•  (Roland Rick)

"Wir können mithelfen, Liechtenstein gut zu positionieren"

Weshalb die heimische Wirtschaft von der Universität Liechtenstein profitiert, erklären Verwaltungsdirektor Markus Jäger und Rektorin Ulrike Baumöl.

In Liechtenstein kommt die Initiative «HalbeHalbe» vors Stimmvolk. Ziel der Initianten ist die Gleichstellung von Mann und Frau in politischen Ämtern. Die Uni ist diesbezüglich ein Vorbild. Ulrike Baumöl, Sie sind die Rektorin. Markus Jäger, Sie sind der Verwaltungsdirektor. Wer von Ihnen beiden hat das Zepter in der Hand?
Ulrike Baumöl:
Wir teilen uns die Themen tatsächlich auf, jeder hat seine Expertisenbereiche. Auch wenn nach dem Gesetz die Rektorin die ist, die schlussendlich entscheidet, beraten wir uns intensiv. Wir haben einen konsequenten Teamansatz und es kommt darauf an, wer inhaltlich über die höchste Expertise verfügt, darauf bauen wir auf. 
Markus Jäger: Das sehe ich genauso. Wir agieren als Team sehr gut, stimmen uns ab, jeder hat seinen Aufgabenbereich.

Aber braucht es wirklich eine Doppelführung? 
Ulrike Baumöl:
Bei manchen Themen wäre die «Alleinherrschaft» vielleicht einfacher, aber ich glaube, wenn wir zusammenarbeiten, dann erhalten wir auch effizientere Lösungen. Wir nutzen die Chance, dass wir mit unserem jeweiligen Hintergrund und dem unterschiedlichen Erfahrungswissen aus verschiedenen Perspektiven auf die Themen blicken. In der Organisation gibt es extrem viele Menschen mit Erfahrung, mit denen wir gerne zusammenarbeiten. Auch aus diesem Grund und der so genutzten Diversität halte ich die Aufteilung für eine hervorragende Lösung.
Markus Jäger: Die Universität kann grundsätzlich in zwei Bereiche aufgeteilt werden. Einerseits den wissenschaftlichen Bereich mit Lehre, Forschung und Wissenstransfer und andererseits die Verwaltung, die es ähnlich in jedem anderen Unternehmen auch gibt. Beide Bereiche haben sich jedoch über die letzten Jahre nicht im selben Tempo weiterentwickelt. Der Fokus lag logischerweise vermehrt auf Wissenschaft und Forschung und nur bedingt auf der Verwaltung. Ich glaube, durch die gleichzeitige Konzentration auf beide Aufgabengebiete sind wir jetzt in einer hervorragenden Situation, die gesamte Organisation nachhaltig weiterzuentwickeln.

Frau Rektorin, ich gehe davon aus, dass Sie täglich von Ihrem Wohnort Rehetobel (AR) mit dem Auto nach Vaduz fahren. Welche
Gedanken begleiten Sie während der Fahrt ins Ländle? 
Ulrike Baumöl:
Wenn die Sonne scheint, dann erfreue ich mich auch an der wunderschönen Kulisse und geniesse die Fahrt. Ansonsten sind die Gedanken bei den Themen, die aktuell sind. Wohin entwickelt sich die Uni? Was habe ich gehört? Was habe ich gelesen? Leider oder glücklicherweise ist die mobile Verbindung während der Fahrt eher schwach, so bin ich «ruhiggestellt» und ich kann gut nachdenken.
Markus Jäger: Von Mauren nach Vaduz ist es nicht so weit, aber ich frage mich immer wieder, was können wir heute ändern, damit wir am Ende des Tages besser und effizienter dastehen als gestern.

Die Universität ist mit ihren fünf Instituten – Architektur und Raumplanung, Finance, Wirtschaftsrecht, Entrepreneurship und Wirtschaftsinformatik – breit abgestützt. Dennoch, in welchen Bereichen gibt es Nachholbedarf?
Ulrike Baumöl:
Die Zusammenarbeit der Institute, insbesondere auch der Nutzen der Architektur für die Wirtschaft und der Nutzen der Wirtschaft für die Architektur, das ist einer der wesentlichen Bereiche, den wir noch weiter entwickeln wollen. Aufgrund der stark vertretenen Industrie im Land möchten wir ebenfalls darüber nachdenken, wie wir nicht nur den Finanzplatz stärken, sondern auch wie wir der Industrie ebenfalls attraktive Inhalte bieten können.

Die Zahl der Studenten ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Im vergangenen Jahr waren 38 Doktoranden, 281 Master- und 359 Bachelorstudenten eingeschrieben. Wie kommt die Denkfabrik zu ihren Studenten? 
Ulrike Baumöl: Tue Gutes und rede darüber! Die hervorragende Ausbildung, die wir bieten, führt zu einer sehr guten Reputation, aber auch die persönliche Betreuung wird sehr geschätzt. Wir sind gut im Land verankert und bedienen den Arbeitsmarkt in Liechtenstein und dem Bodenseeraum, welcher erhebliches Potenzial aufweist, das spricht sich herum. Zudem glaube ich, dass viele unserer Studierenden durch die positive Botschaft aufmerksam geworden sind, welche unsere Alumni verbreiten. Ich hoffe, dass nicht nur Studierende die Uni attraktiv finden, sondern durch die Reputation auch Unternehmen explizit nach Mitarbeitern suchen, die an unserer Uni ausgebildet oder weitergebildet worden sind.

Woher kommen die Wissbegierigen?
Ulrike Baumöl:
Das ist breit gemischt. Nebst Liechtenstein, der Schweiz, Deutschland und Österreich sprechen wir vor allem mit den englischsprachigen Masterprogrammen internationale Studierende aus ganz Europa, aber auch Asien an, entweder für einen Austausch, aber auch für ein reguläres Studium.

Momentan sind rund 700 Studierende eingeschrieben. Ist damit die Decke erreicht? 
Markus Jäger:
Nach oben ist noch etwas Luft. Die Eignerstrategie geht von 500 bis 800 Studierenden aus.

Die Universität ist bekannt für die gut ausgebildeten Architekten. Und trotzdem taucht immer wieder die Frage auf: Weshalb werden an der Uni Architekten ausgebildet, obwohl es im Land genügend gut ausgebildete Architekten gibt? Was antworten Sie diesen Menschen?
Ulrike Baumöl:
Dass grosse Synergien entstehen und dass diese Synergien zwischen kreativem Arbeiten und zwischen mehr fachlich methodischen Arbeiten genutzt werden. Ich glaube, dass auf beiden Seiten ein grosses Potenzial vorhanden ist, um gute Lösungen zu entwickeln und ich glaube auch, dass die von der Architektur erarbeiteten Lösungen durchaus wertvoll sind für das Land.

Können Sie Beispiele nennen von solchen Lösungen?
Ulrike Baumöl:
Ich spreche von Raumentwicklungs- und Mobilitätskonzepten für die Gemeinden oder das Basecamp, welches in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Vaduz entstanden ist. Generell zeichnet sich unsere Lehre durch hohen Praxis-bezug aus, zum Beispiel durch die gemeinsamen Master Labs mit führenden Unternehmen in der Region.

Nicht nur mit der Privatwirtschaft ist die Uni unterwegs, auch mit dem Staat arbeitet die Denkfabrik zusammen. In welchen Themen wird zusammengearbeitet?
Ulrike Baumöl:
Ich würde die Frage etwas umformulieren: Wir wollen uns als Institution positionieren, die losgelöst und unabhängig ist von spezifischen Fragestellungen, die sich zum Beispiel nur auf ein einzelnes Unternehmen beziehen. Wir wollen Impulse setzen und Konzepte erarbeiten, die breiter anwendbar sind. Ich glaube, das schätzen die Unternehmen und der Staat. Deshalb werden wir zum Beispiel von der Regierung angefragt zum Thema Blockchain und Fintech, für die Hilti bearbeiten wir IT-Sicherheitsfragen, Prozessfragen, Innovations-Fragestellungen, und die Architektur wurde angefragt für Mobilitäts- und Raumentwicklungskonzepte. Zudem arbeiten wir mit nahezu allen Banken im Land zusammen.
Wir haben einen Lehrstuhl, der sich mit Wirtschaftsstrafrecht, Compliance und Digitalisierung beschäftigt. Hier werden wichtige Themen behandelt, die in diesem Kontext umso häufiger auftauchen, je mehr Technologie eingesetzt wird. Das Fürstenhaus interessiert sich für innovative Bildungskonzepte, der Erbprinz macht sich stark in Sachen Bildung. Kürzlich habe ich gelesen, dass Liechtenstein unter anderem aus dem Grund so erfolgreich ist, weil Bildung ein wesentliches Thema ist, und ich meine, dass wir mithelfen können, das Land gut zu positionieren.

1961 ist das Abendtechnikum Vaduz, die Vorläuferin der Uni, gegründet worden. Im nächsten Jahr feiert demnach die Denkfabrik den 60. Geburtstag. Wo steht die Universität Liechtenstein im Jahre 2036, bei ihrem 75. Geburtstag?
Markus Jäger:
Die Vision ist ganz klar: Wir müssen uns nach den Gegebenheiten des Wirtschaftsstandorts und der Region ausrichten und stetig hinterfragen, was die aktuellen und zukünftigen Bedürfnisse der hier ansässigen Firmen und Institutionen sind und entsprechende Lösungsansätze in Forschung, Lehre und Weiterbildung anbieten. Damit können wir einen wichtigen Beitrag in der Region für die Region erzielen. 
Ulrike Baumöl: Für mich wäre es toll, wenn wir zum 75. Geburtstag sagen könnten, die Uni wird im Land für ihre hervorragende Forschung und Lehre geschätzt und kann ihre Position dahingehend festigen. Und natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn die Liechtensteiner stolz auf ihre Universität sind. (mh)

08. Feb 2020 / 22:26
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