«Fühlt sich wie ein kompletter Neustart an»

Die Gastrobetriebe dürfen unter strengen Schutzmassnahmen heute ihre Türen wieder öffnen. Desinfektionsmittel gehört nun zum Inventar.

Die Türen der Gastrobetriebe gehen heute wieder auf. «Es fühlt sich an wie ein kompletter Neustart, so als ob wir das Restaurant heute zum ersten Mal aufmachen würden», erklärt Michael Real, Juniorchef der «Weinlaube» Schellenberg. Den anfänglichen Schock über die Schliessung haben die Betriebe überwunden – doch die vergangenen zwei Monate sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Von der Ungewissheit und Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung, über Kurzarbeit bis hin zu Kündigungen: Die Gastrobetreiber hatten es nicht leicht. 

Jetzt dürfen sie endlich wieder ihrer Arbeit nachgehen. Die Auflagen zur Wiedereröffnung trüben die Vorfreude jedoch. Denn bei vielen Betrieben kann mit der Zwei-Meter-Abstand-Regel nicht jener Umsatz generiert werden, den sie eigentlich einfahren sollten. Im Restaurant Guflina mussten ganze 40 Sitzplätze – die Hälfte aller Sitz­möglichkeiten – entfernt werden. Die nun überflüssigen Tische reihten sich gestern vor dem Eingang zum Speiselokal. Sie werden laut Pascal Gassner, Sohn des Chefs, in einem Lagerraum einer Triesenberger Firma untergebracht. 

Für die folgenden Berichte hat das «Vaterland» gestern Liechtensteiner Gastrobetriebe besucht und mit ihnen gesprochen.

«Rössle», Ruggell

Rössle, Ruggell,

Bei der Wirtsfamilie Öhri vom Restaurant Rössle in Ruggell ist die Vorfreude über die Wiedereröffnung gross.


Die Vorfreude über die Wiedereröffnung steht der Wirtsfamilie des Restaurants Rössle in Ruggell förmlich ins Gesicht geschrieben: Endlich können sie ihre berühmten Cordon bleus wieder für Gäste zubereiten. «In den vergangenen Monaten fehlte uns das Gespräch und der soziale Kontakt», erklärt Wirtin Doris Öhri. Es sei komisch gewesen, an Ostern oder auch am Muttertag das Restaurant nicht offen zu haben – Gastronomen hätten an solchen Tagen normalerweise nicht frei. «Das war traurig», sagt sie. Das Restaurant ist herausgeputzt und den Regeln entsprechend umgestaltet: Die Tische jeweils im Zwei-Meter-Abstand angeordnet und gedeckt mit Geschirr, Blumen in kleinen Glasvasen und mit Stoffservietten – natürlich ohne Pfeffermühlen, Salzstreuer oder Menükarten. Weisse Vorhänge trennen Tische dort, wo die Abstandsregel nicht eingehalten werden konnte. «Jetzt geht es vom Ruhemodus ­wieder zurück in einen geregelten Tagesablauf», so Öhri. Auch wenn die Wirtsfamilie während der angeordneten Schliessung nicht untätig war: Der Spielplatz wurde erneuert wie auch eine neue Treppe gebaut, damit die Kinder auf dem Weg dorthin nicht mehr über die Strasse gehen müssen. 
Doch trotz aller Vorfreude – die Wiedereröffnung ist nur eine «Teilöffnung», wie sie es nennen. Denn die Angestellten bleiben in Kurzarbeit – vorerst arbeiten die Familienmitglieder im Betrieb. Die Wirtin hofft nun auf zahlreiche Gäste und fügt an: «Sie sollen keine Angst haben und uns besuchen kommen.»

«Wybar», Schaan

Wybar, Schaan,

Stephan Ritter (l.) und Florian Reiner hinter der Theke der «Wybar».

In der Wybar in Schaan fehlen nur noch die Plexiglastrennwände. Sie sollen heute Nachmittag von der Schreinerei geliefert und eingebaut werden. Das Desinfektionsmittel und die Mundschutzmasken liegen aber bereits am Eingang bereit, die Absperrpfosten mit beiger Kordel sind auch schon aufgestellt. «Die Gäste sollen hinter der Absperrung warten, bis sie von uns einem Tisch zugeteilt werden», erklärt Florian Reiner, Geschäftsführer der Wybar. Bis zu 27 Personen haben mit den Corona-Regeln noch Platz in der Bar. Da die Leute ausserdem sitzen müssen, wird die Stimmung etwas anders als gewohnt sein», sagt Stephan Ritter, Inhaber der Wybar. Er ergänzt: «Wir hoffen trotzdem auf zufriedene Gäste und geben unser Bestes.» 
Auch sie haben ihr Konzept etwas angepasst und böten nun doppelt so viele Gerichte – gekocht von der Weinlaube Schellenberg – an. Zudem hat Ritter beschlossen, vor der Bar eine Terrasse zu errichten. Dann könnten die Gäste an warmen Sommerabenden ihr Essen und den Wein draussen geniessen. 
«Meine Gefühle bezüglich der Eröffnung sind aber gemischt, denn wir haben Mehrkosten und einen vermutlich geringeren Umsatz», sagt er. So hätte die Bar die Zeit während der Schliessung auch dank der Partnerfirma «Ritter Weine» gut überstanden. Und dennoch sei die Wiedereröffnung «trotz der Umstände ein erfreuliches Ereignis». Zumindest für den ersten Tag sei die Bar ausgebucht – die beiden hoffen, dass sich diese Euphorie bei den Gästen nicht legt. Denn «ewig» sei ein solcher Betrieb nicht möglich.»

«Guflina», Triesenberg

Guflina, Triesenberg,

Pascal Gassner vom Restaurant Guflina ist bereit für die Eröffnung.

Pascal Gassner vom Triesenberger Restaurant Guflina hat die Speisekarte nun auf Papier gedruckt. Somit erhält jeder Gast wieder eine neue Menükarte. Auch er freut sich auf die Wiedereröffnung – hinter ihm liegen schwierige Zeiten. Der kleine Lebensmittelladen, angrenzend an das Restaurant, hat ihn finanziell gerettet. Die Tische sind noch nicht gedeckt, doch auch im Guflina stehen sie bereits zwei Meter voneinander entfernt. Plexigläser wollte er keine installieren, das mache das Ambiente kaputt. Pascal Gassner ist bereit für die Wiedereröffnung. Er hofft nun auf zahlreiche Gäste und dass das Triesenberger Restaurant wieder zu einem Treffpunkt werde. 

«Ethno Bar», Schaanwald

Ethno Bar, Schaanwald,

Svetlana Jankovic (r.) mit Tochter Sara in der «Ethno Bar».

Für Svetlana Jankovic, seit vier Jahren Pächterin der Ethno Bar, die sich einige hundert Meter vor der Grenze Schaanwald-Tisis befindet, waren die vergangenen Wochen nicht einfach: «Ich musste eine Mitarbeiterin entlassen.» Abgesehen von Tochter Sara war sie die einzige Mitarbeiterin, die sie angestellt hatte. Sobald die Bar wieder besser läuft, will Jankovic sie wieder an­stellen. Sowieso, ohne private Mittel von Verwandten, Bekannten und auch Stammgästen hätte die angeordnete Schliessung das Aus für die Bar bedeutet. Glücklicherweise kann Jankovic ihre Glastüren heute Abend aber öffnen. Und darüber ist sie heilfroh: «Mir haben sogar die ­blöden Sprüche meiner Stammgäste gefehlt», sagt sie und fügt an: «Meine Gäste sind für mich fast wie eine zweite Familie.» Vieles, was vor Corona in der Bar möglich war, wird es nun aber nicht geben, so beispielsweise die Livemusik. Dementsprechend hat sie ihre Bar umgestaltet: Auf der eigentlichen Tanzfläche befinden sich Tische und Stühle, auf der Bühne wurden zwei Sofas und ein Couchtisch aufgestellt, hinter dem DJ-Pult steht eine Schaufensterpuppe: «Für das Feeling», so die Wirtin. So öffnet sie mit gemischten Gefühlen ihre Bar und hofft auf viele Gäste und vor allem auf einen baldigen Weg zurück zum Normalbetrieb.

«Weinlaube», Schellenberg

Weinlaube, Schellenberg,

Martin und Michael Real (v. l.) freuen sich auf die Wiedereröffnung ihrer «Weinlaube». Bilder: T. Schnalzger

In der Weinlaube in Schellenberg werden bunte Rosen für die Tischvasen zugeschnitten, mit dem Sauger wird der grüne Teppich vom Staub befreit, das Geschirr kann seit Langem wieder aus dem Regal geholt und auf den Tischen platziert werden. Es herrscht Aufbruchstimmung, und dementsprechend gut ist die Laune bei Juniorchef Michael Real. «Es ist cool, dass wir das Restaurant wieder öffnen können», erklärt Real. Auch wenn sich nun gewisse Sachen geändert hätten: «Das Desinfektionsmittel gehört nun zum In­ven­tar», sagt er. Daneben hat das Wirteduo, bestehend aus Vater Martin Real und Sohn Michael, die Chance der Schliessung genutzt und den Inhalt der Speisekarte überarbeitet. «Aber keine Sorge, die ‹Evergreens› wird es weiterhin geben», so der Juniorchef. Auch einen mittlerweile gut funktionierenden Lieferservice haben die beiden aufgebaut und sich damit auch über Wasser gehalten.
Als das Schutzkonzept für Gastronomiebetriebe erarbeitet war, war den Reals sofort klar, dass die Zwei-Meter-Abstand-Regel ohne zusätzlichen Raum  in ihrem Restaurant nicht durchführbar ist. Deshalb wurden kurzerhand nicht genutzte Zimmer zu neuen Speiseräumen umgebaut. Nun hoffen sie auf zahlreiche Gäste, die sie mit ihren Speisen beglücken können.

15. Mai 2020 / 08:24
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