• Eselhof in Feldbach
    Die 38 Tiere dürfen friedlich zusammen auf dem Eselhof leben.  (Tatjana Schnalzger)

Zuflucht für vernachlässigte Esel

Der Fall hat vor einem knappen Monat in Liechtenstein aufhorchen lassen. Ein 38-jähriger in der Schweiz wohnhafter Mann hat sich in Triesenberg an einer Eselsstute vergangenen und wurde dabei in flagranti erwischt. Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft einen Strafantrag beim Landgericht eingereicht. Dem Mann droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies ist aber kein Einzelfall. Auf einem Eselhof in der Nähe von Rapperswil leben 38 Esel. Vernachlässigte und misshandelte Tiere, die an diesem Ort zum ersten Mal Liebe erfahren. Auch aus Liechtenstein haben dort vernachlässigte Esel Zuflucht gefunden. Ein Ehepaar kümmert sich um diese Tiere.

Auf der Hombrechtikonstrasse in Rapperswil geht es vorbei an hügeliger Idylle – an Apfelbäumen, Hasel- und Ahornbäumen, die das verträumte Landschaftsbild perfekt machen. Ebenso wie ein Rebberg, vor dem ein schmaler Wiesenweg von der Strasse weg ein paar Meter hoch führt. Eine braune Gattertür trennt die Wiese vom Hof, dem Eselhof in Feldbach. Kaum auf dem Hof angekommen, läuft auch schon Viktor Huber, der Besitzer des Eselhofs, den Gästen entgegen. Bevor er aber dazu kommt, sie zu begrüssen, ist ihm Nando schon längst zuvorgekommen. Nando heisst der junge Berner-Sennenhund-Rüde, quasi der Hofherr auf vier Beinen. Nach stürmischer und kaum zu überhörender Begrüssung legt sich Nando zufrieden vor den Zaun des Eselgestüts. Er streckt alle Viere von sich und richtet seinen Blick wachsam auf die etwas grösseren Vierbeiner – auf die Esel. So idyllisch die Umgebung auf und um diesen Hof ist, so erschreckend sind jedoch auch die Erlebnisse, von denen die Esel geprägt sind. Gebeutelt von hartem Schicksal, Brutalität und Gewalt haben derzeit 38 misshandelte Tiere Zuflucht bei den Hubers gefunden. Hier dürfen sie gesunden von all ihren pyhsischen und psychischen Schmerzen, hier erfahren sie Liebe und werden täglich artgerecht gefüttert.

Eselhof in Feldbach

Ursula Hofstetter, Präsidentin der Eselhilfe Schweiz, und Eselbesitzer Viktor Huber

Fotoshooting par excellence

Ihr Frühstück liegt schon ein paar Stunden zurück. Kurz nach zehn Uhr geniessen sie im eingezäunten Auslauf die Vormittagssonne – und das Rampenlicht! Vor der Fotografin recken sie ihre Köpfe in die Höhe, spitzen die Ohren, reissen die Augen auf. Wer der Fotografin noch nicht in der ersten Reihe in die Linse schauen durfte, wird von den anderen Eseln rücksichtsvoll nach vorne gelassen. Kein Zanken, kein Stänkern – das Fotoshooting sei jedem Esel gegönnt. Viktor Huber zeigt auf einen hellgrauen Esel. «Darf ich vorstellen? Das ist Fiona!», sagt er. Neugierig kommt die Eselstute ein paar Schritte auf den Besuch zu. «Fiona kam in der Nähe von Melide zur Welt», erzählt Viktor Huber. Das etwa einjährige Fohlen war am ganzen Körper von Parasiten befallen, weil sein Besitzer es massiv vernachlässigt hatte. Als Folge ist Fiona in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Nach ein paar Tagen im Tierspital durfte das Ehepaar Huber die Eselin auf ihrem Hof in Feldbach empfangen. «Regelmässig müssen wir sie noch waschen und mit speziellem Futter aufpäppeln.» Mittlerweile ist Fiona eine quirlige Lady geworden, die aber immer wieder Probleme mit der Verdauung hat.

Eselhof in Feldbach

Die 38 Tiere dürfen friedlich zusammen auf dem Eselhof leben.

Verprügelt und abgemagert

Gewaschen werden die Tiere in einer eigens darauf ausgerichteten Zelle, gleich neben der Quarantänezelle, wo Tiere Platz finden, die eine ansteckende Krankheit haben. Daneben sind drei Krankenzimmer eingerichtet, keines von ihnen ist derzeit jedoch belegt. Auf der Westseite des Stalls sind die Boxen, in welche die Esel jeweils abends wieder gebracht werden. Gleich die erste Box gehört den Eseln Carlo und Felix. An der Decke überhalb der nächtlichen Behausung ist ein Tragehalfter an einem Haken befestigt. Denn wenn Felix morgens aufsteht, braucht er jeweils Hilfe. «Das Tier wurde bei seinem alten Besitzer krank und ist derart abgemagert, dass solch schwerwiegende körperliche Folgen zurückgeblieben sind», sagt Viktor Huber. Mehrmals täglich legen sie ihn schlafen, damit er sich erholen kann. Der Blick in Felix’ Augen verrät, dass dieses Tier vieles zu erzählen hätte, wenn es sprechen könnte. Die Augen widerspiegeln aber auch noch etwas anderes als die erfahrene Angst: Dankbarkeit. «Kein Mensch kann wohl dankbarer sein als diese Tiere», sagt Viktor Huber.

Eselhof in Feldbach

Seinen Anfang hat der Eselhof vor etwa 15 Jahren gefunden, als die Tochter des Ehepaar Hubers ihren 14. Geburtstag feierte. Diese besuchte damals eine Reitschule, die geschlossen wurde. Das Pferd, auf welchem das Mädchen in ihrer Reitstunde ritt, hätte geschlachtet werden sollen. «Bitte Mama und Papa, kauft mir dieses Pferd!», forderte sie ihre Eltern auf. So geschah es schliesslich auch. Papa Viktor baute eine Pferdebox und gleich eine weitere nebenan – das Pferd sollte einen Kameraden bekommen, einen Esel. Aline hiess die Kameradin. Mit 20 Monaten musste das Eselfohlen ihre Mutter verlassen und kam so nach Feldbach. «Wir hatten festgestellt, dass ihre Sehnen und Bänder über den Kniescheiben an den Hinterbeinen zu lang waren.» Dies bereitete Aline grosse Mühe beim Aufstehen. Mit einer Operation wurden die Bänder stabilisiert, damit sie heute ohne Schmerzen leben kann. Sie war der erste Esel auf dem Eselhof – entsprechend wurde der ganze Hof gleich nach ihr benannt: Aline.

Verschimmeltes Futter: Esel aus Balzers musste sterben

Das Ehepaar Huber bietet ihren Eseln eine kalte und eine warme Küche. Kalte Küche bedeutet: Morgens um fünf Uhr schneiden sie Obst für die Vierbeiner – Apfelschnitze, Fenchel, Karotten. Vermischt mit Trockenfutter, Vitamine und Granulate. Dies ist das reichhaltige Frühstück für die Esel.

Gegenüber der kalten Küche befindet sich die warme Küche. Ohne Ofen, Mikrowelle oder Herd. Dafür mit einem Gerät, in dem bei 100 Grad Celsius mittels Wasserdampf Heuballen erhitzt werden. «So werden sie keim- und staubfrei, was für einige unserer lädierten Esel sehr wichtig ist.»

So wie beispielsweise für zwei Esel, die das Ehepaar Huber aus Balzers bekommen hat. «Der Bauer verfütterte diesen beiden Eseln verschimmeltes Futter.» Würmer im Magen und auf den Organen waren die Folge. «Einen Esel konnten wir retten, dem anderen ging es so schlecht, dass wir ihn einschläfern mussten», sagt Viktor Huber traurig. Traurig macht ihn auch Grisellas Geschichte: Die Eselstute wurde von ihrem Besitzer brutal sexuell missbraucht, wobei er ihr dabei die Gebärmutter und die Eierstöcke zertrümmerte. Solche Geschichten seien nicht selten, sagt Viktor Huber. Gerade im Hinblick auf den aktuellen Fall in Triesenberg, wo ebenfalls eine Eselstute sexuell missbraucht worden ist. «Neben den physischen Schmerzen leiden die Tiere auch stark unter den psychischen.» Ein Esel vergesse nichts. «Wenn dieser Besitzer auf den Hof kommen würde, bin ich überzeugt, dass Grisella ihm einen gehörigen Denkzettel verpassen, ihn beissen und ausschlagen würde.»

Nach dem Rundgang gesellt sich auch Hanni Huber, Viktors Frau, an den Tisch vor dem Haus. Aus der Küche duftet es schon, sodass sie gar nicht erwähnen muss, was sie in den letzten zwei Stunden gemacht hat. Zufrieden blickt sie auf die Eselherde. «Ja, auf Aline folgte dann eben ein Esel nach dem anderen und Viktor baute eine Box nach der anderen.» Sie wisse, ihr Engagement sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein, «denn das kantonale Veterinäramt schaut bei Missbrauchsfällen nur zu», sagt sie enttäuscht. Ebenso enttäuscht ist sie über die fehlende politische Unterstützung. «Vor einem Jahr ist nun endlich unser neuer Stall fertig geworden», erzählt sie. «Nach rund zehn Jahren Streitereien mit den Behörden.» Diese hätten einen neuen Stall gefordert, «weil wir die Esel früher nicht mehr in einem adäquaten Zustand halten konnten». So weit, so gut. «Allerdings lag der Boden in der Landwirtschaftszone, es musste umzoniert werden.» Und dies verlief alles andere als reibungslos. «Was die Behörden nicht wussten: Bei Familie Huber beissen sie auf Granit.» Der Zusammenhalt werde bei den Hubers grossgeschrieben. «Ansonsten wäre das alles gar nicht möglich, wofür wir unseren Kindern sehr dankbar sind.» Ferien kennt das Ehepaar keine, seit 18 Jahren schon nicht mehr. Ebenso wenig wie Wochenenden oder freie Tage. «Die Tiere bedeuten für mich Erholung – in der Freizeit rege ich mich nur auf. Hier Stau, dort eine Baustelle  ...» Dabei dauern die Tage für das Ehepaar von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. «Vom Frühstück für die Tiere bis zu ihrem Bettmümpfeli», sagt Hanni Huber. Sie und ihr Mann stecken nicht nur das ganze Herzblut in ihren Eselhof, auch finanziell greifen sie Monat für Monat tief in die Tasche. Pro Woche brauchen sie rund 160 Kilogramm Karotten, 40 Kilogramm Äpfel, 400 Kilogramm Heu. Alles in allem koste ein Esel etwa 5000 Franken pro Jahr. Ensprechend ist das Ehepaar auf Spenden angewiesen, beispielsweise auf Eselpatenschaften. Neben dem Futter müssen auch der Tierarzt, der Hufschmied oder verschiedenste Medikamente finanziert werden.

Eselhof in Feldbach

Die Tiere scheinen glücklich zu sein.

Kann der Mensch tatsächlich so grausam sein?

Zur Runde an den grossen Holztisch vor dem Haus hat sich mittlerweile auch Ursula Hofstetter, die Präsident der Stiftung für Eselhilfe Schweiz, gesellt. Einmal pro Woche besucht sie den Hof und packt von morgens bis abends mit an, mit dem Ehepaar Huber verbindet sie eine schöne Freundschaft. «Ich wünsche mir für die Zukunft, dass auch mit Eseln so respektvoll umgegangen wird wie mit Pferden oder Kühen», sagt sie. Für den Hof wünscht sie sich, dass sie die hofeigene Krankenstation mit Tieren füllen können, die medizinische Hilfe benötigen. «So könnten wir das Tierspital entlasten.» Allerdings erfordert dies mehr Kapazität und neben der Hofhilfe Natascha müsste noch jemand angestellt werden. «Wir müssten Natascha klonen können – eine bessere Hilfe kann man sich nicht vorstellen», sagt Ursula Hofstetter. Eigentlich müsste man sie alle klonen können: Das Ehepaar Huber, Ursula Hofstetter und auch Natascha. Sie gehören zu einer Minderheit, die sich aufopfernd für Tiere in Not einsetzt. Die sich nicht blenden lassen von einer vermeintlichen Idylle, die im Verborgenen grausame Geschichten in sich trägt. Geschichten, die nur noch eine Frage zulassen: Kann der Mensch tatsächlich so grausam sein? Das Ehepaar Huber hat eine Antwort: «Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.» (bfs)

Weitere Infos unter http://www.eselhilfe.ch

12. Mär 2019 / 15:02
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