• Medikamentenmissbrauch
    Auch viele Erwachsene sind medikamentenabhängig.  (fstop123)

Wegen «Xanax» in der Notaufnahme

Wegen des missbräuchlichen Konsums von Medikamenten, allen voran Benzodiazepine, mussten bereits Personen ins Landesspital eingeliefert werden. Auch der Verein für Betreutes Wohnen hat mit Menschen zu tun, die an einer Medikamentensucht leiden.
Vaduz. 

Vor dem Mai-Landtag hatte Gesellschaftsminister Mauro Pedrazzini die Abgeordneten darum gebeten, von einer Kleinen Anfrage bezüglich des Medikamentenmissbrauchs (vor allem bei Jugendlichen) abzusehen. Es scheint so, als befürchtete er, mit dem Aufkommen des Themas in der Öffentlichkeit ungewollt «Werbung» zu machen und den missbräuchlichen Konsum von Medikamenten unter den Jugendlichen noch zu fördern. 

Seiner Bitte wurde zwar im Mai stattgegeben, nicht aber im Juni-Landtag. In ihrer Kleinen Anfrage wollte Vizepräsidentin Gunilla Marxer-Kranz von der Regierung unter anderem wissen, ob eine gesetzliche Regelung bezüglich Medikamentenmissbrauch angedacht ist, wer in Liechtenstein die Verantwortung für Präventionsarbeit trägt und ob es bei der Polizei eine entsprechende Stelle für Präventionsarbeit gibt – schliesslich sei das Amt für Soziale Dienste gemäss der Aussage eines Mitarbeiters völlig unterbesetzt, um selbst Präventionsarbeit leisten zu können. 

Betroffene mussten schon notfallmässig ins Spital
Die Anfrage von Gunilla Marxer-Kranz zeigt: Der Medikamentenmissbrauch – allen voran bei codeinhaltigen Hustensäften und Benzodiazepinen – ist in Liechtenstein weiterhin ein Thema. Auf Nachfrage beim Liechtensteinischen Landesspital bestätigt Jürgen Graber, Leitung Notfall, dass bereits Patienten wegen des missbräuchlichen Konsums von Medikamenten auf der Notfallstation behandelt werden mussten. «Das kommt sowohl bei Jugendlichen wie auch Erwachsenen vor», erklärt er. In den meisten Fällen seien Benzodiazepine, opiathaltige Medikamente oder psychotrope Substanzen im Spiel. «Unserer Einschätzung nach nehmen junge Erwachsene und Jugendliche eher psychotrope Substanzen, also Partydrogen, zu sich. Es ist aber allgemein bekannt, dass der missbräuchliche Konsum von Medikamenten unter den Jugendlichen zugenommen hat», sagt Graber. Obwohl das Landesspital bezüglich des Medikamentenmissbrauchs noch keine statistische Erhebungen durchgeführt hat, werden unabhängig vom Eintrittsgrund alle Notfallpatienten zu ihrer Medikamenteneinnahme befragt. Bei auffälligen Anzeichen oder merkwürdigem Verhalten des Patienten wird die Anamnese (Erfragung von potenziell medizinisch relevanten Informationen) erweitert oder ein Drogenscreen durchgeführt.

Zur Erklärung: Codeinhaltige Hustensäfte, in Liechtenstein vornehmlich unter dem Namen «Maka» wegen des Hustensafts Makatussin bekannt, dürfen aus gesundheitlicher Sicht nicht unterschätzt werden. Codein greift das zentrale Nervensystem an, was zu einer Abflachung der Atmung führen kann. Normalerweise würde an dieser Stelle ein Schmerzreflex einsetzen, der die Atmung wieder stimuliert. Weil die Schmerzrezeptoren durch das Opiat aber belegt sind, bleibt die reflexartige Stimulation aus. Dadurch kann bei einer Überdosis ein Atemstillstand eintreten. 

Benzodiazepine (beispielsweise im Medikament Xanax enthalten) haben ähnlich wie Codein eine beruhigende Wirkung, wobei es bei höheren Dosierungen zu einem Rauschsyndrom kommt. Zu den Nebenwirkungen des Arzneistoffs gehören niedriger Blutdruck, Müdigkeit, muskuläre Erschlaffung oder Schwindel. Damit verbunden sind Gangstörungen und Taumeln, wodurch wiederum eine hohe Sturzgefahr besteht. Ausserdem können paradoxe Effekte wie Unruhe- und Erregungszustände nicht ausgeschlossen werden. Und nicht selten kommt es bei bestimmten Präparaten zu Tätlichkeiten und schweren Gewaltmanifestationen.

«Benzos» kommen von Bekannten oder dem Arzt
Der Verein für Betreutes Wohnen (VBW) hat ebenfalls Erfahrung im Umgang mit medikamentenabhängigen Personen. So werden derzeit sowohl beim Sozialtherapeutischen Dienst wie auch beim Sozialpsychiatrischen Dienst Patienten betreut, die mit dem missbräuchlichen Konsum von Medikamenten zu kämpfen haben. «Aktuell handelt es sich um zwei erwachsene Personen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind», bestätigt Christine Thöny vom Sozialtherapeutischen Dienst. Vor allem seien Benzodiazepine, sehr oft aber auch Betäubungsmittel wie Ritalin und Concerta Auslöser der Abhängigkeit. Der Sozialpsychiatrische Dienst behandelt momentan rund zehn Klientinnen und Klienten – «überwiegend Erwachsene», ergänzt Erika Heis. Sie habe beobachtet, dass Benzodiazepine hauptsächlich bei Erwachsenen und Codein eher bei den Jugendlichen missbräuchlich konsumiert würden. «An Benzodiazepine gelangen die Klientinnen und Klienten über Bekannte oder Hausärzte, Betäubungsmittel sind eher vom Schwarzmarkt», sagt Thöny. Ihre Kollegin kann dem nur zustimmen und meint, dass die Ärzte untereinander nicht über die Medikamentenabgaben informiert seien. 

Die Behandlung im Rahmen des Sozialtherapeutischen Diensts verläuft so, dass die Patienten zuerst auf der Suchtstation untergebracht sind, bevor die Entwöhnung folgt. Der Medikamentenentzug müsse teilweise eng überwacht werden. Das Ausschleichen erfolge in der Regel langsam, was sehr viel Zeit benötige, erklärt Thöny. Zusätzlich existiert eine Vielzahl an Therapien, wobei beispielsweise der Umgang mit dem Suchtdruck fokussiert wird. Sport und Bewegung sind für den Heilungsprozess ebenfalls unumgänglich. Befindet sich ein Patient in der Abteilung des Sozialpsychiatrischen Diensts, sprechen die Fachpersonen die Situation an und informieren die zuweisenden Ärzte. «Sie können sich anschliessend vernetzen und adäquate Entzugstherapien anbieten», so Heis. 

Ausserdem besteht seit rund einem Jahr auch die Möglichkeit, dass Betroffene aus Liechtenstein die Suchtberatung der Sozialen Dienste Werdenberg (SDW) in Anspruch nehmen. «Wir haben ein Kontingent von fünf Liechtensteiner Patienten», erklärt Kurt Lehmann, Abteilungsleiter der SDW. Die Nachfrage infolge des Medikamentenmissbrauchs sei aus Liechtenstein bislang aber sehr gering. Lehmann schätzt, dass sich Betroffene eher direkt an Ärzte wenden.

Strafbestände haben 2018 massiv zugenommen
Dass das Thema durchaus relevant ist und gerade in letzter Zeit hohe Wellen geschlagen hat, steht ausser Frage. So bestätigt auch Sybille Marxer, Mediensprecherin der Landespolizei, einmal mehr, dass der missbräuchliche Konsum von Medikamenten seit 2018 stark zugenommen hat. «Auf exakte Zahlen können wir uns jedoch nicht stützen, da Medikamente nicht explizit ausgewiesen werden», so Marxer.
Ein Blick in die Rubrik «Drogendelikte» des Jahresberichts 2018 der Landespolizei zeigt, dass im Vergleich zu 2017 mehr Strafbestände polizeilich registriert wurden – darin enthalten sind auch Fälle von Medikamentenmissbrauch. So waren es im vergangenen Jahr insgesamt 713 Drogendelikte mit 202 Tatverdächtigen, während im Jahr zuvor 490 Strafbestände mit 151 Tatverdächtigen erfasst wurden. «Es gilt aber zu betonen, dass die Zunahme vor allem auf grössere Verfahren wegen des Verdachts des Cannabis- und/oder Kokainhandels zurückzuführen sind», erklärt die Mediensprecherin. Gleichzeitig merkt sie aber auch an, dass zwischen Medikamentenmissbrauch und Cannabis-Konsum eine gewisse Korrelation bestehe. (jka)

16. Jun 2019 / 22:08
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