Das zweite Leben der Bergwerke

Wurden früher die regionalen Bergwerksstollen in erster Linie dazu genutzt, Erze wie Hämatit, Magnetit und Hausmannit zu fördern, sind sie heute zu Experimentierlabors und Event-Anbietern geworden: Es gibt Konzerte, Restaurants, Weinhandel oder sogar Fischzucht.

Das Bergwerk Gonzen in Sargans feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag: Am 16. Mai 1919 schlug die Geburtsstunde des modernen Erzabbaus, die Eisenbergwerk Gonzen AG (EGAG) wurde damals gegründet. Seine Blütezeit erlebte das Sarganser Bergwerk während des Zweiten Weltkriegs. Bis zu 380 Beschäftigte fanden hier zeitweise ihr Einkommen. Nach dem Krieg verloren aber die Rohstoffpreise an Wert und die Gonzen-Erze konnten dem internationalen Wettbewerb nicht mehr standhalten. 1966 musste das Gonzen-Bergwerk als Konsequenz stillgelegt werden. 

Traditionelle Bergwerkstätigkeiten unter Tage gehören seitdem – im Grossen und Ganzen – der Geschichte an. Die Bergwerke mussten ihr Dienstleistungsangebot überdenken, haben aber innovative Lösungen gefunden. 

Fische und Gemüse unter Tage

Während in Sargans das Stollensystem bald schon für mehrere Jahre ganz geschlossen wurde, eröffnete in Flums nur kurze Zeit später ein neuer Stollen.  Nun ging es aber nicht mehr um den Abbau kostbarer Erze, sondern die Forschung stand im Mittelpunkt. 1970 gründete der Bergingenieur Rudolf Amberg den Versuchsstollen Hagerbach als Forschungs- und Entwicklungseinrichtung für den Tunnelbau. Der Versuchsstollen, der am Fuss des Eichbüel bei Flums liegt, dient als Versuchs-, Schulungs- und Trainingsanlage und kann nebenbei für (kulturelle) Events genutzt werden. Die besondere Akustik in den grossen Kavernen bietet sich gut für Konzerte an. 

Begonnen wurde im Versuchsstollen aber mit Experimenten zur Bohr- und Sprengtechnik. Eine komplette Sprenganlage samt Sprengkammer und Schiessstollen sowie ein Beobachtungsbunker befinden sich im Inneren des Gebirges. 1984 wurde dann ein Baustoffprüflabor hinzugefügt. 
Aktuell ist das fein verästelte Stollensystem bereits fünfeinhalb Kilometer lang und damit die grösste private 
unterirdische Forschungsanlage in Europa – und vieles bleibt hier streng 
geheim. Ohne Zustimmung eines Kundenunternehmens, das den Versuchsstollen als Lokalität gewählt hat, gelangen über ein Projekt keine Informationen nach draussen.  

Seit diesem Jahr befindet sich unter Tage sogar ein Nahrungsmittelprojekt: «Underground Green Farming» nennt sich der Versuch zur nachhaltigen Produktion von Nahrungsmitteln. Scaut, Swiss Center of Applied Underground Technologies, kultiviert unterirdisch parallel Fische und Gemüse. Das System arbeitet im Kreislauf: Das über Fischexkremente mit Nährstoffen angereicherte Wasser aus den Fischbecken dient als Nahrungsquelle für die Pflanzen und wird anschliessend wieder in den Wasserkreislauf zurückgeführt. Das Projekt liefere eine mögliche Antwort auf den zunehmenden Verlust von geeignetem Ackerland und somit eine vielversprechende Möglichkeit, die wachsende Menschheit in Zukunft ernähren zu können, teilt das Unternehmen mit. 

Und auch das Gonzen-Bergwerk wurde nach der Schliessung komplett umfunktioniert. 1976 übernahm Willi Eugster die Geschäftsleitung und eröffnete 1983 im alten Stollenlabyrinth das grösste Besucherbergwerk der Schweiz. Seither entdecken jährlich rund 

10 000 Besucher den einstigen Arbeitsalltag im Stollen und begehen eine eigene Erlebniswelt ein: Grubenfahrten mit dem Gonzen-Express, ein Bergwerksmuseum, ein eigenes Restaurant, Konzerte sowie eine Vinothek im Inneren gehören bereits zum Angebot des Bergwerks. «Das Stollenlabyrinth ist ingesamt 90 Kilometer lang. Man kann getrost behaupten, dass wir das grösste Museum der Schweiz sind», sagt Eugster, der im Jubiläumsjahr als Geschäftsführer zurücktritt und am Donnerstag die Verantwortung an seinen Nachfolger Alfred Rutz übergab. 

Zusätzlich befindet sich im Gonzenbergwerk eine Mikrochip-Fabrik. Die Firma Espros Photonics Corporation mit Firmenchef Beat de Coi stellt hier Chips für neue Technologien wie Drohnen oder selbstfahrende Autos her.  

«Schmelziboda», «Schmelzikopf»

Auch in Liechtenstein war früher noch ein Bergwerk aktiv. Belegt ist gemäss historischem Lexikon des Fürstentums Liechtenstein der Betrieb eines später aufgegebenen Eisenbergwerks im Valorsch, einem Gebiet beim Schönberg, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Funde und Flurnamen wie «Schmelziboda» oder «Schmelzikopf» im Hintervalorsch weisen daraufhin, dass hier Eisenerzabbau und eine Eisenschmelze betrieben wurden. Auch in Pfäfers, oberhalb von Bad Ragaz, gab es lange Zeit ein intaktes Bergwerk. Der Gnapperkopf-Stollen, der 1713 errichtet wurde, wurde aber bereits 1866 stillgelegt. Kupfer, Blei und Silber wurden hier abgebaut. 

Auch wenn die Bergwerke und die Arbeit unter Tage generell sich im Laufe der Zeit neu erfinden mussten, um zu überleben, ganz sind sie selbst aus Liechtenstein nicht verschwunden. Denn in Balzers, im Steinbruch Freiaberg, wird durch die Werner Büchel AG seit 2002 hochprozentiger Kalkstein als Rohmaterial abgetragen. «Die Arbeit unter Tage» wird aber an vielen Orten in der Region heutzutage neu interpretiert, und zwar mit Erfolg, wie die regionalen Bergwerke und Stollen zeigen. Am Ende des Tunnels befand sich das Licht. Sie haben ein zweites Leben geschenkt bekommen.  

17. Mai 2019 / 19:34
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