• Finance Forum Liechtenstein
    Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender Deutsche Bank, ist betreffend Grossbritannien pessimistisch gestimmt.  (Daniel Schwendener)

«Liechtenstein hat s'Füferle und s'Weggli»

Die Finanzwelt sieht sich mit grossen Veränderungen konfrontiert. Am diesjährigen Finance Forum wurden diese beleuchtet. Fazit: Liechtenstein wird davon nicht verschont bleiben. Doch es hat viele Möglichkeiten, damit es erfolgreich bleibt.


Privatkonten, die rein auf Apps basieren. Algorithmen, die Anlageentscheidungen treffen. Hypotheken, zu denen es keine Bank mehr braucht. Und jetzt bringt der Tech-Gigant Apple auch noch eine Kreditkarte auf den Markt und setzt so eine erste Duftmarke in der Finanzwelt. Wer die Berichterstattung rund um die Finanzbranche verfolgt, sieht das traditionelle Banking auf verlorenem Posten. Doch ist das wirklich so? Das diesjährige Finance Forum, welches gestern in Vaduz stattfand, widmete sich genau diesen Disruptionen in der Finanzwelt. Regierungschef Adrian Hasler stellte gleich zu Beginn der Veranstaltung klar, dass der liechtensteinische Blick nicht zu den Untergangs­szenarien gerichtet ist, sondern zu den Chancen. Er zeigte sich überzeugt, dass die Suche nach neuen Lösungen mit einem höheren Kundennutzen dem Land helfen werde, weiter erfolgreich zu sein. Eine Ansicht, die er mit dem darauffolgenden Redner teilte.

«Fragen Sie die Menschen, was sie brauchen»

Stephan Siegrist ist Gründer und Leiter des Thinktanks «Wire».  Als solcher beschäftigt er sich seit Jahren mit den Veränderungen in der Finanzbranche. Er ist davon überzeugt, dass sich die Welt in eine Richtung bewegt, in der die Finanzdiensleister viel mehr über ihre Kunden wissen. Entsprechend würden auch die Lösungen immer individueller werden. Er warnte aber auch vor dem Blick in die Glaskugel. Am besten sei es, auf ein altes Prinzip zurückzugreifen: «Fragen Sie die Menschen, was sie brauchen. Dann wissen Sie, wohin sich die Innovation bewegen wird.» Siegrist hat genau das gemacht und herausgefunden, was sich Bankkunden wünschen. Wenig überraschend bleibt auch in Zukunft Sicherheit und Vertrauen eine elementare Voraussetzung für Kundenbeziehungen. «Das ist die Grundvoraussetzung.» Ausserdem wollen die Kunden ein effizientes, simples und schnelles Banking. «Man will heute nicht mehr eine Zahlung auslösen und dann tagelang auf die Überweisung warten.» Und nicht zuletzt werde das individuelle Banking immer wichtiger werden: «Das wird die Königsdisziplin.» Das bietet auch dem hiesigen Finanzplatz Chancen. Denn wer das Rennen um die Kunden machen werde – Banken, Vermögensverwalter, Fintechs oder die Big Techs – sei noch nicht entschieden.

Europa gegenüber den USA im Hintertreffen

Einen Blick aus und auf Europa warf im Anschluss Paul Achleitner. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank nahm eine Bestandsanalyse der derzeitigen Verhältnisse vor. Zehn Jahre nach der Finanzkrise würden sich die europäischen Banken stabiler präsentieren und hätten nicht an Relevanz verloren. Im Gegensatz zu den USA sind sie aber bei Weitem nicht mehr so rentabel. Ein Problem der europäischen Banken sei vermutlich, dass sie nicht «too big to fail» sind, sondern «too small to scale». 
Im Anschluss an das Referat fühlte Moderator Reto Lipp, bekannt aus der SRF-Wirtschaftssendung «Eco», Achleitner auf die aktuellen Entwicklungen rund um die Deutsche Bank auf den Zahn. Derzeit wird die Fusionierung der Deutschen Bank und der Commerzbank geprüft. Dabei stellte Achleitner klar: «Es gibt keinen Druck aus Berlin.» Weder Finanzminister Olaf Scholz, noch einer seiner Mitarbeiter habe beim Vorstand oder dem Aufsichtsrat Forderungen gestellt.

Der Brexit als Dauerthema

Im anschliessenden, durchaus unterhaltsamen Panel diskutierte Achleitner dann zusammen mit Prinz Maximilian, CEO der LGT, Mario Frick, Verwaltungsratspräsident der Bank Frick, sowie Markus Neuhaus, Verwaltungsratspräsident PwC Schweiz/Liechtenstein, über die Zukunft des Finanzplatzes. «Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viele der Trends gut erkannt», erklärte Prinz Maximilian. Das habe auch  Auswirkungen auf die Reputation. Mario Frick sieht das ähnlich: «Wir sind nicht mehr in der Schmuddelecke.» Es habe sich ausgezahlt, bei den «First Movern» dabei zu sein. Für die kommenden Jahre zeigten sich die Panelteilnehmer optimistisch. «Dank dem Marktzugang zur EU und der Schweiz hat Liechtenstein ‹s’Füferle und s’Weggli›», erklärte Neuhaus. 

Ein Thema, welches aufgrund der Tagesaktualität das ganze Finance Forum begleitete, war der Brexit. Aufgrunddessen hat die Deutsche Bank bereits Assets und Mitarbeiter aus UK abgezogen.  «Ich bin sehr pessimistisch, was Grossbritannien angeht», so Achleitner. Der Brexit werde Grossbritannien nicht befreien und für ein Revival des grossartigen Britanniens sorgen. «Es wird nicht mehr so werden. Als Österreicher kann ich ja auch das eine oder andere vom Habsburgerreich erzählen. » Und mit Blick auf den neben ihm sitzenden Prinz Max: «Pardon.» Der Saal quittierte es mit einem Schmunzeln. Bei den beiden Vertretern der liechtensteinischen Banken gibt es hingegen keine grosse operative Herausforderung. 

Versuch, aus einem Omelett wieder ein Ei zu machen 

Auswirkungen hatte der Brexit auch direkt auf das Finance Forum. Aus beruflichen Gründen musste Beatrice Weder di Mauro, Wirtschaftswissenschaftlerin und UBS-Verwaltungsrätin, ihre Teilnahme absagen. Sie hielt ihren Vortrag deshalb per Video, in welchem sie einen Überblick über die aktuellen wirtschaftspolitischen Entwicklungen gab. Es sei klar, dass sich die Zentren immer weiter nach Asien und zu den Entwicklungsländern verschieben. Das zeigt alleine die demographische Tatsache, dass 2050 die USA sowie Europa zusammen weniger als 10 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen werden. Das führe für den Westen zu einer verstärkten Konkurrenz, was die Europäer und Amerikaner verunsichere. Das löse Abstiegsängste aus, was in Abschottungsbewegungen oder sogar Wut gipfle. Bestes Beispiel sei die Politik Trumps und natürlich der Brexit. 

Immerhin sieht die Wissenschaftlerin auch Gutes im Brexit. «Er hat die EU wieder vereint.» Ein so geschlossenes Europa habe man sich vor zwei Jahren kaum vorstellen können. Die Gefahr eines Auseinanderfallens von Europa habe wieder abgenommen. Gleichzeitig merke man, wie schwer es ist, aus dem Club wieder auszutreten oder «aus einem Omelett wieder ein Ei zu machen.» Komme es zum chaotischen Brexit, dann könne man sich nur kurzfristig darauf vorbereiten. Es hätte aber massive Auswirkungen. Grösser als die Finanzmärkte heute glauben. «Vermutlich kann sich einfach niemand vorstellen, weshalb man so etwas Dummes machen konnte.»

«Wenn Europa zumacht, machen wir auch zu»

Im Gespräch mit Reto Lipp zeigte dann der SIX-Chef Jos Dijsselhof, wie er sich die Zukunft seines Unternehmens, zu dem auch die Schweizer Börse gehört, vorstellt. Natürlich wurde dabei auch die Börsenäquivalenz wieder zum Thema. Diese nutzt die EU als Druckmittel, um die Schweiz zum Unterzeichnen des Rahmenabkommens zu bewegen. Was würde im Fall der Fälle passieren? «Wenn die Europäer zumachen, machen wir auch zu.» Dann würde für Europäer ebenfalls eine Anerkennungspflicht gelten, wenn sie Schweizer Aktien zum Handel erlauben wollen. 

Ergänzt wurde das Forumdurch zwei Kurzreferate, in denen sich zwei Fintechs vorstellen konnten. Olga Feldmeier, CEO Smartvalor, und Florian Batliner-Staber, Co-Founder Own, erklärten, wie ihre Startups die Finanzbranche aufmischen wollen und warum sie sich in Liechtenstein niedergelassen haben. Zum Abschluss der Tagung betrat Hirnforscher Lutz Jäncke die Bühne. Der Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich zeigte die neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung aus Sicht von Führungskräften auf. (ags)

27. Mär 2019 / 22:12
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