hin soll. Mit der Zeit habe ich dafür ein Gespür entwickelt. Zudem ist der Druck permanent gross und das Arbeitspensum immens. Wie mit diesem Druck umzugehen ist, habe ich durch meine Worldskills-Teilnahme als Kandidat, Experte und schliesslich als offizieller Delegierte gelernt.

Sie haben das zunehmende Controlling angesprochen. Hat sich dadurch Ihr Aufgabenbereich verändert? 

Die Aiba ist in den vergangenen Jahren inhaltlich stark gewachsen. Ich habe tolle Mitarbeitende und ausgezeichnete Bereichsleiterinnen und -leiter, die für viele der Aufgaben, die ich früher selbst erledigt habe, nun die Verantwortung tragen. Somit hat eine Verlagerung stattgefunden und ich musste lernen zu delegieren. Wie dem Geschäftsbericht der Aiba zu entnehmen ist,  scheinen wir derzeit alles richtig zu machen – trotz der manchmal schwierigen Rahmenbedingungen. Teilweise ist es auch eine Herausforderung, Entscheidungen zu treffen. Wir haben mehr vielversprechende Optionen, als wir überhaupt realisieren können. Wir müssen selektieren.

Die Auswahl an Angeboten hat zugenommen.  

Der Schwerpunkt hat sich verlagert. Am Anfang stand die Berufsbildung im Fokus. Mit dem darauffolgenden Programm sind die Hochschul-, Schul- und Erwachsenenbildung hinzugekommen. Mittlerweile ist auch der Vorschulbereich integriert. Es ist eine enorme Fördervielfalt vorhanden, die es früher so nicht gab. Ab dem nächsten Jahr wird mit dem neuen Erasmus-Programm zudem der Sportbereich abgedeckt sein und der Jugend- sowie Kulturbereich werden stärker ausgebaut. Ebenfalls ganz spannend: Die Berufsbildung erhält voraussichtlich eine internationale Dimension. Bisher fand ein Austausch nur innerhalb Europas statt. Künftig dürfen Lernende etwa nach Japan, China, Australien oder in die USA. Das globale Netzwerk ist in der neueren Berufsbildung extrem aufgekommen und es bietet sich auch für Worldskills an, damit die Teilnehmenden und Experten darüber kofinanziert werden. 

Somit liegt der Fokus wieder auf der Berufsbildung? 

Auf europäischer Ebene wurde tatsächlich entschieden, den Schwerpunkt wieder vermehrt auf die Berufsbildung zu legen. Sie soll innerhalb der EU mehr vernetzt werden. Das ist ein wichtiges Signal – gerade in Zeiten von Corona. Die jungen Leute, die ihre Lehre abgeschlossen haben und jetzt auf den Arbeitsmarkt drängen, oder solche, die eine Lehrstelle suchen, brauchen unbedingt Unterstützung.

Apropos Coronavirus: Hat dieses bei der Aiba für Mehraufwand gesorgt? 

Wir üben im Rahmen des Erasmus-Programms eine beratende Funktion aus. In der Coronakrise haben die Beratungen deutlich zugenommen. Spannend ist aber auch, dass die Antragsrunde 2020 genau auf die Zeit der Pandemie gefallen ist. Ein paar Projektträger haben Themen mit Bezug auf das Coronavirus aufgegriffen. Auch war in Summe 2020 die beste Antragsrunde, die wir je hatten. Ob dies mit dem Virus zusammenhängt, kann ich nicht genau sagen. Es gibt aber auf jeden Fall das Phänomen, dass wenn ein Erasmus-Programm ausläuft und ein neues startet, die Zahl der Anträge jeweils zunimmt. Dies, weil man die Strukturen des bestehenden EU-Programmes kennt. Im Vergleich dazu reagiert man beim neuen Programm in Bezug auf die Erstanträge kulanter.

Dennoch wird das Potenzial in Liechtenstein noch lange nicht ausgeschöpft. Wie wollen Sie Anreize schaffen? 

Liechtenstein ist ein vom Export getriebenes Land. Ich denke, fast jede Stelle, die hier am Werkplatz Liechtenstein angeboten wird, kommt einmal mit dem Ausland in Berührung. Daher ist es für mich persönlich wichtig, dass wir – sei es in der Schule, während der Lehre, im Studium, beim Sport oder einer Weiterbildung – den internationalen Austausch über alle Altersgruppen hochhalten. Darin sehe ich eine einzigartige Chance mit dem Erasmus-Programm. Wir müssen möglichst viele potenzielle Projektträger erreichen. In allen Bereichen besteht noch Luft nach oben. Die finanziellen Mittel sind vorhanden und wir werden sie wohl nie ganz ausschöpfen können. Trotzdem ist die Entwicklung erfreulich. Während der letzten Programm-Periode haben wir über den Zeitraum dieser sieben Jahre insgesamt 60 Projekte betreut. Jetzt sind es über 100 Projekte und die vertraglich ausgeschütteten Fördermittel haben sich in diesem Zeitraum vervierfacht. Das ist eine ordentliche Steigerung. 

Worldskills und Erasmus sind die Aushängeschilder der Aiba. Welchen Stellenwert haben die Programme für Sie? 

Es gibt noch mehr. Etwa den EWR-Finanzierungsmechanismus, eTwinning oder den nationalen Qualifikationsrahmen. Jedes Programm leistet einen deutlichen Mehrwert. Erasmus ist dabei der Impulsgeber. Private, Unternehmen und Institutionen erhalten die Gelegenheit, ihre Projekte zu realisieren. Und so sind wiederum alle Projektträger Impulsträger für die Weiterentwicklung im Bildungs-, Jugend- und Sportumfeldbereich. Erasmus ist auch deshalb sehr wertvoll, weil es zur internationalen Vernetzung beiträgt. Mit Worldskills sind wir wiederum viel näher bei den Berufsleuten. Auch diese haben eine enorme Entwicklung an den Tag gelegt. Als ich vor zehn Jahren die Position als Geschäftsführer übernommen habe, hatte Worldskills 42 Teilnehmerländer. Nun sind es 84. Gerade während der Rekrutierung und Qualifikation der Kandidaten sind wir sehr nahe bei den Betrieben, wodurch der Austausch noch einmal ein anderer ist. Während den rund einjährigen Vorbereitungen auf die Meisterschaften arbeiten wir zudem mit rund 60 bis 80 Betrieben in Liechtenstein zusammen.

Wenn Sie an die vergangenen zehn Jahre zurückdenken, was war eines der schönsten Erlebnisse? 

Es gibt viele schöne Momente. Spontan fallen mir die World­skills 2017 in Abu Dhabi ein. Obwohl wir alles perfekt vorbereitet hatten, kam eine unserer grossen Werkzeugkisten nicht am Wettbewerbsort an. Während drei Tagen mobilisierte das liechtensteinische Worldskills-Führungsteam alle verfügbaren Ressourcen. Beispielsweise wurden die Schweizer Botschaft und die Zollverwaltung in Abu Dhabi kontaktiert. Zudem wurde mit der Airline eine Sondergenehmigung ausgehandelt, damit Ersatzwerkzeuge im Reisegepäck unserer Fans mitgenommen werden durften. Letztlich tauchte die Werkzeugkiste, vier Stunden vor Beginn, noch rechtzeitig auf. Die Erleichterung war gross. Mich hat dabei die Leistung unseres Worldskills-Führungsteams beeindruckt. Der Teilnehmende selbst erfuhr erst nach den Wettbewerben vom Vorfall. Ebenfalls ist es sehr spannend, dass wir Kontakte zu vielen verschiedenen Bereiche haben. Sei dies zu einem Lernenden, Ausbildungsverantwortlichen oder Staatsoberhaupt. Vergangenen Mai beispielsweise wurden wir im Élysée-Palast in Paris von Emmanuel Macron empfangen.

Werden Sie in zehn Jahren noch bei der Aiba sein? 

Ich hoffe, dass ich noch hier sein werde, um die vielen Ideen mit meinem Team umzusetzen. Wir werden wahrscheinlich immer noch jeden Tag zwei zu viel haben. Zumindest liegt es in meinem Naturell, dass wir zu viele Pläne, aber zu wenig Zeit dafür haben. Ausserdem steht uns ein spannendes Zeitalter bevor. Denn die Dekade 2020 bis 2030 ist jene der Berufsbildung. 

Welche Ideen stehen bei Ihnen zuoberst auf der Liste, die Sie ohne Zeitdruck umsetzen würden? 

Einen Traum gibt es schon seit ungefähr zehn Jahren: Wenn wir genügend Sponsoren hätten, würden wir ein Center of Excellence spezifisch für Worldskills einrichten. Wir haben das damals Karriereschmiede genannt und die Domain für die Webseite ist vorsorglich schon gesichert. Dabei ginge es darum, drei bis fünf Lernende der jeweiligen Berufe auszubilden. Ein etwas kleineres Projekt wäre ein internationales Café der Begegnung. Dort dürfte jeder rein, um sich mehr mit den Themen rund um die internationale Bildung zu befassen. 

Wo sehen Sie die Aiba in den nächsten Jahren? 

Es ist schon beeindruckend, was wir in den letzten zehn Jahren realisieren durften. Alleine mit diesem Erasmus-Programm haben wir über 100 Projekte unterstützt, in die über 10 000 Personen involviert waren. Ausserdem ermöglichten wir über 2000 Personen aus Liechtenstein einen direkten Bildungsaufenthalt in Europa und darüber hinaus. Das neue Programm wird grösser werden. Die Aiba ist gut aufgestellt, um diese neuen Aufgaben übernehmen zu können. Was wir allerdings brauchen, sind mehr Ressourcen. Denn auch Worldskills wird weiterwachsen. Die Aiba wird gefordert sein. (jk)

30. Jun 2020 / 20:24
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