• Am Alpspitz kann Katharina Link «Wander-Kathi» durchatmen.  (Daniel Schwendener)

"Wer Angst hat, der macht Fehler"

Sie fürchtet sich vor nichts. Warum Katharina Link heute auf Adrenalinkicks dennoch gut verzichten kann? Das Porträt einer Wanderleiterin, für die jeder Schritt zum Gipfel wie eine Droge ist.

Der Himmel ist blau, als sich Katharina Link in die Tiefe stürzt. Das Thermometer zeigt ein paar Grad über Null. Sie atmet tief ein und lässt den Blick über die verschneiten Gipfel schweifen. Glücksgefühle durchströmen sie von Kopf bis Fuss. Wenn der Schnee in der Sonne funkelt und unter ihren Skiern knirscht, dann fühlt sie sich lebendig. «Einmal habe ich eine Skitour gemacht, bei der jeder Sturz tödlich geendet hätte», erzählt die Vaduzerin über eine Tour am Flüelapass vor einigen Jahren.

Auf solche Adrenalinkicks kann sie heute gut verzichten. Früher, Mitte zwanzig, suchte sie den Kick nicht nur auf den Skiern, sondern auf den Motocross- und Supermotorrad-Strecken. Ihr Erkennungsmerkmal damals: Der blonde, lange Zopf und das pinke Bike mit den kleinen Totenköpfen. In halb Europa war sie jahrelang auf den staubigen Rennstrecken zu Hause, um Gas zu geben. «In Italien stürzte ein Fahrer so unglücklich während des Rennes, dass er noch vor Ort verstarb», erzählt sie. Der Respekt vor der Geschwindigkeit wurde grösser. Als ihr damaliger Lebenspartner 2006 auf einer Motorradfahrt eines Abends Richtung Chur nicht mehr nach Hause kommt und stirbt, verändert sich ihr Leben schlagartig. Es war ein Wendepunkt. «Ich war verloren. Die Berge haben mir aber geholfen, mich wiederzufinden», erzählt sie. Seitdem verbringt sie absolut jede freie Minute in der Höhe und kennt fast jeden Gipfel und jeden noch so geheimen Wanderweg der Region wie ihre eigene Westentasche. In Liechtenstein fehlte ihr bis zum vergangenen Jahr nur noch ein Berg, den sie noch nicht bestiegen hat: der Grauspitz.

Heute geht Sicherheit vor

Was sie als rebellisches Kind hasste, weil ihr Vater sie in die Berge mitschleppte, liebt sie inzwischen. Genau aus diesem Grund hat sie nun eine Ausbildung zur Wanderleiterin gemacht, um ihre Freude an der Natur mit anderen zu teilen und ihr Hobby teilweise zum Beruf zu machen. Auch ist sie seit diesem Jahr Wanderleiterin beim Liechtensteiner Alpenverein. So sehr sie das ­Risiko früher liebte, so steht die Sicherheit inzwischen an erster Stelle. Sie bereitet sich akribisch vor, beobachtet das Wetter und instruiert ihre Gruppe genau, was sie in ihren Rucksack packen muss. Nichts wird dem Zufall überlassen. Auch wenn sie als Wanderleiterin Touren mit hohen Schwierigkeitsgraden mit Kletterpartien, wie den Ochsenkopf oder den Grauspitz, nicht führen darf und dies Bergführern vorbehalten ist, sind die Berge manchmal ­unberechenbar. «Vor allem im Winter sieht beim Schneeschuhlaufen durch die weisse Schneepracht alles gleich aus und manche verlieren schnell die Orientierung», sagt Link. Geschweige denn die Lawinengefahr, die viele unterschätzten. «Wenn alles weiss ist, können manche die Steilheit nur schwer einschätzen und so passiert es, dass sie durch fehlende Erfahrung oder Ausbildung ungewollt in einem Lawinenhang landen.» 

Eine Frau der Widersprüche

Manchmal sind es auch nur die kleinen Dinge, die kurz vor dem Ziel zur Qual werden. «Aber dagegen habe ich natürlich neben einem Gipfelkaffee auch immer eine riesige Packung Blasenpflaster im Rucksack», erzählt sie und lacht. Privat liebt sie auch anspruchsvollere Touren, besteigt 4000-er in der Schweiz und absolviert Klettertouren mit dem Alpenverein, mit Bergführern und natürlich immer sicher am Seil. Der nächste Traum ist ein 5000-er und ein mehrwöchiges Trekking im Himalaja. Angst kennt sie keine. «Denn Angst würde bedeuten, dass man überfordert ist, unkonzentriert wird und dann Fehler macht. Aber grossen Respekt habe ich natürlich immer», sagt sie. Eigentlich arbeitet sie in einem Teilzeitpensum von 60 Prozent in der Treuhandbranche in Vaduz. Sie gründet Firmen, betreut Kunden und wälzt Aktenstapel. Im Büro trägt sie einen Dutt und Brille. Unter der langen Bluse und den langen Hosen versteckt sie ihre Tattoos, die sie sich bei einem Tätowierer – einem Künstler, wie sie sagt – in Riga stechen liess. «Eine Indianerin mit Federschmuck», erzählt sie.

Unter dem seriösen Business-Outfit versteckt sich ein Freigeist, ein Wirbelwind, der immer in Bewegung ist und im Schnitt nur sechs Stunden Schlaf braucht. «Schade um die Zeit, wenn man länger schläft», sagt sie knapp. Ganz so, als wäre Ausschlafen an den Wochenenden ein Verbrechen. Lieber steigt sie ganz spiessig in ihr Wohnmobil, stellt sich den Wecker auf drei Uhr morgens, um dann mit ihren beiden Hunden auf eine Sonnenaufgangstour zu gehen.

Gipfelstürme und Wirbelwind

Ihre beiden Mischlinge sind Strassenhunde aus einem spanischen Tierheim, die über eine Tierschutzorganisation nach Liechtenstein gekommen sind. «Ginger hat man in Südspanien aus einem fahrenden Auto geworfen.» Sie darf gar nicht dran denken oder länger darüber sprechen, weil sonst die Wut über diese Tierquäler in ihr hochkocht. Ihre beiden Hündinnen Ginger und Clara sind bei fast jeder Wanderung, die sie privat macht, mit dabei.

Jetzt freut sich Katharina Link über einen tollen Sommer in den Bergen, wo sie auch – wie könnte es anders sein – ihre Ferien verbringt. Die vergangenen Monate während der Corona-Krise fiel es ihr schwer, wochenlang in den eigenen vier Wänden zu verharren, nicht auf die Berge zu dürfen und mindestens 1000 Höhenmeter am Tag zu absolvieren. Erst dann ist sie wirklich glücklich. Wenn sie am Gipfel steht, kann sie durchatmen und auftanken. Für diesen Moment ist ihre Sucht gestillt, bis sie am nächsten Morgen wieder von vorne beginnt. (dal)

31. Mai 2020 / 06:00
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